Manchester: Wie in „Queer as Folk“
Rund um die Canal Street tobt das schwullesbische Leben, Mitte August kulminiert das Ganze dann beim Gay Pride, den ganz Manchester feiert
Rund um die Canal Steet wird jedes Wochenende ausgelassen gefeiert, c: visitmanchester.coml-mag.de – Schwups … Auf einmal ist man Teil einer TV-Serie, in der viele wahnsinnig nette schwule Männer mitspielen. Brad und Dave, Steven und Jack. In loser Folge stehen sie vor einem und stellen sich vor. Tanzen, trinken Bier und knüpfen wieder an das Gespräch von eben an. Als Berliner Lesbe, die mitten in die Eröffnung eines neuen schwulen Ladens in Manchester geraten ist, ist man erst mal perplex ob all der Freundlichkeit. Und das in einem Laden, in dessen Keller nur Männer dürfen. Hier im ersten Stock von The Molly House jedoch, zwischen Weinfässern, Kamin und jeder Menge campy Deko im Landhausstil, ist man als Lesbe absolut willkommen. Die Gäste geben sich kommunikativ und auf sehr englische Art gut erzogen.
Das wahre „Queer as Folk“
Kein Wunder, dass bei einer so lebendigen Szene die Originalfassung der Serie „Queer as Folk“ hier im Gay Village von Manchester gedreht wurde. Bevor die US-amerikanische Adaption der Serie produziert wurde und anschließend Europa eroberte, war das Viertel rund um die Canal Street Schauplatz der englischen Urfassung. Manchesters Schwule sind stolz darauf und leiden immer ein bisschen, wenn Besucherinnen nur die US-amerikanische Fassung kennen. Nicht nur für Serienfans, die hier eine Führung zu den Drehplätzen der Serie geboten bekommen, lohnt sich aber ein Besuch im Gay Village.
Innerhalb weniger Straßenzüge ist hier ein überbordendes queer Ausgehviertel entstanden. Unzählige Läden für schwule Männer und deren Freunde und Freundinnen reihen sich aneinander. Ob klassische Dragqueen-Bar, moderner Club oder Restaurant: Hier kann man das ganze Wochenende ausgelassen feiern, ohne das Viertel verlassen zu müssen. Empfehlenswert sind besonders die vielen Bars. Hier gehen traditionelle englische Pubkultur und schwuler Amüsierwille eine absolut umwerfende Symbiose ein.
Vanilla: Lesbischer Hotspot im Village
Heißen Gäste immer herzlich willkommen: Steph (Mi.) von der Bar Vanilla mit ihren Barmädels, c: gfFür Lesben ist wie in allen Städten dieser Erde weniger Spezifisches im Angebot. Lesbischer Hotspot des Gay Village ist definitiv die Bar Vanilla. Am Samstag ist es brechend voll, gefeiert wird über Tische und Stühle hinweg. Auch hier sind Touristinnen gern gesehen. Wirtin Steph betreibt den Laden seit zwölf Jahren und kennt alles und jeden in Manchester.
Das ist ein weiteres Kennzeichen der Stadt im Nordwesten Englands. Es gibt eine gestandene Szene und viele erprobte schwule und lesbische Aktivistinnen, die die Stadt mitprägen und ihr mit ganzem Herzen verbunden sind. Schwule und Lesben sind Stadträte, arbeiten im Stadtmarketing, machen Stadtführungen, sind mit ihren Geschäften sichtbar. Iain Scott von der Bar Taurus bringt es auf den Punkt: „Die Community ist nicht mehr nur hier im Gay Village. Sie breitet sich aus und wird bald ganz Manchester sein.“ Paul Fairweather ist auch einer der altgedienten Aktivisten. Er ist Stadtrat und erzählt auf der „Rainbowtour“ von der Geschichte der LGBT-Bewegung seit den 50er Jahren bis heute. Auf dem Rundgang bleibt man vor in den Gehsteig eingelassenen Regenbogen-Pflastersteinen stehen und hört Geschichten von mutigen Vorkämpferinnen und legendären Demos.
Stadt der Aufrührerinnen
Kämpfe gab es in der Geschichte Manchesters sowieso zuhauf. Nicht von ungefähr strahlt die Stadt einen rauen, vom Industriezeitalter geprägten Charme aus. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde sie von der industriellen Revolution, insbesondere der Textilindustrie, geprägt. Die erbärmlichen Arbeitsbedingungen machten sie deshalb zur englischen Hauptstadt politischer Umtriebe. Arbeiterbewegung, Vegetarismus, Feminismus, vieles startete hier, bevor es England eroberte.
Stehen für Manchester: das Schild am Wohnhaus der Suffragette Emmily Pankhurst (li.) und die queere Canal Street (re.), c: gfSo ist hier auch ein Wohnhaus von Emmeline Pankhurst zu finden, einer der Begründerinnen der Suffragettenbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts für Frauenrechte, vor allem für das Wahlrecht kämpfte. Leider wird ihr Wohnhaus in Manchester bisher etwas stiefmütterlich behandelt. Es liegt mitten auf einem Krankenhausgelände und ist schwer zu finden. Immerhin gibt es ein kleines Museum im Haus und die Räume werden von Frauengruppen genutzt. Eine Tafel weist außen auf Emmeline und ihre Töchter hin.
Im heutigen Manchester sind immer noch Spuren dieser aufrührerischen Vergangenheit zu finden. Es gibt eine lebendige Musikszene und viel Kultur zu entdecken. Auch wenn Teile der aufgehübschten Innenstadt mittlerweile nur noch Geschäftskulisse sind und niemand mehr dort wohnt.
Andrew Stokes von Manchester Marketing preist den Manchester Pride im August als beste Reisezeit für lesbische Besucherinnen. Das Festival umfasse zehn Tage und die ganze Stadt mache mit. Nach zwei Tagen Manchester im Winter, die sehr viel Spaß gemacht haben, glaubt man ihm jedes Wort!
Gudrun Fertig
--------------------
Manchester Tipps:
Vanilla: DIE lesbische Bar in Manchester. Jeden Abend außer montags.
www.vanillagirls.co.uk
Velvet Bar: Absolut gelungene Mischung an Publikum und Musik. Zum Vorglühen sehr zu empfehlen. Neben dem Velvet Restaurant.
www.velvetmanchester.com
Taurus Bar: Iain Scott, schwules Urgestein der Szene, betreibt die schicke Bar. Wer Kontakt will, frage ihn nach einem Quickie-Horoskop ...
www.taurus-bar.co.uk
The Molly House: Campy, gemütlich, großes Whiskeysortiment.
www.themollyhouse.com
Wohnhaus Emmeline Pankhurst: Nelson Street 60–62
Stadion Old Trafford: Sir Matt Busby Way.
Für Fußballfans empfiehlt sich eine Tour durch das Stadion von Manchester United.
Manchester Pride: 19.8.–29.8.2011
www.manchesterpride.com
Tourismusinfo auch für LGBT: www.visitmanchester.com
Bleibt out und proud!
Nur mit euch, unseren Leser:innen und online-Nutzer:innen, bekommen wir das hin! Helft uns, damit wir diese Zeiten durchstehen, die in politischer wie finanzieller Hinsicht nicht einfach sind. Journalismus, der nicht nur in Social Media Bubbles stattfindet, unabhängig ist und dialogbereit bleibt, hat es zunehmend schwer.
Unterstützt unsere Arbeit!
Vielen Dank!
Euer L-MAG-Team




