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Interview mit den No Angels zum neuen Club-Album (ab 11.9.)
Euer neues Album „Welcome To The Dance“ klingt nach wahnsinnig viel Arbeit. Waren das eure härtesten Studiosessions bisher?
Nadja: Also, hart war’s nicht, weil es ganz viel Spaß gemacht hat. Aber es war auf jeden Fall die zeitaufwendigste Produktion, die intensivste Arbeit. Wir haben das aber durchgezogen, weil wir total motiviert waren, das lieben, was wir tun.
Das am Club orientierte „Welcome to the Dance“ knüpft direkt an Songs wie „Feelgood Lies“ vom Album „Pure“ an. Warum habt ihr euch bei dem Comeback-Album „Destiny“ damals für diesen getragenen, balladenlastigen Sound entschieden?
Sandy: Die No Angels standen für einen bestimmten Sound. Wir haben unheimlich viele Platten verkauft und das mit reiner Popmusik. Die Musik war nicht immer mutig, aber sie hat viele Leute angesprochen. Da gab’s natürlich kleine Experimente wie „Let’s go to bed“ oder auch „Feelgood lies“, die auch total gut funktioniert haben. Aber als wir dann zurückgekommen sind, war sowohl von Seiten der Plattenfirma, als auch von unserer Seite das Gefühl da, wir müssen den Leuten das geben, was sie schon kennen. Das war falsch. Alle zusammen hatten einfach nicht genug Mut, etwas Neues zu probieren. Diesmal haben wir gesagt, alles auf eine Karte. Wir machen jetzt was Neues, wir sind jetzt mutig.
Das Album war ja quasi gerade fertig, als die mediale Hetze gegen Nadja losging. Hattet ihr da nicht Schiss, dass das alles kaputt machen könnte?
Lucy: Klar. Die Single sollte ja sechs Wochen später rauskommen, das Album vor dem Sommer schon draußen sein, an dem Tag sollten wir schon anfangen, zu arbeiten. Und plötzlich waren alle Vorstellungen, alle Planungen auf Eis gelegt. Trotzdem stand es für uns nie in Frage, ob wir das Album rausbringen können. Für mich, Jessica und Sandy war wichtig, dass wir Nadja dieses Gefühl auch weitergeben, dass es für uns kein wenn und aber gibt als Band, auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt keinen direkten Kontakt zu ihr hatten.
Nadja, HIV-positive Schwule haben sich ja über die Jahre eine recht gut funktionierende Lobby erarbeitet. Das fehlt bei Frauen mit HIV komplett. Hast du das Gefühl, du könntest die ganzen Ereignisse in etwas Gutes umwandeln und durch deine Popularität HIV-positiven Frauen so was wie eine Stimme und ein Gesicht geben?
Nadja: Auf jeden Fall. Ich hoffe echt, dass das jetzt alles so eine positive Wende bekommt. Das was passiert ist, war natürlich überhaupt nicht vorbildlich, das war total kontraproduktiv. Das war natürlich ein totaler Schock für ganz viele Frauen. Es gibt einfach nicht wirklich viele Frauen, die HIV-positiv sind, und das Thema ist mit ganz viel Scham und Schuld und Ekel und Angst behaftet. Als mein mediales Zwangsouting passiert ist, war das ganz schlimm. Die Frauen sind einfach nicht mehr zum Arzt gegangen, haben ihre Werte nicht mehr kontrollieren lassen, hatten Angst, dass irgendwie die Kripo bei ihnen vor der Tür stehen könnte, oder was auch immer. Ich hoffe wirklich, dass das jetzt diese Wende bekommt, dass wir durch unseren Erfolg, durch unsere Präsenz und die Souveränität, mit der wir mit dem Thema umgehen, etwas zur Aufklärung der Leute beitragen können. Es wäre toll, wenn sich dadurch diese Frauen wieder sicherer fühlen könnten.
Du kannst natürlich auch ganz andere Menschen erreichen. Gerade die, die vorher dachten HIV wäre ein rein schwules Thema. Teenager und so.
Jessica: Die meisten Teenager kennen noch nicht mal den Unterschied zwischen HIV und AIDS. Neulich kamen zwei Jungs auf der Straße in Berlin auf mich zu und meinten, wie es denn meiner kranken Kollegin gehen würde, und ob sie jetzt wieder gesund wäre. Krass, man merkt also, dass die Aufklärung viel zu kurz kommt, dass das Thema Safer Sex für viele Teenager überhaupt keine Rolle spielt.
Nadja: Dazu muss ich aber auch sagen, da kann man den Teenagern auch nicht so viele Vorwürfe machen, weil das Thema leider auch immer mehr in den Hintergrund rückt. In den Schulen und auch generell wird überhaupt nicht mehr richtig darüber gesprochen. Das Kondom ist eigentlich mehr dafür bekannt, Schwangerschaften zu verhindern, als vor Krankheiten zu schützen.
Lucy, du bist bei der „Ich hab AIDS nicht vergessen“-Kampagne dabei, du warst mit Jessica zum Start der Akzeptanzkampagne des LSVD am Roten Rathaus. Wie wichtig ist euch dieses Engagement und auch der Schulterschluss mit der queeren Community?
Lucy: Als homosexuelle Frau habe ich mich natürlich immer schon sehr gefreut, wenn wir uns als Band für Toleranz und Respekt Homosexuellen gegenüber einsetzen konnten. Ich bin eine aus der Community und bin immer akzeptiert worden, überall wo ich war. Wir möchten zeigen, dass Toleranz sehr wichtig ist. Vor allem unter Jugendlichen und eben auch außerhalb der Großstädte. Mit der Unterstützung der Aidshilfe haben wir uns als Band und auch jede Einzelne von uns immer schon sehr beschäftigt. Nadja war nicht unbedingt ein Grund dafür, aber natürlich möchten wir durch diese besondere Situation noch viel mehr machen. Wir haben viele Kontakte zu infizierten und auch zu kranken Menschen, insofern wollen wir damit einfach auch ein Stück unseren Freunden helfen. Im Jahr 2009 sollte Intoleranz einfach in einem Land wie Deutschland, mit einer Frau als Kanzlerin, keinen Platz mehr haben.
Interview: Jan Noll
„Welcome To The Dance“, ab 11.9.



