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Als wir noch tanzten: DJs im Lockdown

Seit fast einem Jahr sind Clubs und Bars geschlossen. Wie ergeht es DJs in der Pandemie? Sara Moshiri und İpek İpekçioğlu erzählten, wie sich ihr Leben in der Krise verändert hat

Alex Heigel + Beli Klein Sara Moshiri (li.) und İpek İpekçioğlu leben von Musik und Publikum, in der Krise müssen sie kreativ werden

Von Katharina Kücke


20.2.2021 – Mexiko, Korea, Australien – es hätte ein aufregendes Jahr werden sollen. Seit 20 Jahren legt İpek İpekçioğlu aka DJ İpek professionell auf und produziert Musik. 2020 waren mehr als 30 Gigs geplant. Stattdessen herrschte im letzten Jahr beinahe Ebbe – vor allem finanziell. İpek lebt von Ersparnissen und konzentriert sich auf das, was auch ohne Menschen geht: Produzieren.

Und Sara Moshiri wollte 2020 eigentlich richtig durchstarten – mit einer neuen Party­reihe in der Prinzenbar in Hamburg. Mitte März sollte die „Fête de la Vulva“ zum ersten Mal stattfinden. Monatelang hatte sie alles vorbereitet, DJs, Burlesque-Tänzerinnen und Perfomance-Künstlerinnen gebucht. Sogar ein Kuchen in Vulva-Form war schon bestellt und bezahlt. Doch wenige Tage vorher kam der erste Lockdown und alles wurde abgesagt. Die Miete für den Club hat sie zurückbekommen – auf den restlichen Kosten ist sie sitzengeblieben.

Die Corona-Pandemie kostet DJs nicht nur viel Geld, sondern auch jede Menge Kraft und Nerven. Seit März gibt es kaum noch Gigs, Auftritte oder andere Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Und auch die Orte, an denen DJs arbeiten, sind bedroht: Clubs und Bars sind seit Monaten geschlossen. Einige werden wohl nie wieder öffnen, denn mit den steigenden Immobilienpreisen in Großstädten müssen immer mehr Clubs internationalen Investoren weichen. Einige können sich nur noch durch Spenden über Wasser halten; andere müssen umziehen oder  gehen schlicht Pleite. Zwar gab es im Sommer einige Open-Air-Partys, hin und wieder Livestreams, doch genügend Geld lässt sich damit nicht verdienen. Denn oftmals handelt es sich um Soli-Veranstaltungen und die DJs legen auf, ohne selbst etwas daran zu verdienen.

Eine ganze Branche kämpft ums Überleben. Da viele lesbische DJs schon vor Corona prekär beschäftigt waren, treffen sie die Einbußen besonders hart. Für Frauen, Lesben, Trans und Nonbinäre gibt es auch im Normalbetrieb noch ein weiteres Problem: Die Szene wird von Männern dominiert. Damit gibt es für lesbische DJs auch weniger Aufstiegschancen. Viele bleiben lieber unter sich und bei kleineren Aufträgen innerhalb der Community – das ist häufig jedoch weniger gewinnbringend.

 

„Ich habe ein dickeres Fell als andere“

Ausschließlich von der Musik leben – darauf hat sich DJ, Saxofonistin und Veranstalterin Sara Moshiri noch nie verlassen. Mit 20 kommt sie nach Deutschland und studiert Mathematik. Bis April 2020 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Berlin an der Uni; Teilzeit – damit sie genug Zeit für ihre Musik hat. Sie bezeichnet sich als Kriegskind; wächst im Iran auf. „Vielleicht habe ich deshalb ein dickeres Fell als andere“, schmunzelt sie. Denn im Iran gab es keine Partys – zumindest nicht für Frauen. Und auf Homosexualität steht immer noch die Todesstrafe. Das war auch ein Grund für Sara, nach Deutschland zu kommen. Seit mehr als zehn Jahren veranstaltet sie monatlich die Partyreihe „Gay Culture“ in der Cosmopolar Bar in Erfurt und legt regelmäßig House und Techno im SchwuZ oder auf der „L-Tunes“ Party in Berlin auf. Seit einigen Jahren fliegt sie ab und an nach Los Angeles, wo sie auf der legendären „Altarbar-Party“ spielt – auch das musste dieses Jahr ausfallen. Vor der Pandemie hatte sie kein freies Wochenende: „Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal Silvester nicht aufgelegt habe“, lacht sie.

„Ich fühle mich momentan ziemlich isoliert“, erzählt İpek. „Mir fehlt die Interaktion mit Menschen.“ Momentan gebe es zwar mehr Zeit, um Musik zu machen, doch der Input fehlt. Den ersten DJ-Gig hat İpek İpekçioğlu 1994 bei der queeren oriental Party­reihe „Gayhane“ im SO36 in Berlin. Nun legt İpek tanzbare Sounds von traditionellen bis zu elektronischen Sounds aus dem Middle East auf. „Sowas hat damals niemand aufgelegt“, erzählt die Musikerin. „Wir waren alle so glücklich, endlich mal zu unserer Mucke tanzen zu können.“ Mittlerweile ist İpek Resident DJ bei Gayhane im SO36 und jettet um die ganze Welt. Auch im Sommer gab es verschiedene Open-Air-Partys zum Auflegen. Unter anderem auf einem legalen Waldrave, einem Queer-PingPong-Event, der gemeinsam mit der DJ-Kollegin Yeşim Duman im Oyoun in Berlin veranstaltet wurde, und im „Queer Garten“, einer kleinen Party, die Sara Moshiri im Festsaal Kreuzberg organisiert hat.

Zeit für alternative Ideen


Seit der Pandemie sind nicht nur viele Partys und Gigs weggebrochen, sondern bei Sara auch die Arbeit an der Uni. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch: „Ich war damals eine der Ersten, die angefangen haben, Masken zu nähen“, erinnert sich Sara. Sie zieht einen größeren Auftrag an Land und näht innerhalb kürzester Zeit 100 Masken. Außerdem macht sie jetzt eine Weiterbildung in den Bereichen BWL und Finanzen. Die kostet zwar viel Geld, macht aber Spaß. Ein Plan B ist bei İpek nicht in Aussicht. Als Producer und DJ kuratiert İpek unter anderem interdisziplinäre Festivals. Wenn es so weiter geht, ist die angesparte Rente futsch. Doch aufhören mit der Musik und was anderes machen ist keine Option.

„Viele meiner DJ-Kolleginnen mussten Grundsicherung beantragen. Wenn sich das nicht ändert, muss ich das auch machen.“ Keine wirkliche Alternative stellen die unzähligen Livestreams von Clubs und Platt­formen dar. Denn alleine vor dem Bildschirm zu tanzen ist einfach nicht dasselbe wie im überfüllten Party­geschehen. Beide sind sich einig, dass Auflegen viel mit den Menschen zu tun hat, mit denen man feiert.

Und die Musik, die in den Livestreams gespielt wird, sei oft sehr einseitig und standardisiert, findet İpek: „Man hört eigentlich nur englischsprachige Musik, House oder Techno.“ Umso wichtiger ist es, auch hier mit anderen Sounds präsent zu sein. Denn die Community leide schon genug unter der Pandemie und werde nun wieder ein Stück unsichtbarer. Insbesondere für die LGBT-Community bedeute die Pandemie eine echte Isolation. Vor allem für Menschen, die mitten im Coming-out stecken. Beratungsstellen, Vereine und auch Clubs sind  eben lebensnotwendig. Sowohl Sara als auch İpek hoffen, dass es 2021 wieder bergauf geht und sie endlich wieder tanzen können.

Dieses Interview erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG Januar/Februar 2021.

 

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