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Serie „The Testaments“: Lesbische Gefühle in brutaler Männer-Diktatur

Die feministische Serie „The Testaments: Die Zeuginnen“ erzählt von drei jungen Frauen im dystopischen Gilead fünfzehn Jahre nach „The Handmaid’s Tale“. Lohnt sich das Streamen – oder solltet ihr lieber zur Romanvorlage von Margaret Atwood greifen?

Disney+ Stramm stehen vor Aunt Lydia (Ann Dowd): Daisy (Lucy Halliday, l.) und Agnes (Chase Infiniti) in „The Testaments“

Von Nina Süßmilch

21.6.2026 - Diese erste Staffel hätte eine Miniserie werden können. In den letzten drei der insgesamt zehn Episoden bekommt die Erzählung um die jungen Frauen Agnes (Chase Infiniti), Becka (Mattea Conforti) und Daisy (Lucy Halliday, bekannt aus dem Lesbenfilm Blue Jean) immerhin so etwas wie Tiefe und Spannung. Man ahnt tragische Verstrickungen (und die eigentliche Herkunft von Agnes und Daisy!) und dass Gefühle auch vor dem streng geregelten Alltag im dystopischen Gilead nicht haltmachen. Es wird aber auch klar, dass sich Disney+ eine zweite Staffel nicht entgehen lassen wird. Und so zieht sich alles in die Länge, bleibt monochromatisch und flach.

Wie würdest du dich in einer Diktatur verhalten?

Dabei gibt die Vorlage der literarischen Grande Dame Margaret Atwood alles her: Shakespearische Verstrickungen und Entwicklungen, kluge Gespräche, ein Blick darauf, wie Propaganda und das Umwandeln einer demokratischen Gesellschaft in eine streng hierarchische Diktatur funktionieren und wie lebensgefährlich es ist, sich daraus wieder befreien zu wollen. Dazu wird die Frage der eigenen Moral gekonnt eingeworfen: Wie würdest du dich in dieser Situation verhalten?

Die spannendsten Handlungsstränge und vor allem Charaktere werden in der Serie aber kaum ausgeleuchtet, verschwimmen vielmehr im Pastell der hermetisch abgeschirmten Welt der Commander von Gilead und ihrer Familien.

Lediglich Beckas lesbische Gefühlswelt ist deutlicher in die Serie hineingeschrieben worden. Becka ist die beste Freundin der Hauptfigur Agnes. Beide gehen gemeinsam zur Schule, wo sie in ihrem letzten Jahr, bevor sie verheiratet werden sollen, auf das „Pearl Girl“ Daisy treffen, die aus Kanada nach Gilead kommt.

Vollständige Unterdrückung

Atwood schrieb die Fortsetzung „Die Zeuginnen“, wie der deutsche Titel von „The Testaments“ heißt, über dreißig Jahre nach dem Erscheinen ihres ersten Romans „Der Report der Magd“ (Original: „The Handmaid’s Tale“). Sie wollte, erklärte sie, die vielen Fragen beantworten, die es zur fiktiven Republik Gilead und der darin umgesetzten, vollständigen Unterdrückung von Frauen und Minderheiten gab.

Wie leben Menschen, die kaum emotionale Verbindungen zueinander entwickeln dürfen und ständig überwacht werden? Im Miteinander liegt stets die potentielle Gefahr der Revolte und des Aufbegehrens. Alle, auch Männer, stehen unter einem Generalverdacht, der potenziell tödlich enden kann. Man nehme das Alte Testament wörtlich, erkennt Daisy, die kotzend aufs Klo rennt, nachdem sie die erste körperliche Bestrafung miterlebt hat.

Genau hier – in den Kommentaren der jungen Daisy oder in denen der gefürchteten Aunt Lydia (Ann Dowd) – schimmert in der Serie manchmal Atwoods legendärer Witz und ihr messerscharfer Intellekt durch und man wünscht sich mehr davon. 

Fünfzehn Jahre nach dem „Report der Magd“

Die Erzählung bewegt sich fünfzehn Jahre nach dem „Report der Magd“ in den Kreisen und auf den Stockwerken, in die die Zofen wie die damalige Hauptfigur Offred meistens nur zur systematischen Vergewaltigung gehen durften.

Wir sehen riesige Schlafzimmer mit angrenzenden Badezimmern. Gut abgeschirmt werden die Töchter der hochrangigen Commander in einer Welt erzogen, in der sie weder Lesen noch Schreiben lernen, dafür eine ganze Menge Handwerk angedeiht bekommen. Sobald die Schülerinnen ihre Menstruation bekommen, werden sie an ledige Commander verheiratet, oftmals deutlich älter als sie, um Kinder zu gebären.

Darin liegt in Gilead der Wert einer jeden Frau, sei es die Frau eines Commanders oder eine Zofe, wie im „Report der Magd“ ausführlich beschrieben. Die Rollen sind klar verteilt. Natürlich bilden sich aber auch in dieser kontrollierten Welt Banden und die Serie endet mit einer Katastrophe, für die vor allem die lesbische Becka den Preis zahlen muss.

Serie: „The Testaments: Die Zeuginnen“, USA 2026, Disney+, 10 Folgen, Creator: Bruce Miller, mit Chase Infiniti, Mattea Conforti, Lucy Hall, Ann Dowd u.a.

Roman: Margaret Atwood, „Die Zeuginnen“, Berlin Verlag, 2019, gebunden (Berlin Verlag): 22,99 €, Taschenbuch (Piper Verlag): 15,- €, E-Book: 11,99 €

 

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