Rosa ist für Mädchen!
„Geschlechtssensible Erziehung ist nicht einfach”, sagt Pädagogin Melanie Ebenfeld und rät, Kinder einfach machen zu lassen
l-mag.de 19.12. – „Also, das ist so“, sagt der Herr Professor Doktor, der im Fernsehen einen vermeintlichen Beweis für Homosexualität und/oder Transidentität führt. „Wenn ein dreijähriger Bub in die Pumps seiner Mutter steigt, dann klingeln natürlich die Alarmglocken. Und das kann nur etwas mit Hormonen zu tun haben und nicht mit Sozialisation, denn woher sollte er sonst in dem Alter schon wissen, dass Pumps etwas absolut Weibliches sind?“ Alarmglocken? Allerdings. Lauter geht’s nicht.
Doch in einem Punkt trifft der Gedankengang des „Fachmannes“ den Nerv vieler Eltern: Kinder, die sich für Dinge interessieren, die vom Durchschnittserwachsenen dem Gegengeschlecht zugeordnet werden, werden von ihrer Umgebung meist schnell in ihre Schranken gewiesen. „Dabei finden Kinder Dinge vielleicht einfach spannend, weil sie bunt sind, glitzern oder weil die Erwachsenen sie haben. Aufgeladen werden diese Symbole aber von Außen – von Erwachsenen oder von älteren Kindern“, erklärt die Pädagogin Melanie Ebenfeld.
Niemand ist perfekt, aber es lohnt, über die Dinge nachzudenken
Sie beschäftigt sich schon lange mit geschlechtssensibler Erziehung und bietet seit 2007 Gender Trainings insbesondere für MultiplikatorInnen an. Im Herbst diesen Jahres arbeitete Ebenfeld erstmals auch direkt mit Eltern – im Rahmen eines Regenbogenfamilien-Seminares der Friedrich-Ebert-Stiftung und des LSVD. Die angebotenen Workshops waren ausgebucht – und das, obwohl auch Melanie Ebenfeld keine allgemeingültigen Antworten auf all die Fragen hat, mit denen sich die Teilnehmenden quälen. „Der Wunsch, alles richtig machen zu wollen und politisch so korrekt wie möglich ans Thema Erziehung heranzugehen, kann lähmen. Mir liegt viel mehr am Herzen, Fragen aufzuwerfen, kontrovers zu diskutieren und Denkanstöße zu geben“, sagt sie. „Ein Vermeiden von Genderklischees in der Erziehung ist nur möglich, wenn man stumm bleibt und sich nicht bewegt. Viel wichtiger, als keine Fehler zu machen, ist es, über Themen nachzudenken, zu reflektieren und zu lernen, über die eigenen Geschlechterklischees zu stolpern.“
Und sich einmal mit der Frage zu beschäftigen, ob man es akzeptiert, wenn ein Kind sich roten Lack auf die Nägel pinselt. Wenn ein Junge allen Klischees entsprechend nur blau tragen will und ein Mädchen nur rosa. Oder umgekehrt. Ob hinter der dem Kind versprochenen Freiheit nicht am Ende doch Grenzen stehen: Kann ein Kind zum Beispiel auch mit elterlicher Unterstützung rechnen, wenn sie oder er als sehnlichsten Berufswunsch Hausfrau und Mutter angibt?
Ein Schuh ist ein Schuh ist ein Schuh
„Geschlechtssensible Erziehung ist keine einfache Sache – weder in Regenbogen-, noch in Heterofamilien. Vielleicht haben Regenbogenfamilien einen stärkeren Wunsch, sich an gegebene Normen anzupassen, vielleicht aber auch gerade nicht. Eine besondere Chance in queeren Familienstrukturen ist allerdings das Potential, Normen zu durchbrechen.“ Melanie Ebenfelds träumt von ihrer ganz persönlichen idealen Welt, in der Geschlecht keine Relevanz hat und feste Schubladen und hierarchische Machtverhältnisse der Vergangenheit angehören. Bis (und damit) sich dieser Traum erfüllt, ist ihr dringlichster Erziehungstipp, die Kinder einfach machen zu lassen und ihnen auf ihrer Entdeckung der Welt eine möglichst große Vielfalt anzubieten: an Bezugspersonen, Lebenskonzepten, Spielzeugen und Kleidern. Und dabei keine Angst zu haben. Ein hochhackiger Schuh ist in erster Linie mal ein hochhackiger Schuh. Alles andere passiert in den Köpfen der Betrachtenden.
Tania Witte
Melanie Ebenfeld: www.gender-education.de





