L-Mag

Das ungeliebte L-Wort und wieso wir es (noch) brauchen

Das Image des Wortes „lesbisch“ ist, gelinde gesagt, ausbaufähig: Niemand möchte es so recht sagen und sein. L-MAG-Verlegerin Gudrun Fertig erklärt, wieso wir trotzdem oder gerade deswegen weiterhin „Magazin für Lesben“ heißen.

Uta Zorn Die Schweizer Fußballnationalspielerin Ramona Bachmann machte uns im letzten Jahr das "L"

Von Gudrun Fertig

l-mag.de, 11.1.2017 – Unverhofft kommt oft. So ist es auch mit dem ungeliebten L-Wort. „Ich sag jetzt immer, ich bin queer“, verkündet eine Freundin plötzlich in trauter Runde. Leider nimmt das Gespräch eine andere Wendung, und ich komme nicht dazu, nachzufragen, warum sie das tut.

Vermutlich hätte sie in etwa so geantwortet: „Weil lesbisch so offensiv klingt … Weil mich beim Wort lesbisch immer alle so komisch ansehen … Weil es mir unangenehm ist.“ Was sie vermutlich nicht gesagt hätte: „Weil lesbisch alle so toll finden … Weil mir Lesbischsein zu viel Glamour hat … Weil ich mit queer einen radikalen politischen Ansatz verfolge.“ Zumindest meine ich, jene Freundin so weit zu kenne.

Keine Schubladen, lieber nicht so sexuell, nicht so explizit werden...

Und seien wir ehrlich: So geht es nicht nur ihr, das Wort „lesbisch“ benutzen nur wenige freiwillig. Sein Image ist, gelinde gesagt, ausbaufähig. „Betroffene“ wie „Nicht-Betroffene“ winden sich drumherum, finden es theoretisch gut, sich für Lesben einzusetzen, wollen dabei aber lieber nicht so explizit werden. Sich nicht in das „Privatleben“ von anderen einmischen. Niemandem zu nahe treten. Nicht zu sexuell werden. Niemand in eine Schublade stecken. Kurz: Sehr viele NICHTs und NIEMANDs, nur wenige ICHs und Ls. Wohin nur mit dem Lesbischsein?

Genauso geht es uns mit L-MAG, eurem Magazin für Lesben. Egal ob auf einer Podiumsveranstaltung, im Gespräch mit neuen Anzeigenkundinnen und -kunden oder beim Einsortieren von L-MAG am Kiosk. Das Wort „Lesben“ löst eher Irritation, Ratlosigkeit oder ein „Wohin damit nur?“ aus als Freude, Interesse oder Bewunderung.

"Lesbisch", "queer", "LGBT" sind nicht dasselbe - da sind wir genau

Und genau deshalb heißt L-MAG so, wie es heißt: „Magazin für Lesben“. Das schließt niemanden vom Lesen aus und ermöglicht L-MAG trotzdem, nicht-lesbische Themen zu behandeln, über den Tellerrand zu schauen, feministisch zu sein, und sich doch überwiegend um eines zu drehen: das Lesbischsein mit seinen Höhen und Tiefen. Persönlich wie gesellschaftlich. Im Hier und Heute.

Queer? For girls? Oder frauenliebend? Wenn es zum Thema passt, ist auch das Wort „queer“ nicht verboten, ebensowenig wie „trans“, „schwul“, „*“, „LGBT“ oder „schwul-lesbisch“. Wir sind da sehr offen, aber auch sehr genau. Was wir nicht machen, ist, die Kultur und Politik, die Sexualität und die Liebe von lesbischen Frauen generell mit „for girls“, „frauenliebend“ oder „queer“ zu umschreiben.

Das L-Wort als Brücke zu einer Zukunftsvision

Ist das nicht doch sehr altmodisch, mögen manche von euch fragen. Wir finden: NEIN! Genauso wenig wie für uns die Worte „Feminismus“, „Frauen“, „Frauenunterdrückung“, „Emanzipation“, „Patriarchat“ noch nicht passé sind. Auch wenn es sich durchaus lohnt, über die Aufhebung von Geschlechtergrenzen, den Unsinn von Geschlechterzuschreibungen oder mehrere statt zweier Geschlechter nachzudenken, und das tun wir.

Gerade lesbische Geschichte und Kultur stehen dafür, „Frau-sein“ sehr vielfältig und offen zu denken und Geschlechterschubladen nicht zu akzeptieren. Noch brauchen wir aber das Wort „lesbisch“. Als explizite Brücke von der härter werdenden Realität hin zu einer Zukunftsvision. Eine Zukunft, in der alle so leben können, wie sie wollen. Queer im politisch radikalen Sinne, emanzipiert, vielfältig und gleichberechtigt. In diesem Sinne wünschen das L-MAG-Team und ich euch allen ein wunderbar lesbisches Jahr 2017!

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