Vancouver: Politisch, queer und wunderschön
Die „kleine Großstadt“ Kanadas hat für Lesben viel zu bieten
River Tuckerlmag – Zu Recht wird Vancouver zu den Städten mit der größten Lebensqualität gezählt. Im Westen der Stadt liegt der Pazifik. Am Strand wird bis nachts gefeiert, tagsüber kämpfen Spaziergänger und Skater um die Strandpromenade. Im Norden ragen die Berge aus dem Panorama. Die Einwohner erzählen stolz, dass man an nur einem Tag sowohl im Meer schwimmen, als auch in den Bergen wandern, klettern und in der Stadt Tennis spielen oder Inlineskaten kann. Vancouver verlangt also eine gute Kondition. Am English Bay weht die Regenbogenflagge, hier beginnen Downtown und das Gay Village rund um die Davie Street. Die Bushaltestellen sind rosa. Regenbogenflaggen zieren fast jedes Schaufenster. „Das ist hier Standard, um Kunden zu werben“, erklärt die Verkäuferin im Little Sister’s, dem schwullesbischen Buchladen der Stadt.
Persönliche Freiheit gehört in Vancouver zum Lebensgefühl. Während der queer Feiertage und Paraden bestimmen mehr barbusige Frauen das Bild als nackte Männeroberkörper. „Ist man in Berlin auch so offen wie hier?“, fragt eine junge Frau während eines Musikfestivals. Freizügigkeit ist in Vancouver von politischer Bedeutung. Das selbstbewusste Nationalgefühl der Kanadier speist sich traditionell aus der Abgrenzung zu den prüden US-Amerikanern. Die Grenze ist nur 45 Kilometer von Vancouver entfernt, die nächste Großstadt ist Seattle, nur 300 Kilometer südlich. Dass Vancouver direkt am Strand liegt, vergisst man schnell, je weiter man Richtung Osten fährt. Während das Village Downtown mehr Läden und Clubs für Schwule bietet, leben und feiern die Lesben im East End rund um den Commercial Drive. Hier wohnt auch die junge Malerin Patricia Atchison, deren Bilder lesbisches Leben dokumentieren. Die 32-Jährige ist in Vancouver geboren. „Die Stadt inspiriert mich, ich mag die Architektur und wir haben eine tolle queer Szene. Die Berge und der Strand sind einfach unschlagbar. Vancouver ist eine kleine Großstadt“, schwärmt Patricia. In den unzähligen Cafés auf dem Commercial Drive sitzen vor allem die Hippsters, die wegen der renommierten Filmhochschule gekommen sind. Hier gibt es politisch korrekten Kaffee, gute Restaurants und Second Hand-Läden, die Hippiekultur lebt. Ein Mal im Jahr findet in diesem Viertel der Dyke March statt – eine Tradition aus den 80ern. Den Auftakt zur homopolitischen Saison macht der East Side Pride am letzten Juniwochenende, eine Art alternativer CSD.
Dieter Schütz/pixelio.deEntgegen gängigen Vorstellungen, dass es in Vancouver im Winter kalt und im Sommer heiß sei, bestimmt ein eher mildes Klima die Stadt. Der Regenwald tut sein Übriges: So gehören Regentropfen in jeder Jahreszeit dazu, besonders im November. Vancouver ist eben nicht das sonnige L. A. Das durften auch die Schauspielerinnen von „The L-Word“ erfahren. Nach New York und Los Angeles ist Vancouver der drittwichtigste Standort der nordamerikanischen Filmindustrie. Aus Kostengründen und um Auflagen der US-Gewerkschaften zu umgehen, werden hier viele Hollywoodfilme und TV-Serien produziert. Die Schauspielerinnen Leisha Hailey (Alice) und Kate Moennig (Shane) wurden regelmäßig in der Lesbenszene gesichtet. So auch im Lick, Vancouvers einzigem Lesbenclub. Dort sollen sie aber schon nach einer Stunde die Flucht ergriffen haben. Auch ohne Promibesuch feiern hier die meist jüngeren Frauen von Donnerstag bis Samstag zu Hip Hop- Beats oder Indie Rock. Die Lesbenszene spiegelt die kulturelle und ethnische Vielfalt der Stadt. Die ehemals britische Kolonie wurde vorwiegend von europäischen und chinesischen Einwanderern erbaut. Heute kommt ein Drittel der zwei Millionen Migrantinnen und Migranten aus Asien, vorwiegend aus China und Japan. Im Februar 2010 werden hier die Olympischen Winterspiele stattfinden.
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