Natürlich gibt es auch echte Lesben in Syrien
Blick über Damaskus, c Hannah WettigL-MAG Autorin Hannah Wettig schrieb im Sept/Oktober-L-MAG:
Im Mai, zu Beginn der Revolte in Syrien, berichteten Medien weltweit überraschenderweise auch über eine lesbische Bloggerin in der Hauptstadt
Damaskus. In ihrem Blog „A Gay Girl in Damascus“ schrieb die bis dahin Unbekannte sehr offen und unverblümt über lesbisches Leben in Syrien, ihre Ansichten zum Islam und über Politik allgemein. Doch dann stellte sich heraus: Die Bloggerin Amina Abdallah Arraf al Omari war die Erfindung des 40-jährigen US-Amerikaners Tom MacMaster. Diese Enthüllung stieß Ende Juni zahlreiche Debatten über Cyber-Identitäten und Männerfantasien an.
Besonders wütend war die syrische Blogger-Szene. Doch natürlich gibt es auch echte Lesben in Syrien. L-MAG-Autorin Hannah Wettig traf eine real existierende lesbische Bloggerin aus Damaskus. „Du musst dir unbedingt die Seite von ‚Gay Girl in Damascus‘ ansehen“, sagt Razan, als ich sie Ende Mai in Kairo zum lesbischen Leben in Syrien befrage. Da wusste sie noch nicht, dass es sich um eine Fälschung handelte. Auch Razan ist Bloggerin aus Syrien, sie ist lesbisch und sie ist echt.
Ihre Webseite „Lefto-Feminist Blog from Syria“ ist weit weniger eloquent geschrieben als der Blog „A Gay Girl in Damascus“. Auf ihrem Blog berichtet Razan über Demonstrationen und Verhaftungen, gibt technische Tipps, wie man die Überwachung des syrischen Geheimdienstes im Internet umgeht, und führt eine Liste der Todesopfer seit Beginn der Revolte. Keine große Zeitung dieser Welt berichtet über Razans Seite. Die nicht existente Amina dagegen, die als „Gay Girl in Damascus“ schrieb, gab zahlreiche Interviews.
Anfang Juni wurde Amina Arraf als Erfindung des 40-jährigen US-Amerikaners Tom MacMaster entlarvt. Razan hielt viel von Amina. Ein anderer syrischer Blogger, der gemeinsam mit Razan nach Kairo gereist war, zeigte sich gar erstaunt, dass sie sich nicht persönlich kannten. Denn die Lesbenszene in Damaskus ist überschaubar. „Man trifft sich in bestimmten Cafés und Bars“, erzählt Razan. „Die meisten sind sehr jung und reden nur über Sex und Beziehungen.“ Das mag auch daran liegen, dass erst in jüngster Zeit überhaupt so etwas wie eine Szene entstanden ist. „Das ist großartig, aber mir zu unpolitisch“, sagt Razan. Sie findet gleichgesinnte politische Lesben eher in Beirut, im Libanon, wo sie studiert hat. Dort engagiert sie sich in der Gruppe Meem, die sich für Rechte von LGBT-Frauen in der arabischen Welt einsetzt. (...)
Razan hat auf ihrem Blog nichts geschrieben, was sie persönlich kenntlich
machen könnte. Trotzdem hat sie die Seite Mitte Juli vom Netz genommen und sich zurückgezogen. Sie hat Angst. In einer E-Mail schreibt ein mit ihr befreundeter Aktivist: „Razan geht es gut. Sie hat ihren Blog und ihr Twitter-Postfach aus Sicherheitsgründen abgemeldet.“ Mehr ist nicht herauszufinden, denn der syrische Geheimdienst überwacht den E-Mail-Verkehr.
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Razan erzählt, dass die meisten ihrer Bekannten wissen, dass sie lesbisch ist, auch ihre Eltern. „Aber das ist eine Ausnahme.“ Auf keinen Fall dürfe der Arbeitgeber davon erfahren. „Dann wirst du sofort entlassen.“ Viele ihrer Freunde reagierten ablehnend, als sie zunächst über lesbische Themen bloggte. „Ich denke mittlerweile, dass es ein Fehler war, über Lesben- und Schwulenthemen zu sprechen, bevor man Gender und Sexualität thematisiert. Besonders in einem Land, wo es keinen Raum gibt, Tabus und Fehlinterpretationen zu dekonstruieren“, resümiert sie.
Hannah Wettig


