L-Mag

Die Transsib: einmal quer durch Russland

Von lesbischen Küssen mal ganz abgesehen: zwei alleinreisende Frauen sind ungewöhnlich genug

Die allgegenwärtige „Provodniza“ vor dem Zug, c: Lille Mahler

l-mag – L-MAG-Autorin Kathrin Mahler Walther brach gemeinsam mit ihrer Partnerin im Sommer 2009 gen Osten auf und reiste auf den Spuren einer Legende.

Wir folgten einem Mythos: Von unendlichen Wäldern, sibirischer Einöde und einer märchenhaften Zugreise in rotem Samt. 9289 Kilometer von Moskau bis Wladiwostok, sieben Zeitzonen, sechs Tage und sieben Nächte mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Das Abenteuer fängt bei den Zugtickets an. Wer zeitlich flexibel ist und des Russischen mächtig, kann vor Ort sein Glück am Schalter versuchen. Viele Züge fahren täglich auf der Strecke und einzelne Abschnitte können flexibel gebucht werden. Das ist die preiswerteste Variante. Wer nicht in ausreichendem Maße über Geduld und Sprache verfügt, sollte auf einschlägige Reisebüros in Deutschland vertrauen und vorher buchen.

Wir hatten uns für einen urbanen Start in St. Petersburg entschieden. Das „Tor zu Europa“ hatte Zar Peter der Große seine Stadt genannt, die er 1703 gründete. Und in der Tat, die Architektur trägt europäische Züge und die Wasserstraßen erinnern ein wenig an Amsterdam. Doch die zahlreichen Touristen, die heute kommen, empfängt man überwiegend in gepflegtem Russisch. Schon hier – noch weit entfernt vom Sibirischen – war ich froh über verschüttete Sprachkenntnisse.

Die „Transsib“ bestiegen wir dann in Moskau. Unsere freudige Aufregung war durchzogen von Furcht: Würden wir die „Provodniza“ für uns gewinnen können? Jeder Waggon ist ausgestattet mit einer solchen Herrscherin. Mit ihrer fortwährenden uniformierten Anwesenheit gibt sie dem Ganzen eine gewichtige Note. Auf jeder Station bewacht sie genau, wer raus- und reingeht. Dazwischen saugt und glättet sie den 20 Meter langen Teppich im Gang, der dann aus  unerfindlichen Gründen mit einem ebenso langen handtuchähnlichen Läufer gegen Benutzungsspuren geschützt wird. In ihrem kleinen Kabuff beherbergt sie Waren des täglichen Bedarfs und bessert mit mehr oder weniger verkaufsfreudiger Miene ihr schmales Salär auf. Vor allem aber hat die „Provodniza“ die Hoheit über den Samowar, einem Heißwasserkocher von interessanter, fast vorindustriell  anmutender technischer Beschaffenheit – wichtigste Grundlage für morgendlichen Kaffee und abendliche Tütensuppen.

Beste Verpflegung an den Haltestellen des Zuges, c: Lille Mahler

So karg wie das jetzt klingt, sah unsere Verpflegung aber keineswegs aus. Denn die eigentlichen Shopping-Highlights erwarteten uns auf den Bahnhöfen. Alle vier bis fünf Stunden hielt der Zug für etwa 20 Minuten. Genug Zeit für ausgedehnte Ausflüge auf dem Bahnsteig, wo zahlreiche „Babuschkas“ ihre Ware feilboten. Selbstgemachte Pelmeni und Wareniki – russische Teigtaschen mit leckerer Füllung. Tomaten, Gurken, Blaubeeren, Krapfen und Kaviar. Im Zugabteil futterten wir uns durch den Tag, tranken Tee und ließen die Landschaft an uns vorüber ziehen.

Nach zwei Tagen und zwei Nächten machten wir Station in Novosibirsk. Die drittgrößte Stadt Russlands entstand Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Ziel, Sibirien zu erschließen. Heute mischt sich hier gräuliche Plattenbau-Tristesse mit modernen Coffee-Shops und Sushi-Bars. Das Zentrum der Stadt markiert der Opernplatz, weithin erkennbar an einer riesigen Lenin-Statue, umgeben von stählernen Vorkämpfern aus sowjetischen Zeiten. Zu unserer Überraschung übt das Denkmal eine große Anziehung auf die Menschen aus. Wir sahen an diesem Vormittag allein drei Hochzeitspaare, die sich vor der ehernen Geschichte des Landes ablichten ließen.

Wir sind in Sibirien, dem Zentrum des stalinistischen „Gulag“-Systems, den berüchtigten Arbeitslagern. Doch Gedenktafeln für die Opfer sucht man vergebens. Dafür gibt es allerorts Statuen, die an den Zweiten Weltkrieg und den Sieg der Sowjetunion erinnern. Manchmal scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein.

Irkutsk ist heute das Verwaltungszentrum der Baikal-Region und war über Jahrhunderte wichtiger Knotenpunkt für den Handel mit China. Wir machten hier unsere zweite Station auf der „Transsib“-Strecke und sahen das erste Mal russische Lesben. Während wir in der Öffentlichkeit ziemlich befangen agierten, liefen sie Hand in Hand über die Straße und tauschten Küsse. Auch später in Wladiwostok fielen sie uns auf. Doch das Bild blieb selten. Alleinreisende Frauen sind eine Seltenheit. Wir fielen auch ohne Küsse aus dem Rahmen. Individuell Reisende sind in Russland ungewohnt und Frauen erst recht. Die russische Lebenswelt ist stark von traditionellen Geschlechterrollen geprägt. Frühe Heirat, schnelles Kinderkriegen, die Frauen arbeiten und kümmern sich um Familie und Haushalt. Da passten wir nicht gut hinein. Zwar wurden wir nie komisch angemacht, lösten aber deutliche Fragezeichen aus.

Autorin Kathrin Mahler-Walther glücklich bei der Erfüllung eines Jugendtraumes: am Baikal-See, c: Lille Mahler

Von Irkutsk fuhren wir im „Marschrutka“, dem üblichen russischen Miniva-Kleinbuss, zum Baikalsee. Mit neun hatte ich in meinem ersten Russisch-Buch ein Foto des riesigen Sees gesehen. Seither träumte ich von dieser Reise. Ich war überwältigt, als ich nun an seinem Ufer stand. Eine unendliche Wasserfläche, umgeben von karger Gebirgslandschaft. Eine andächtige Stille, die nicht einmal von Schiffen gestört wird. Denn außer der Fähre zur Insel Olchon fährt hier kaum etwas. Auf Olchon sind in den letzten Jahren einige schöne Unterkünfte entstanden. Am bekanntesten ist das Camp von Ex-Tischtennismeister Nikita Bentscharow. Holzhütten in sibirischem Stil warten mit einfachstem Komfort, aber freundlichem Service und ortstypischer Verpflegung auf. Der nahe gelegene Sandstrand läßt auch in Sibirien ein Sommerurlaubsgefühl entstehen, bei Höchsttemperaturen von10 bis 12 Grad kann man sich ins Wasser stürzen. Der tiefste Süßwassersee der Erde bildet ein Fünftel der weltweiten Süßwasserreserven und hat mehrWasservolumen als die Ostsee. Im Winter friert er komplett zu und wird als Straße genutzt.

Eine Woche später saßen wir wieder im Zug und fuhren noch einmal drei Tage und drei Nächte in einem märchenhaften Abteil aus rotem Samt. 1903 wurde die Strecke fertig gestellt, die sich nahe der chinesischen Grenze bis nach Wladiwostok zieht. Als Hauptstützpunkt der Sowjetflotte war die Stadt bis 1991 für Ausländer gesperrt. Heute erlebt sie einen Aufschwung, überall wird gebaut, moderne Hochhäuser schießen in die Luft. Russlands wichtigste Hafenstadt am Pazifik verbreitet ein maritimes, weltoffenes Flair und läßt stellenweise Vergleiche mit San Francisco aufkommen: Die Straßen zum Meer fallen steil ab, Menschen flanieren mit „Coffee to Go“ entlang alter Häuserzeilen. In lauer Sommernacht träumen wir von der Ferne und würden gern eine der Fähren nach Japan oder Südkorea besteigen. Aber drei Wochen Urlaub sind eben keine Weltreise. Immerhin ist es ein großes Stück Welt – knapp ein Viertel des Äquatorumfangs – das wir auf dem Landweg durchquert haben. Und jeder Kilometer war ein Stück Abenteuer.

Empfehlenswerte Literatur:
„Lonely Planet: Trans-Siberian Railway“
Colin Thubron: „Sibirien: Schlafende Erde – Erwachendes Land“

Kathrin Mahler-Walther

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