L-Mag

Die neuen Butches und Femmes: Glamouröses Revival

Von wegen überholt: Lesben und Queers der jüngeren Generation entdecken die Labels Butch und Femme neu, verknüpfen sie aber mit eigenen Styles und Ideen.

Jason Harrell Butch Walk 2023 im Berliner Club SO36

Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 2-2026 (Mrz./ Apr.)

Von Annabelle Georgen

Obwohl es ein Montagabend ist, also kein Wochenende, sind die beiden Säle der queeren Berliner Bar brechend voll. Auf dem Programm: ein Speed-Dating-Event der Partyveranstalter:in Party Dyke*. Es gibt drei verschiedene Runden: Butch4Femme, Butch4Butch und Femme4Femme. Die meisten der anwesenden Teilnehmer:innen sind unter dreißig. Viele Femmes tragen auffälliges Make-up, tiefe Ausschnitte und Schmuck. Einige Butches zeigen ihre rasierten Nacken und sorgfältig definierte Armmuskeln, wenn sie ihre übergroßen Jacken ausziehen.

Eine Femme mit Vollglatze – Warum nicht?

Daneben haben sich all jene eingefunden, deren Look fließender ist, weil sie diese beiden Identitäten mit alternativen modischen Ideen verknüpfen.

Warum sollte eine Butch keine üppige Vokuhila-Frisur, Kajal um die Augen und Ringe an allen Fingern tragen? Und warum sollte eine Femme keine Vollglatze, einen Trainingsanzug mit drei Streifen und dicke Docs tragen?

Revival alter Identitäten in der Generation Z

Es gehört zum Kernbestand lesbischer Subkultur: das legendäre Duo Butch–Femme, bestehend aus einer eher „maskulin“ gekleideten und gestylten Frau und einer zweiten mit optischen Attributen, die gemeinhin als „feminin“ gelten. In den vergangenen Dekaden, spätestens seit den 80er-Jahren, wurden Butch-Femme-Paare seitens so mancher queerer Community als altmodisch oder heteronormativ kritisiert.

Derzeit erleben Butches und Femmes jedoch ein glamouröses Revival innerhalb der Gen Z. Junge FLINTA* entstauben diese beiden Rollen und besetzen sie mit eigenen Codes, Styles und Attitüden. Sie eignen sich die tradierten Labels an und erfinden sie neu. „In Gen-Z-Communitys und auf TikTok gibt es derzeit eine Art neue ,historical appreciation‘ für das Erbe dieser Identitäten“, beobachtet Lara Hansen, Journalist:in mit Schwerpunkt auf LGBTIQ*-Themen und Mode.

Karolina Jackowska Lara Hansen: „Sich als Butch zu definieren, ist ein politisches Statement“

Butches & Femmes in den 50er Jahren: Sexy und rebellisch

Die Begriffe Butch und Femme wurden in den USA der 50er-Jahre populär – in einem gesellschaftlichen Kontext, der Homosexualität höchstens tolerierte. Erstmals aufgekommen sind sie unter Lesben der Arbeiterklasse.

Butch-Femme-Lesbenpaare traten in der Öffentlichkeit sichtbar auf. Als „Mann“ gekleidet und mit einem Männerhaarschnitt auf die Straße zu gehen, war mit Gefahren verbunden. Ebenso sahen sich Femme-Lesben, die sich mit einer Butch in der Öffentlichkeit zeigten, oft mit Angriffen konfrontiert.

In der lesbischen Szene galten solche Duos als rebellisch und sexy. Dennoch waren sie nicht immer beliebt. Feminist:innen der zweiten Welle in den 70er- und 80er-Jahren kritisierten Butch-Femme-Paare, weil diese aus ihrer Sicht die heteronormative Ordnung reproduzierten.

Zu patriarchal, zu binär?

Die Identitäten hätten als „altmodisch oder überholt“ gegolten, sagt Irene Villa. Sie ist Wissenschaftlerin am Forschungszentrum für Sexualpolitik und -theorie in Verona und selbst bekennende Butch.

„Je nach historischem Moment scheint sich die Kritik zu wiederholen!“, stellt Irene Villa fest, denn Butches und Femmes werden wieder abgelehnt, „früher, weil sie zu patriarchal seien, heute, weil sie zu binär seien“. Beide Identitäten seien aber subversiv, findet die Forscherin: „Butches stellen durch ihr Bekenntnis zu einer Männlichkeit, die normalerweise Männern vorbehalten ist, für die patriarchale und die hetero-cis-normative Gesellschaft eine Herausforderung dar. Femmes mögen auf den ersten Blick weniger subversiv erscheinen, aber ich frage mich: Was könnte für die heutige Gesellschaft destabilisierender sein als eine feminine Frau, die ihr Verlangen nicht auf cis Männer, sondern auf andere queere Menschen richtet? Meiner Meinung nach: nichts anderes!“

Sally B Kinky Wear beim Butch Walk 2024 - wichtiges Detail: Der Karabinerhaken als lesbisches Erkennungszeichen

Respekt für lesbische (Butch-)Geschichte – und die Suche nach Neuem

Innerhalb der Gen Z fasziniert die Figur der Butch, sie schüchtert aber auch ein. „Sich als Butch zu deklarieren, ist ein politisches Statement“, sagt Lara Hansen. „Zugleich hegen viele aus der jüngeren Generation eine gewisse Zurückhaltung, sich als Butch zu bezeichnen: Was bedeutet das genau? Bin ich Butch genug? Wird man dieser Geschichte gerecht?“ Viele würden deshalb eher von „Masc/Femme“ – vom Kürzel „Masc“ für „maskulin“ – sprechen, als von „Butch/Femme“ sagt Hansen weiter. „Aber auch das zeigt die Suche nach neuer Sprache. Manche distanzieren sich wiederum bewusst vom Begriff Masc und bestehen darauf, Butch zu sein. Das alles koexistiert gerade.“

Minirock und Chunky Boots: „Hyperfemme“ als neuer queerer Style

Was die Femme betrifft: Auch sie ist zum Experimentierfeld geworden. Neue Szenecodes werden erfunden, verschiedene Elemente vermischt. „Mehr als nur Mode ist Femme vor allem ein Vibe, eine Ausstrahlung“, findet Lara Hansen. „Jede Femme hat ihre eigene Art, diese Identität zu leben. Was viele aber gemeinsam haben, ist ein Sinn für Kreativität. Femme-Mode feiert das Auffällige, das Detailverliebte, das ,Zuviel‘.“

Das Selbstbewusstsein der „neuen“ Femmes steht dem der Butches in nichts nach. Ihre Erkennungsmerkmale? „Typische Codes in der Gen-Z-Community können sein: Mini- oder Maxiröcke, knalliger Lippenstift, High Heels oder chunky Boots, extravagantes Make-up und kunstvoll gestaltete Fingernägel – wobei zwei oder drei Nägel kurz bleiben“, zählt Lara Hansen auf.

Karolina Jackowska Den Hyperfemme-Style verkörpert zum Beispiel die queere Sängerin Mariybu

Wiedergutmachung für die misogynen 2000er-Jahre

Das Femme- oder „Hyperfemme“-Revival, vermutet Hansen, hänge viel mit Popkultur zusammen: „Eine neue Generation von Stars spielt mit der Femme-Identität.“ Zugleich erlebten Popikonen wie Britney Spears oder Paris Hilton in der öffentlichen Debatte eine Art Wiedergutmachung für die misogynen 2000er-Jahre, in denen sie medial zerlegt wurden.

„Dazu kommt: Die übertriebene, ,bratty‘ Femme-Inszenierung ist auch eine Gegenbewegung zu konservativen Ästhetiken wie ,Tradwife‘ oder ,Clean Girl‘. Hyperfemme ist rebellisch, laut und ein Ausbrechen aus den Normen, die das Patriarchat der Weiblichkeit vorschreibt.“

Feminine Lesben: Heute selbstverständlich Teil der Szene

In der jungen, queerfeministischen Szene werden hyperfeminine Lesben mittlerweile als selbstverständlicher Teil der Community begriffen. „Eine Femme zu sein, ist zu einer sozial radikalen Identität geworden, oder zumindest wird sie als solche anerkannt“, sagt Speeddating-Veranstalter:in Party Dyke*: „Wenn ich jemanden sehe, der wie Betty Boop gekleidet ist, denke ich sofort: Das ist eine Lesbe.“

 

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