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Lesben aller Länder, outet euch!

Solange viele noch glauben, dass es Gründe gibt, nicht offen zur sexuellen Identität zu stehen, bleibt der Unterschied zwischen „Outing“ und „Coming-out“ bestehen. Ein Kommentar von Karin Schupp.

Von Karin Schupp

13.3.2021 – Es war der 10. Dezember 1991, als Rosa von Praunheim in der RTL-Liveshow „Der heiße Stuhl“ einen Skandal lostrat. „Warum kann Alfred Biolek nicht einfach sagen: ‚Ich bin schwul‘?“, fragte der schwule Filmemacher mit Blick auf den damals schon erfolgreichen Moderator, verkündete dann dem Millionenpublikum auch gleich noch Hape Kerkelings Homosexualität und brachte den Deutschen einen neuen Begriff bei: Outing.

Die Sexualität einer Lesbe oder eines Schwulen gegen deren Willen öffentlich zu machen, war bis dahin ein tabu gewesen, und so waren Praunheim Schlagzeilen und Empörung gewiss, auch aus den eigenen Reihen: Der Bundesverband Homosexualität und der Lesbenring distanzierten sich. In der nun folgenden, hitzigen Diskussion standen sich zwei Positionen gegenüber: Jedem Menschen müsse es selbst über­lassen bleiben, ob er offen zu seinersexuellen Orientierung stehen möchte oder nicht, sagten die einen. Andere fragten: Aber wie soll es je eine Normalisierung in der Gesellschaft geben, solange Homosexuelle sich verschämt verstecken?

Den Startschuss hatte die US-Zeitschrift OutWeek schon Anfang 1990 gegeben: Sie schrieb nach dem Tod des Milliardärs Malcolm Forbes über dessen „geheimes schwules Leben“. Das geschah nicht aus Sensationslust, sondern illustrierte die Forderung nach Gleichbehandlung von Homo- und Heterosexuellen in den Medien, was zum Beispiel die Erwähnung von Lebenspartnerinnen und Lebenspartnern angeht (aber nicht – ein häufiges Missverständnis – den Blick ins Schlafzimmer!). Die Redaktion hätte das gerne „Equalizing“ genannt, konnte sich aber nicht gegen den Begriff „Outing“ durchsetzen, den ein Times-Autor prägte.

Die New Yorker Aidshilfe-Gruppe ACT UP griff die Idee 1991 auf und outete mit einer Plakatkampagne rund 20 Prominente, darunter Jodie Foster, Whitney Houston und John Travolta. Ihre Absicht war, jungen Homo- und Bisexuellen Vorbilder zu präsentieren, denn damals waren Schwule in der Öffentlichkeit vor allem als Aidskranke sichtbar – und Lesben überhaupt nicht. Auch von Praunheim ver­teidigte seine Aktion noch 2009 als „Verzweiflungsschrei auf dem Höhe­punkt der Aidskrise“. Die Vorbildwirkung blieb allerdings zweifel­haft, da alle Geouteten zunächst schwiegen – einige tun es bis heute. Etwas weniger umstritten war das Anprangern heimlich schwuler Amts- und Würdenträger, die sich homophob verhielten, darunter US-Politiker, die für LGBT-feindliche Gesetze gestimmt hatten, und 14 Bischöfe in England.

Das Outing verlor seine politische Bedeutung

Während Outing schnell seine politische Bedeutung verlor und in der Klatschpresse eine neue, zweifelhafte Heimat fand, ging das Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch über und verselbstständigte sich: Zunächst wurde es zum Verb, dann vom unfreiwilligen zum freiwilligen Akt – „Ich oute mich als lesbisch/schwul/bisexuell!“ –, und schließlich änderte es seine inhaltliche Bedeutung. Plötzlich „outete“ man sich als Sportmuffel, Karnevalshasserin oder Britney-Spears-Fan. Vor einigen Jahren ist Outing als Substantiv in die Community zurückgekehrt: Seitdem sprechen vor allem junge LGBT von „meinem Outing“, wenn sie eigentlich ihr Coming-out meinen.

Denn vom Begriff „Coming out (of the closet)“, also der inneren Bewusstwerdung der sexuellen Identität und dem Schritt, sie anderen mitzuteilen, leitet sich „Outing“ als explizites Gegenstück ab: hier selbstbestimmt, dort fremdbestimmt. Während in den USA dieser Unterschied immer klar war, vermischten sich beide Bedeutungen im Deutschen bis hin zur Deckungsgleichheit. Das wäre egal, wenn Homosexualität heute genauso akzeptiert wäre wie Heterosexualität.

Dass das aber längst nicht der Fall ist, zeigt eine Umfrage der LGBT-Webseite queer.de (2016): Hier lehnten 39 Prozent der 900 Befragten das Outing von Promis ab, weil „die sexuelle Orientierung Privatsache“ sei. Solange also viele noch glauben, dass es Gründe gäbe, nicht offen zur eigenen sexuellen Identität zu stehen (wie gesagt: es geht um die Lebensform, nicht um Sex und intime Details!), bleibt der Unterschied zwischen „Outing“ und „Coming-out“ bestehen. Übrigens: Hape Kerkeling und Alfred Biolek erlebten ihr Outing letztlich als Erleichterung. „Dieser Schlag hat eine Verspanntheit gelöst, die danach weg war“, schrieb Biolek in seinen Memoiren. Und Kerkeling sagte schon ein Jahr nach dem „Heißen Stuhl“ im Spiegel: „Ich kann nur jedem raten, sich nicht zu verstellen.“

 

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