L-Mag

Literatur, die bewegt - 10 lesbische Buchtipps für die Quarantäne-Couch

Ob romantische Liebesstory, feministisches Aufklärungsbuch oder Klassiker der lesbischen Literatur, unser Tipp: 10 fantastische Bücher gegen Einsamkeit

Das öffentliche Leben kommt zur Ruhe. Kneipen, Clubs, Museen, Theater und Sporteinrichtungen schließen vorübergehend. Die Präventionsmaßnahmen zur Bekämpfung von Corona bringen den Alltag aus dem Takt. Nicht nur der Arbeitsalltag gerät aus den geregelten Bahnen, auch die Freizeitmöglichkeiten werden stark eingegrenzt. Was also tun in der freien Zeit? L-MAG hat eine Liste an aktuellen Büchern und Klassikern der lesbischen Literatur.

Foto: Privat Die taiwanesische und offen lesbsiche Autorin Qui Miaojin wurde nur 26 Jahre alt

Vom Schmerz, anders zu sein

Gefeierter Roman über lesbisches Leben in Taiwan


Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, um sich ein Messer in die eigene Brust zu rammen? Im Debütroman der lesbischen taiwanesischen Autorin Qiu Miaojin, die 1995 in ihrer Wohnung genau so Selbstmord beging, bekommt man einen Eindruck davon. Die Hauptperson ist eine 18-jährige Studentin, die stark depressiv und heftig verliebt in ihre Kommilitonin Shiuling ist. Sie versucht immer wieder, ihre Gefühle zu verdrängen und verstößt dabei ihre Freundin stets von Neuem. Daraus ergibt sich ein schmerzvolles Hin- und Her, welches das Dilemma der Protagonistin offenbart – sich der eigenen sexuellen Orientierung bewusst zu sein, aber einen inneren Kampf damit zu führen. Als sie sich am Ende des Buches gegenüber einem Freund outet, ist sie erleichtert: „Ich war so stolz, dass ich endlich ein Loch in meine Zwangsjacke gerissen hatte. Wenn ich daran dachte, wie ich mich gequält hatte! Grauenvoll.“
Der 1994 erschienene Roman von Qiu Miaojin mit dem Titel „Aufzeichnungen eines Krokodils“ hat kurz nach ihrem Tod den Literaturpreis der China Times erhalten. Nun erscheint er erstmals auf deutsch. Das Buch ist ein historisches Zeitdokument,das die Kämpfe und Schwierigkeiten beschreibt, die taiwanesische LGBTs durchleben mussten. Es ist schnell und fast ein wenig wirr geschrieben, man muss sich durchkämpfen, um den Gedanken der Protagonistin folgen zu können, ihr nachgehen, sich auf sie einlassen. Schade, dass wir Qiu Miaojins Schreiben nicht noch weiter entdecken und nicht miterleben können, wie es sich weiterentwickelt hätte. Sie ist bis heute eine Ikone und die erste offen lesbische Schriftstellerin Taiwans.
// Hannah Geiger

Qiu Miaojin:„Aufzeichnungen eines Krokodils“, Ulrike Helmer Verlag, 366 Seiten, 20 Euro


Foto: Drew Stevens Sarah Schulman ist und war streitbar. In "Trüb" beschreibt sie den Zerfall New Yorks

Trübsal in New York

Sarah Schulmans neuer Krimi macht seinem Titel alle Ehre

Besser als mit „trüb“ kann man die Geschichte um die Ermittlerin Maggie Terry gar nicht zusammenfassen. Maggie ist der Inbegriff einer gescheiterten Existenz: Ihre Alkohol- und Drogensucht kostete sie nicht nur ihren Job als Polizei-Kommissarin, sondern auch die Beziehung zur Lebenspartnerin und die gemeinsame Tochter.
Nach 18 Monaten Entzug versucht Maggie nun wieder Anschluss ans Leben zu finden und wird gnädigerweise von einem Bekannten als Ermittlerin in einer Anwaltspraxis angestellt, wo sie einen mysteriösen Mord an einer Schauspielerin aufzuklären hat. Die eigentliche Krimi-Handlung bleibt allerdings im Hintergrund der Geschichte. Hauptfokus in „Trüb“ sind die Stadt New York und das allgegenwärtige Thema Sucht.
Sarah Schulman hatte schon immer einen Faible für Themen, die so richtig wehtun. Sie war Mitgründerin von politischen Aktionsgruppen wie Act-up oder den Lesbian Avengers. Neben rund einem Dutzend Büchern verfasste sie Theaterstücke und ist noch immer politische Aktivistin. Zuletzt erregte sie vor allem durch ihre klare Anti-Israel-Haltung Aufmerksamkeit. Sarah Schulman polarisiert und ist stets umstritten. Vor allem aber ist sie wohl eine der klügsten und brillantesten lesbischen Denkerinnen unserer Zeit. Ihr neues Buch mit der präzisen Schilderung des Verfalls von New York, das von Turbokapitalismus und Gentrifizierung aufgefressen wird, ist detailgetreu und voller Insiderwissen. Ihre Kenntnisse um Suchtstrukturen und Kampf um das Nüchternbleiben sind so plastisch geschildert, dass der Teufelskreis und die Angst vor dem Versagen hautnah spürbar werden. „Trüb“ ist kein Krimi im eigentlichen Sinne, vielmehr ein Sittengemälde einer untergehenden Metropole aus Sicht einer lesbischen Zynikerin.
// Manuela Kay

Sarah Schulman: „Trüb“, Ariadne, 272 Seiten, 20 Euro

Von Leidenschaft und Lügen

Eine klassische Butch-Femme-Lovestory

Karin Kallmaker wird aus gutem Grund die „Queen of Lesbian Romance“ genannt. In ihrem neuen Roman „Doppeltes Spiel“ erzählt sie mitreißend von der Liebesgeschichte zwischen der reservierten Butch Paris Ellison und der bezaubernden Femme Diana Beckinsale. Schon seit Jahren veröffentlicht Paris unter ihrem Pseudonym Anita Topaz erfolgreiche Liebesromane. Doch die für sie notwendige Anonymität scheint bedroht, als der neue Chef des Verlagshauses sie nach New York einlädt und für Anita Auftritte in der Öffentlichkeit plant. Plötzlich taucht die faszinierende und mysteriöse Schauspielerin Diana auf, die von Paris’ Dilemma erfährt und sich einen Plan überlegt, der ihnen beiden helfen soll zu bekommen, was sie wollen. Was sie Paris jedoch nicht erzählt: sie verfolgt ein geheimes Ziel, das die beiden in große Schwierigkeiten bringen könnte. Es ist die starke Anziehungskraft zwischen den beiden Frauen, die alles verkompliziert und ihre Leben auf den Kopf stellt. Die Vielschichtigkeit der Charaktere macht es leicht, in die Geschichte einzutauchen und die spannende und überraschende Entwicklung zu verfolgen. Kallmaker beschreibt zärtlich, aber präzise die wunderschönen und verwirrenden Gefühle am Anfang einer aufblühenden Romanze und hinterlässt einen Hüpfer im Herzen und ein Lächeln im Gesicht.
// Helene Rudnick

Karin Kallmaker: „Doppeltes Spiel“, Krug & Schadenberg , 360 Seiten, 16,90 Euro

Charmante Neurotikerin

Ein japanisches Coming-of-Age-Manga

Das rosa Design des autobiografischen Mangas „Meine lesbische Erfahrung mit Einsamkeit“ der Autorin Kabi Nagata kann nicht über die schwarzen Abgründe hinwegtäuschen, in denen die Protagonistin gefangen ist. Über viele Seiten hinweg kreist eine diffuse Wolke um ihren Kopf und ihre innere Zerrissenheit wird mehr als deutlich. Sie ist einsam, sehnt sich nach Nähe und sucht dafür schließlich eine Sexarbeiterin auf. Es sind viele kleine Schritte, die sie auf ihrem Weg von Selbstreflexion zu Selbstakzeptanz zurücklegt, an dessen Ende die Veröffentlichung ihrer ersten Geschichte steht. Ängste, Selbstzweifel und Scham begleiten sie nicht nur während ihres Coming-outs. Der nun erschienene zweite Teil „Dialoge mit mir selbst“ dreht sich um den Abnabelungsprozess von ihren Eltern – wie sie sich mehr und mehr gefangen fühlt und gleichzeitig panische Angst vor dem Loslassen hat. Wir begleiten sie dabei, wie sie eine Wohnung mietet, auszieht, wieder umzieht und letzten Endes doch wieder strauchelnd bei ihren Eltern landet. Die in Japan geborene, 32-jährige Autorin berichtet ungeschönt über ihre Depressionen, Selbstverletzungen und Essstörungen und wurde dafür mit gleich mehreren Preisen ausgezeichnet – unter anderem mit dem Anime Award 2017 als Manga des Jahres. Die als „Must-reads der LGBT-Comics“ bezeichneten Veröffentlichungen erschienen 2016 auf Japanisch und sind nun auch auf Deutsch erhältlich. Eine weitere Fortsetzung erschien bereits auf Englisch – es kann sich also auf weitere Veröffentlichungen gefreut werden.
// Mareike Lütge

Kabi Nagata: „Meine lesbische Erfahrung mit Einsamkeit“, Carlsen Verlag , 144 Seiten, 15 Euro
Kabi Nagata: „Dialoge mit mir selbst“, Carlsen Verlag , 176 Seiten , 18 Euro


Foto: Barbara Dietl Stephanie Haerdle hat sich für ihr neues Buch mit „squirting“ – also der weiblichen Ejakulation – beschäftigt

Wir spritzen zurück!

Die spannende Geschichte der weiblichen Ejakulation

Liebessaft, Mondblumenwasser, Ambrosia, Freudenfluss, Venusregen, Frauenfontäne – es gibt viele Umschreibungen dieses sexuellen Spektakels: der weiblichen Ejakulation. Manche spritzen, andere nicht, und die nächsten halten den Erguss der Erregung für einen Mythos – oder gar für Urin. Kulturwissenschaftlerin Stephanie Haerdle hat sich mit „Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation“ der feuchten Tatsachen angenommen und ein Buch verfasst, das Lustund Pflichtlektüre für alle sein sollte, die sich für weibliche Körper interessieren. Die Reise beginnt im alten China, wo die Potenz der Frau gefeiert wurde und das, was wir heute G-Fläche nennen, den schönen Namen Milchfrucht trug. Altindische Texte beschreiben die Entstehung des Universums aus einem Schwung weiblichen Ejakulats. Vom Altertum über das Mittelalter bis in die Neuzeit diskutierten Gelehrte über den Saft der Frau, verordneten Rezepte gegen Samenstau. Bis sich ab dem 18. Jahrhundert die Vorstellung zweier biologisch komplett unterschiedlicher Geschlechter ausbreitete, der Mann zum Standard, die Frau zu einer niederen Version erklärt wurde – mit weniger Lust, weniger Sexualorgan, weniger Flüssigkeit. Die genitale Anatomie samt Klitoriskomplex, G-Fläche und weiblicher Prostata wurde zum Geheimwissen und sind es oft bis heute geblieben. Doch seit den 1970er Jahren untergraben Feministinnen das Vulva- und das Spritztabu sowohl wissenschaftlich als auch aktivistisch. Stephanie Haerdles Buch zu lesen ist erhellend, unterhaltsam, macht wütend und Lust, sofort Hand anzulegen.
// Kittyhawk

Stephanie Haerdle: „Spritzen – Geschichte der weiblichen Ejakulation“ , Edition Nautilus , 288 Seiten , 18 Euro

Gegen trübe Wintertage

Alles rund um die Liebesbeziehung: „Mein Lesbisches Auge 19“ lässt tief blicken

Geschichten zu Leidenschaft und Hingabe, erotische Eroberungs- und Unterwerfungsfantasien, ein paar Sachtexte, Fantasy und Prosa. Abwechslungsreiche Unterhaltung an dunklen Wintertagen verspricht die nunmehr 19. Ausgabe des Jahrbuchs der lesbischen Begehrensweisen, die sich auch mal so äußern können: „Fick dich!! (…). Das war Juttas erste Nachricht.“ Drama-Queen-Faktor inklusive, kennt man ja. Andernorts mündet die Fixierung auf „ihre chéries“, gemeint sind die Lieblinge der Gefährtin, in die Trennungt. Es sind gerade die kürzeren Texte, die man beim Durchblättern en passant dann gern nochmals liest. Die Beiträge in Wort und Bild – Porträt- und Aktfotos, figurative Malerei und Illustrationen ergänzen die Textvielfalt – geben lesbischer und queerer Sexualität, Liebe, Körperlichkeit und Begehren in unterschiedlichen Facetten Ausdruck und bieten so für fast jeden Geschmack etwas. Selbst die Homoerotik der Antike durchbricht die traditionell mit ‚schwul‘ belegte Assoziation, wie der Foto-Akt-Reigen „Baccanalia“ zeigt. Wie stets im „Auge“ vereint die Ausgabe Debütantinnen neben szenebekannten Autorinnen und Künstlerinnen. Schwerpunkt liegt diesmal auf Liebesbeziehungen und deren mannigfaltige Ausgestaltungen: „Ohne Sex, mit viel Sex, mit Kind, schwanger, mit Affären, zu dritt, mit psychisch labilen Frauen, eine Amour fou“. Wer noch ein verspätetes Weihnachtsgeschenk für sich oder für die lesbische Freundin sucht: voilà!
// Melanie Götz

Laura Méritt (Hrsg.): „Mein lesbisches Auge 19“ , Konkursbuch Verlag , 288 Seiten , 16,80 Euro

Der Titel verrät, was die junge Portagonistin jeden Tag fühlt: Es ist alles gut so, wie es gerade ist… oder doch nicht?

Gerade gut so, wie es ist

Ein wunderbarer Jugendroman über die Einsamkeit

Es sind diese Sätze, die sich immer wieder hineinschmiegen, die lächeln und nachdenken lassen. Wenn Nina La Cour schreibt: „Alles, was wir taten, fühlte sich wie eine vorgezogene Abschlussfeier an oder ein vorzeitiges Klassentreffen. Wir sehnten uns jetzt schon nach der Zeit zurück, die noch gar nicht vergangen war“, dann will dieses Buch ganz schnell leergelesen werden. 200 Seiten über Marin, die gerade ihr Studium an einem College im Bundesstaat New York aufgenommen hat – und damit 5.000 Kilometer von ihrem kalifornischen Zuhause entfernt ist. Aber Marin hat diese Universität nicht wegen der guten Lehrkräfte ausgesucht, sondern weil sie flieht – vor ihrer Vergangenheit, vor schmerzhaften Erinnerungen an einen leichten Sommer mit Küssen mit der besten Freundin. Vor allem aber an den verstorbenen Großvater, ihren engsten Seelenfreund, bei dem sie aufwuchs, nachdem ihre Mutter bei einem Surfunfall starb. Und dann kam die Einsamkeit. Die Marin auch in ihr Wohnheimzimmer mit einziehen lässt. Dann aber weht der Winterwind, wenige Tage vor Weihnachten, Mabel herein – ihre Freundin, die sie in dem besagten Sommer lang geküsst und geliebt hatte. Und mit ihr beginnt das Erinnern, das Wiederfühlen, der Gang auf den Seelennarben. Der Titel „Alles okay“ klingt einerseits viel zu profan für diesen wunderbaren Jugendroman, der jugendliche Depression und Familienschmerz beackert. Andererseits drücken eben diese simplen Worte aus, was Marin an guten Tagen fühlt: Es ist alles gut so, wie es gerade ist. Von Kapitel zu Kapitel lernt und spürt sie: Sie ist zwar einsam, aber nicht allein.
// Jana Schulze

Nina LaCour: „Alles okay“, Hanser Verlag, 208 Seiten , 16,- Euro


Die Klassiker

Und nun folgen drei Klassiker der lesbischen Literatur. Sie haben einst ihre jeweilige Zeit geprägt und sind noch immer wahre Schätze im Bücherregal.

Foto: Alex Heigl Sie ist ein Garant für lesbische Unterhaltung: Karen-Susan Fessel schreibt seit 20 Jahren prickende Literatur für Jugendliche und Erwachsene

„Bilder von ihr“ von Karen-Susan Fessel

„Dann saß ich auf meinem Bett, die Hände im Schoß zusammengepresst, die Augen unverwandt auf das Telefon gerichtet. Irgendwer würde anrufen. Jemand würde anrufen und sagen, dass alles ein Irrtum war. Suzannah würde anrufen. Sie würde anrufen, wie sie es immer tat, wenn sie irgendwo angekommen war, und sagen: ,Hallo Schätzchen, ich bin’s. Ich habe das grässlichste Hotelzimmer, das du dir denken kannst. Giftgrüne Blumen an den Wänden, stell dir vor! Und wie geht’s dir?‘ Aber niemand rief an.“

20 Jahre ist es her, dass der Roman „Bilder von ihr“ erschienen ist und eine ganze lesbische Generation dazu brachte, um die Fotografin Suzannah zu trauern. Kaum eine andere Schriftstellerin vermag es so wie Karen-Susan Fessel zu schreiben, ihre Leserinnen mit einer so bildgewaltigen Sprache ganz tief mit in den Abgrund zu ziehen. Karen-Susan Fessel kann unbeschreibliche Trauer, Schockstarre und den verzweifelten Versuch, zurück ins Leben zu finden, in Worte fassen. Suzannah war Theas große Liebe. Der Fotografin ist es gelungen, durch Theas harte Schale bis zu ihrem weichen Kern vorzudringen. Beide führten eine glückliche Beziehung. Sehr glücklich. Doch die Geliebte wird plötzlich durch einen Autounfall aus dem Leben gerissen. Thea muss versuchen, mit diesem Schock umzu-gehen. Also macht sie sich auf die Suche nach Suzannahs Vergangenheit und ergründet (vor allem), was von ihr bleibt: ihre Liebe und die vielen „Bilder von ihr“.
Dieses Buch ist ein echter Klassiker, der unter die Haut geht und vor allem beweist, was für eine großartige Schriftstellerin Fessel ist. Leider zeigt es aber auch, dass Bücher aus der Szene eben kein Mainstream waren und leider immer noch nicht sind. Denn die Berliner Schriftstellerin hätte es damals verdient, mit diesem großartigen, authentischen Buch und all seiner Sprachgewalt – welche so eindringlich zeigt, wie kurz und wertvoll das Leben ist – jahrelang auf der Bestsellerliste zu stehen.
// Sabine Mahler

Karen-Susan Fessel: „Bilder von ihr“, Querverlag (Neuauflage 2019), 353 Seiten, 14,99 Euro

Foto: Sam Churchill Die britische Schriftstellerin Jeanette Winterson begeisterte schon 1985 mit ihrem Klassiker lesbsiche Leserinnen

„Orangen sind nicht die einzige Frucht“ von Jeanette Winterson

„,Der Herr vergibt und vergisst‘, sagte der Pastor zu mir. Mag sein, dass der Herr dies tut, meine Mutter tat es nicht. Während ich im Wohnzimmer lag und zitterte, durchsuchte sie mein Zimmer mit einem sehr feinen Kamm und fand alle Briefe, alle Karten, alle Aufzeichnungen, die ich mir gemacht hatte, und verbrannte sie eines Abends in dem Hof hinter dem Haus. Es gibt verschiedene Arten von Gemeinheiten aber ein Verrat ist ein Verrat, wo immer man ihn findet.“

Wer dieses Buch in seiner schicken Neuauflage heutzutage kauft und liest, weiß,es handelt sich um einen autobiografischen Roman. Und die Authentizität ist nur eine seiner vielen Stärken. Jenen, die in ähnlichen Glaubensgemeinschaften aufwuchsen, hilft sie, Erlebtes nachzuvollziehen. Anderen öffnet sie die Augen dafür, wie es sich anfühlt, wenn gelebter Glaube mit widersprüchlichen Gefühlen zusammenprallt oder wie schwer es ist, sich von einem Schwarz-Weiß-Denken zu lösen. Als Adoptivkind einer sehr religiösen Familie gilt Jeanette als „Auserwählte“, von ihr wird erwartet, Missionarin eines Glaubens zu werden, den sie spätestens dann nicht mehr überzeugt leben kann, als sie sich in eine Frau verliebt. Denn das passt weder zur Lebensanschauung ihrer Gemeinde und Familie, noch zu deren rückgewandtem Rollenverständnis. Über 30 Jahre nach der englischsprachigen Originalveröffentlichung (1985) hat Wintersons Erstlingswerk nichts von seiner Brisanz verloren. Das findet auch Sara Schindler, Cheflektorin des Schweizer Kein & Aber Verlags, der 2019 die Neuauflage publizierte. „Für mich“, sagt sie, „sind die Themen persönliche und sexuelle Identität und der Mut, aus gesellschaftlichen Strukturen auszubrechen noch immer hochaktuell und Winterson hat sie als eine Vorreiterin auf sehr eindrückliche Weise beschrieben.“ Dem können wir von L-MAG nur zustimmen.
// Simone Veenstra

„Orangen sind nicht die einzige Frucht“, Kein & Aber (Neuauflage 2019), 272 Seiten, 13 Euro

Leslie Feinberg schuf 1993 einen Erweckungsroman für eine Butchkultur

 „Stone Butch Blues“ von Leslie Feinberg

„Nach Stonewall und der Geburt der Gay Pride-Bewegung wurde die Schikane durch die Polizei noch erheblich schlimmer. Die Bullen schrieben sich unsere Nummernschilder auf und fotografierten uns beim Betreten der Bars. Wir veranstalteten regelmäßige Tanzabende in einer unserer Bars und hörten den Polizeifunk ab, um alle zu alarmieren, wenn die Bullen eine Razzia planten.“


Buffalo, New York: Die junge Jess Goldberg hält es Zuhause bei ihrer jüdischen Familie nicht mehr aus. Mit ihrer burschikosen Erscheinung passt sie nicht ins gesellschaftliche Bild und beschließt nach einer Odyssee der Ablehnung mit 15 Jahren von Zuhause abzuhauen. Zuflucht findet sie in der Bar Abba‘s, in der sie eine Gemeinschaft aus Butches, Femmes, Huren und Dragqueens kennenlernt. Ständig bedroht durch Razzien und willkürliche Polizeigewalt, versucht Jess zu überleben und sich selbst zu finden. Sie bekommt schnell Arbeit, wohnt bei einer älteren Butch namens Al und lernt Theresa kennen, bei der es schließlich funkt. Stück für Stück findet Jess ihren Platz in einer Gemeinschaft, in der sie endlich so sein darf, wie sie ist. „Träume in den erwachenden Morgen“ verwebt die Suche nach der eigenen geschlechtlichen Identität mit der Dokumentation über den Stonewall-Aufstand 1969 und den Anfängen der Pride-Bewegung, sowie der Gewerkschafts- und Frauenkämpfe der 1960er. Leslie Feinberg erschafft schonungslos ehrliche Bilder über schockierende Begegnungen mit der Polizei, voller Angst und Ungewissheit. Gleichzeitig findet sie sinnliche und berührende Worte in Szenen über Liebe und Freundschaft zu einer Zeit, in der Zusammenhalt und Stärke alles bedeuten. Auch wenn es sich nicht um ein autobiografisches Werk handelt, lassen sich Parallelen zwischen der Protagonistin und Feinberg selbst erkennen. Leslie Feinberg identifizierte sich selbst als jüdisch, transgender, lesbische Kommunistin und lebte ebenfalls in Buffalo. „Stone Butch Blues“ ist ein zutiefst berührender und aufwühlender Roman, der noch bis heute eines der wichtigsten Zeugnisse des Stonewall-Aufstands darstellt und einen bedeutenden Beitrag zur lesbischen Erinnerungskultur leistet.
//Toni Peldschus


Leslie Feinberg: „Stone Butch Blues“ (1993) („Träume in den erwachenden Morgen“, erstmals auf deutsch 1996 erschienen) , Krug & Schadenberg, 480 Seiten , 16,90 Euro



Wer noch mehr lesen will, mehr Buchrezensionen gibt es in der aktuellen Ausgabe der L-MAG  an jedem Bahnhofskiosk, bei Readly, im Abo oder als e-Paper-Abo. Außerdem im Heft: Interviews mit La Roux und Marla Glen, Sorgerechtsentzug bei lesbischen Müttern, Reisetipp Ljubljana, Vorschau auf „The .L Word: Generation Q“ und vielen weiteren TV-, Film- und Musiktipps.

Übrigens der Berliner Szene-Buchladen Eisenherz bietet weiterhin eine kostenlose Lieferung an. 

Videos

L-MAG TV

... mit allen Videos vom L-MAG Youtube-Kanal Hier zum L-MAG TV Kanal




L-MAG.de finde ich gut!

Wir versorgen dich kostenlos mit K-Word, Filmtipps und internationalen News. Obendrauf schenken wir dir während Corona-Krise jeden Samstag eine L-MAG-Ausgabe als E-Paper.

Doch wir wollen auch nach Corona noch da sein und für lesbische Sichtbarkeit sorgen! Der Verlag Special Media, in dem L-MAG erscheint, finanziert sich überwiegend über das kostenlose queere Berliner Stadtmagazin SIEGESSÄULE. Wegen Veranstaltungsabsagen und Schließungen kam es zu einem massiven Einbruch der Anzeigen, die das Heft und den Verlag finanzieren. Die Umsätze von L-MAG reichen leider nur für einen kleinen Teil der Verlagsinfrastruktur aus.

Deshalb brauchen wir deine Hilfe! Spende ganz einfach online: einmalig 1 Euro oder gleich 10 Euro fürs ganze Jahr.

Vielen Dank! Dein L-MAG-Team

L-MAG.de finde ich gut!

Diese Website verwendet Cookies, Google Analytics und den Adserver Google DFP. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie dem zu.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

OK

L-MAG.de finde ich gut!

Wir versorgen dich kostenlos mit K-Word, Filmtipps und internationalen News. Obendrauf schenken wir dir während Corona-Krise jeden Samstag eine L-MAG-Ausgabe als E-Paper.

Doch wir wollen auch nach Corona noch da sein und für lesbische Sichtbarkeit sorgen! Der Verlag Special Media, in dem L-MAG erscheint, finanziert sich überwiegend über das kostenlose queere Berliner Stadtmagazin SIEGESSÄULE. Wegen Veranstaltungsabsagen und Schließungen kam es zu einem massiven Einbruch der Anzeigen, die das Heft und den Verlag finanzieren. Die Umsätze von L-MAG reichen leider nur für einen kleinen Teil der Verlagsinfrastruktur aus.

Deshalb brauchen wir deine Hilfe! Spende ganz einfach online: einmalig 1 Euro oder gleich 10 Euro fürs ganze Jahr.

Vielen Dank! Dein L-MAG-Team

Nein Danke, möchte ich nicht | Hab schon!

L-MAG.de finde ich gut!
x