L-Mag

Rosas Blick auf Frauen, Lieben und Leben in New York

Film: „New York Memories“ von Rosa von Praunheim

l-mag – „Ich war noch niemals in New York ...“, so sang nicht nur Udo Jürgens, sondern auch viele andere, die es bisher nicht in die vielleicht abgefahrenste Stadt der Welt geschafft haben. Einfacher und fast genauso ergiebig wie eine Reise über den Atlantik ist der Besuch im Kino mit Rosa von Praunheims neuem Werk auf der Leinwand. Der Berliner Filmemacher war nicht nur viele Male in New York, er hielt dies jeweils auch filmisch eindrucksvoll fest. Zwanzig Jahre nach seinem New-York-Film „Überleben in New York“, kehrt er zurück, um zu dokumentieren, was aus seinen Protagonistinnen von damals geworden ist.

Das hat glücklicherweise gar nichts von „Sex and the City“, sondern ist das wahre, echte und doch immer spannende Leben in jener Metropole, die nicht zu Unrecht manchmal auch „die Hauptstadt der Welt“ genannt wird. Da sind zum einen die Hauptfiguren von damals: Claudia und Anna, beide Deutsche, die Anfang der 80er Jahre den Sprung wagten und bis heute in New York überleben. Zum anderen das Geschwisterpaar Lucie und Marie, die als Kinder aus Deutschland kamen und noch immer an ihrem amerikanischen Traum festhalten. Und schließlich der US-amerikanische Kameramann Jeff Preiss und seine queer Familie. 

Es geht in dem Film um Liebe – mal lesbisch, mal hetero, mal schwul – und um ganz persönliche Lebensentwürfe und Selbstverwirklichung vor der Kulisse einer Stadt im Wandel. Beeindruckend ist die Geschichte des transgender Teenagers Issac und seiner Eltern, aber auch der Lebensentwurf der starken Frauen Claudia und Anna, die jede für sich, die eine lesbisch, die andere hetero, nach hartem Kampf, ihr Glück gefunden zu haben scheinen. Hauptprotagonistin des Film ist aber in jedem Moment die Stadt New York selbst, ihre Widersprüche, ihr Charme und ihre Grenzenlosigkeit, die den Filmemacher immer wieder in ihren Bann zieht.

Vor allem hatte es von Praunheim natürlich schon immer die queer Subkultur der Stadt angetan, die er in vielen seiner Filme wie „Tally Brown New York“ (1978), „Armee der Liebenden“ (1979), „Aids Trilogie (1990) oder „Transsexual Menace“ (1996) thematisierte. Nichts ist mehr wie es war in New York. Wo 1969 Straßenschlachten in der Christopher Street zum Beginn einer neuen, weltweiten homosexuellen Befreiungsbewegung führten, wird heute für bürgerliche Ideale wie die Homoehe demonstriert. In den Wohnvierteln, in denen früher Hippies und Künstler freie Liebe und Drogenkonsum zelebrierten, bestimmen heute gut bezahlte Yuppies das Bild.

Was früher schmutzig, radikal und sexy war, ist nun teuer, sauber und abgesichert. Die schwullesbische Szene, einst mit Bewegungen wie Act Up wegweisend innovativ, ist heute kommerzialisiert und hat für Einkommensschwache kaum einen Platz zu bieten. Doch noch immer liebt nicht nur von Praunheim diese Stadt, sondern auch die Exil-Deutschen in seinem Film. Obwohl die Chancen für sie in vielerlei Hinsicht in Deutschland besser stünden, können sie sich ein Leben im miefig-piefigen Mitteleuropa nicht mehr vorstellen.
Ein Film wie eine Reise auf der man Leute trifft, die man – ganz wie der Filmemacher selbst – nicht mehr aus den Augen verlieren möchte.
Manuela Kay

„New York Memories“, Regie: Rosa von Praunheim, Deutschland 2010, 89 Min., jetzt bundesweit im Kino


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