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Stockholm: moderne Bullerbü-Harmonie

Der CSD ein einziges großes Fest, toughe Frauen, Heimat von Lisbeth Salander: Stockholm ist fast zu schön, um wahr zu sein

Pride march in Stockholm

l-mag.de – In Schweden scheint die Welt noch in Ordnung und von unaufgeregter Übersichtlichkeit. Das Land ist ein beliebtes Reiseziel für viele Lesben – und das nicht nur, weil die Natur dort Auslauf hat und Outdoorklamotten wirklich Sinn machen. Das Land glänzt mit einem freundlichen Image von Wohlstand, Frauenemanzipation und der Gleichstellung von Schwulen und Lesben auf allen
juristischen Ebenen.

Aber nicht nur dort, wo Elch und Lachs sich gute Nacht sagen, fühlt man sich immer wieder an die dörflichen Idyllen aus Lönneberga oder andere Kinderbuchklischees erinnert. Selbst in Stockholm gibt es einen Gemeinschaftsgeist, der nicht nur Deutsche neidisch macht. Am besten spiegelt sich dies bei den jährlich stattfindenden CSD-Festivitäten wider. Die ganze Stadt putzt sich in Regenbogenfahnen heraus und die recht präsente Schwedenflagge tritt in den Hintergrund. Schwule und lesbische Angestellte dürfen sich für den Tag freinehmen, viele Arbeitgeber sehen das sogar sehr gerne und bewerben ihre jeweiligen Unternehmen mit ihrer Homofreundlichkeit. Der Höhepunkt, die CSD-Demo oder „Pride March“, mobilisiert die ganze Stadt.

Groß und klein kommt zur CSD-Demonstration in Stockholm

Man ist politisch, verantwortungsbewusst und gibt sich in die schwedische Gesellschaft voll integriert. Der Finanzminister Anders Borg und die Ehefrau des Ministerpräsidenten, Filippa Reinfeldt, laufen ohne großes Security-Gedöns zu Fuß bei den Schwulen und Lesben ihrer Partei mit. Und das Märchenpaar Kronprinzessin Victoria und ihr Prinz Daniel lassen herzlich aus den Flitterwochen grüßen. Die bei Weitem größte Gruppe stellen die stolzen Eltern homosexueller und transgender Kinder. Anders als in den USA brechen die Umstehenden allerdings nicht in Tränen der Rührung, sondern großen Jubel und Applaus aus. Ihnen folgen die Transsexuellen, die Menschenrechtsgruppen, die kritischen Ex-Muslime, die Gut-Christen, die queer Gothics, die Polymourösen und so weiter. Selbst nach der Parade gibt es nicht einmal betrunkene Homos am Wegesrand und die Müllabfuhr hat wenig zu tun.

Auf den Spuren Lisbeth Salanders

Große Gruppen ziehen nach dem CSD in das Prenzlauer Berg des Nordens, in den Stadtteil Södermalm, genauer in das Szeneviertel SoFo („South of Folkungagatan“), um dort in den zahlreichen alternativen Cafés die Zeit zu den nächsten Partys zu überbrücken. Teil des Stockholm Pride ist auch die Initiative „SoFo goes Homo“, ein Zusammenschluss mehrerer Galerien, Restaurants und Geschäfte, die bei Vorlage des Festival-Passes nennenswerte Rabatte gewähren. Selbstverständlich können es sich die Gewerbetreibenden in dem Viertel kaum leisten, nicht an der Aktion teilzunehmen, so dass fast ganz Södermalm regenbogenbeflaggt ist.

Es fällt leicht, sich ein schweres Stockholm-Syndrom einzufangen. Aber bei aller Bullerbü-Atmosphäre, Schweden ist auch berühmt für seine abgründige, sozialkritische und zum Teil recht brutale Kriminalliteratur. Neben realen lesbischen und bisexuellen Nationalheldinnen wie Königin Christina, Greta Garbo und Selma Lagerlöf gibt es seit der „Millennium-Trilogie“ des Schriftstellers und Rechtsextremismus-Experten Stieg Larsson eine neue, leider nur fiktive, schwedische Kultfigur, die überall in Stockholm gegenwärtig ist: Lisbeth Salander. Die lebt natürlich in Södermalm, in der Fiskargatan. Die Adresse ist mittlerweile an den zahlreichen Reisegruppen von Millennium-Fans zu erkennen.

Rechtsruck im Paradies

Bei aller Behaglichkeit und Schönheit, mit denen Stockholm seine internationalen Gäste empfängt, kann es doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schweden wie auch andere bisher als liberal geltende europäische Länder derzeit deutlich nach rechts gerückt ist. Im August schafften erstmalig die rechtsextremen „Schwedendemokraten“ mit 5,7 Prozent den Sprung über die Vier-Prozent-Hürde und stellen 20 Abgeordnete im Reichstag. Teil ihres Programms ist neben extrem rassistischen politischen Zielen auch die Aufhebung der Homo-Ehe und des Adoptionsrechts für Lesben und Schwule. Aber auch dies ist eine typisch schwedische Heldinnen-Geschichte, die Pippi Langstrumpf und Lisbeth Salander stolz machen würde: Die erste Protestdemonstration direkt nach der Wahl der Rechten, zu der sich spontan Tausende versammelten, wurde von einem 17-jährigen Teenager aus Stockholm namens Felicia Margineanu über Facebook organisiert.     

Text und Fotos: Stephanie Kuhnen­­


Informationen zu Stockholm Pride und Szene mit aktuellem Blog:
http://stockholm-gay-lesbian-network.com

Lisbeth Salander – Führungen durch die Stadt:
www.stadsmuseum.stockholm.se

QX, größtes schwullesbisches Magazin Schwedens, www.qx.se/english

Lesbischer Reiseführer für Stockholm:
http://stockholm-gay-lesbian-network.com/lesbian-guide

Queer-Lesbischer Buchladen und Café-Infoladen:
www.hallongrottan.com

Queer-feministisches Café Copacabana
http://kafecopacabana.com


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