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„Mir ist wichtig, das Thema Homosexualität mit Comedy zu verbinden“

Youtuberin Annikazion zerlegt jedes Reality-TV-Format in seine albernen Einzelteile. Sie will mit ihren Gags auch heterosexuelle Menschen erreichen und Berührungsängste zu LGBT abbauen.

Annika Gerhard Für Annikazion steht fest: „Ich will nicht für meine Sexualität, sondern für meine Gags bekannt sein“

Von Paula Lochte


20.3.2021 – Ob „Love Island“ oder „Germany’s Next Topmodel“ – Youtuberin Annikazion zerlegt jedes Reality-TV-Format in seine albernen Einzelteile. Seit fünf Jahren parodiert sie den deutschen Fernseh-Mainstream in satirischen Videos. Für diese schneidet sie einzelne Szenen aus den Originalen heraus und ergänzt Sätze wie „Wir machen das hier nicht nur für die Liebe“ mit einem enthusiastischen „Sondern auch fürs Geld!“ – um sich dann scheinbar peinlich berührt in ihrem WG-Zimmer umzuschauen. Die 23-Jährige, die eigentlich Annika Gerhard heißt, kommt aus Dachau und wohnt heute in München. Die Worte, mit denen sie all ihre Videos beendet, klingen aber so gar nicht nach Bayern: „Okay, tschüss“ statt „Servus“. Satte 407.000 Menschen haben ihren YouTube-Channel abonniert, 133.000 folgen ihr auf
Instagram. Mit L-MAG sprach sie über ihre Karriere, Comedy und Klischees.

L-MAG: Du hattest zwei Coming-outs: „Mama, Papa, ich bin lesbisch“ und „Mama, Papa, ich will Youtuberin werden“. Welches war schwerer?

Annikazion: Mein Coming-out als lesbisch kam zuerst. Meine Mutter wollte gerade ins Bett gehen, da habe ich es ihr gesagt. Erst hat sie ablehnend reagiert, was aber daran lag, dass sie sich noch nie damit beschäftigt hatte und keine Homosexuellen kannte. Sie hatte Angst, dass ich von meinen Freunden zurückgewiesen werde. Sie meinte zuerst: „Sag das niemandem!“ Von meinem Vater habe ich auch den Klassikerspruch „Das ist nur eine Phase!“ zu hören bekommen. Ein halbes Jahr später habe ich es noch mal vorsichtig angesprochen. Da hieß es dann: „Alles in Ordnung.“ Meine Mutter hatte da bereits mitbekommen, dass in meinem Umfeld keiner ein Problem damit hatte. Das hat ihr die Angst genommen. Meine Eltern haben dann meine Freundinnen genauso herzlich aufgenommen wie die Freundinnen meines Bruders.

Und wie haben deine Eltern reagiert, als du ihnen offenbart hast, dass YouTube mehr als ein Hobby ist?

Meine Mutter hatte immer gesagt: „Veröffentliche nichts von dir im Internet, das endet böse!“ Also habe ich es heimlich gemacht. Erst nach einem halben Jahr, als ich schon mehrere Tausend Abonnenten hatte, habe ich ganz nebenbei von meinem Kanal erzählt. Als meine Eltern gesehen haben, wie viele Leute mich unterhaltsam finden, waren sie stolz. Damals habe ich aber auch gesagt, ich würde bald studieren, das hat sie beruhigt. Doch irgendwann musste ich mich entscheiden. Ich wusste, wenn ich YouTube nur nebenbei mache, plätschert das nur vor sich hin. Also habe ich meinen Ausbildungsplatz bei einer Filmproduktionsfirma abgesagt und meine Eltern haben das so hingenommen.

Du machst seit fünf Jahren YouTube. Erinnerst du dich noch an dein erstes Video – und wie es dazu kam?

Wenn ich mit 14 oder 15 Jahren aus der Schule kam, habe ich als Erstes YouTube geschaut – am liebsten Comedy. Ich war der Klassenclown und wollte schon lange einen eigenen Kanal starten. Manchmal habe ich auch so getan, als würde ich ein Video aufnehmen – also mit mir selbst geredet. An dem Tag, an dem ich mein erstes Video gemacht habe, im Dezember 2015, war ich mit einer Freundin in der Stadt verabredet. Ich hatte nur noch eine halbe Stunde Zeit und dachte: „Jetzt machst du das einfach!“ Also habe ich meine Kamera irgendwo aufgestellt, gar nicht aufs Licht geachtet, „Hallo“ gesagt, das Video geschnitten und hochgeladen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Kein Arbeitgeber zwingt mich, um neun Uhr auf der Matte zu stehen; ich muss mich selbst disziplinieren. Gerade sind viele genervt davon, dass Corona sie ins Homeoffice zwingt – ich habe das Problem seit fünf Jahren. Manchmal komme ich nur schwer aus dem Bett. Anderer­seits ist es extrem cool, dass ich von Zuhause arbeiten und mir meine Zeit frei einteilen kann. Meist stehe ich um neun Uhr auf und beginne um zehn Uhr mit dem Arbeiten: Ich organisiere, drehe und schneide.

Neben dem YouTube-Kanal, auf den ich zwei Videos pro Woche hochlade, kümmere ich mich um meinen Instagram-Account. Und ich stehe auch hinter der Kamera: Für Warner Music Group habe ich beispielsweise die Berliner Sängerin Wilhelmine (L-MAG Mai/Juni 2020) beim Musikvideodreh hinter den Kulissen begleitet.

Im Jahr 2017 hast du auf YouTube die Kampagne „Wir gegen Homophobie“ gestartet. Wie kam es dazu?

Damals hatte ein relativ bekannter Youtuber in einem Video gegen Schwule gehetzt. Viele haben einander den Link geschickt und sich darüber aufgeregt. Ich fand das den falschen Umgang, weil ihm das noch mehr Aufmerksamkeit und Klicks auf das Video geschenkt hat – wodurch es wiederum noch mehr Leuten vorgeschlagen wird, die sich das dann angucken. Deshalb wollte ich eine Gegenbewegung starten, ohne das Video zu zeigen oder ihn zu nennen.

Auch jetzt sagst du ganz bewusst nicht seinen Namen.

Genau. Bis heute habe ich mir sein Video nicht angeschaut. Ich will ihm diesen Klick nicht geben! Ich habe dann andere Youtuberinnen und Youtuber angeschrieben und wir haben alle gleichzeitig Videos hochgeladen, in denen wir sagen: „Ich bin gegen Homophobie.“

Für die Aktion hast du viel Zuspruch bekommen, daraus ist auch dein zweiter YouTube-Kanal „Okay“ entstanden, auf dem es um Fragen rund um LGBT geht und den nun andere weiterführen. Aber es gibt auch viel Hass im Netz. Wie gehst du damit um?

Zum Glück überwiegen die positiven Kommentare. Trotzdem bleiben mir die
negativen eher im Gedächtnis. Was mir hilft, ist, mich in einem Video darüber lustig zu machen. Dann ist das für mich verarbeitet – und das kommt auch noch gut an.

Haben es Frauen schwerer auf YouTube?

Im Unterhaltungsbereich auf jeden Fall. Beauty gilt als Frauensache, dort haben es Männer nicht leicht. Aber wenn eine Frau Comedy macht, egal ob Stand-up oder Satire, kommentieren immer Leute: „Frauen sind einfach nicht lustig.“ Dieses gesellschaftliche Bild macht es Frauen extrem schwer.

Warum war es dir wichtig, in deinen Videos klar zu zeigen, dass du lesbisch bist?

Als ich mit 15 Jahren gemerkt habe, dass ich auf Frauen stehe, waren amerikanische Youtuberinnen wie Shannon Beveridge und Cammie Scott extrem wichtig für mich. Sie haben mir gezeigt: Das gibt es wirklich! Deshalb wollte ich, sobald ich eine gewisse Reichweite habe, auch über Homosexualität aufklären. Um es so Leuten leichter zu machen. Mir ist wichtig, das Thema Homosexualität mit Comedy zu verbinden, damit auch heterosexuelle Menschen auf meine Videos kommen und Berührungsängste verschwinden. Ich wollte aber nie auf mein Lesbischsein reduziert werden. Die LGBT-Community feiert schnell alles, was lesbisch ist, ohne zu unterscheiden: Was ist wirklich gut und was findet man nur gut, weil es lesbisch ist? Ich will nicht für meine Sexualität, sondern für meine Gags bekannt sein. Auf den Stempel „Die YouTube-Lesbe“ kann ich gut verzichten.

Das vollständige Interview erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG März/April 2021.

 

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Kolumne von Karin Schupp

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