Die wütende Lesbe in Serien - und warum das ein Fortschritt ist
Die Serienhits „Pluribus“ und „The Beast in Me“ zeigen lesbische Heldinnen, die nicht gefallen wollen: mittleren Alters, voller Zorn und widersprüchlich. Wenn queere Figuren all das sein können: das ist echte Repräsentation.
Netflix/Chris Saunders Shelley (Natalie Morales, l.) und Aggie (Claire Danes) in „The Beast in Me“Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 2-2026 (Mrz./ Apr.)
Von Arabella Wintermayr
Vielleicht ist es nur eine bemerkenswerte Ausnahmeerscheinung, vielleicht aber auch deutlich mehr als das: Mit „Pluribus“ und „The Beast in Me“ avancierten zum Ende des Jahres Serien zu Erfolgen, die von zwei Frauen mittleren Alters als Hauptfiguren getragen werden. Die Schauspielerinnen Rhea Seehorn (53) und Claire Danes (46) werden nicht gegen ihr Alter inszeniert: Wir sehen sie mitunter ungeschminkt, mit Augenringen, zerzausten Haaren. Eine weitere Dimension kommt hinzu, fast beiläufig: Beide Figuren sind lesbisch.
Sozial isoliert und schlecht gelaunt
Ihre Sexualität ist innerhalb der Erzählung kein Ausstellungsmerkmal, das verhandelt werden müsste, sondern eine Selbstverständlichkeit. Was diese beiden Frauen zusätzlich verbindet, ist ihr Habitus: Sie sind unzufrieden mit ihrem Leben, sozial isoliert, meist schlecht gelaunt und tragen eine latente Wut mit sich herum. Weder Aggie (Danes) im Psychothriller „The Beast in Me“ noch Carol (Seehorn) im Sci-Fi-Drama „Pluribus“ sind Sympathieträgerinnen im klassischen Sinn, stattdessen sind sie kantig, widerständig und abweisend.
Die wütende Lesbe: Einfach nur ein neues Stereotyp?
Damit stellt sich fast zwangsläufig die Frage: Ist dies das nächste ärgerliche Stereotyp? Die wütende lesbische Frau mit Butch-Attitüde als eine neue Form der Reduktion?
Vielleicht – doch ärgerlich wird es nur dann, wenn wir Repräsentation fordern, aber eigentlich Idealisierung meinen und Unliebsames ausschließen wollen.
Der Wunsch nach positiven Darstellungen lesbischer Figuren ist verständlich. Er speist sich aus Jahrzehnten der Pathologisierung, Dämonisierung und Verzerrung. Lange genug mussten queere Figuren als Bedrohung, Warnung oder für Tragödien herhalten. Danach musste Sichtbarkeit erst einmal legitimieren, rechtfertigen und beweisen.
Lasst den lesbischen Figuren ihre Macken!
Vielleicht ist aber nun der Punkt gekommen, an dem daraus mehr folgen kann. Und an dem diese Figuren nicht länger als Stellvertreterinnen oder Vorbilder funktionieren müssen. Erst dann ist Repräsentation erreicht: Wenn lesbische Figuren alles sein können, man ihnen Widersprüchlichkeiten gönnt, sie in ihrer Ambivalenz, im Schönen wie im Hässlichen existieren lässt.
Vor diesem Hintergrund bedeuten die zwei Serien, beides erfolgreiche Prestigeproduktionen, vor allem eines: Freiheit – und ja, auch eine Form von Fortschritt.
1990er und 00er-Jahre: Lesbische Wut endete stets im Desaster
Als sich Film und Fernsehen zuletzt für die schlechtgelaunte, aufrührerische, einsame oder wütende Lesbe interessierten, fehlte diese Ambivalenz oft. Zwischen Mitte der 1990er und Mitte der 2000er-Jahre waren die Geschichten oft mit Gewalt, Grenzüberschreitung, Obsession und letalem Kontrollverlust verknüpft.
Apple TV Carol (Rhea Seehorn) in „Pluribus“Ob „Heavenly Creatures“ (1994), „Gia“ (1998), „Lost and Delirious“ 2001) oder „Monster“ (2003): In all diesen Erzählungen endete die Dynamik tödlich – nicht selten für die Hauptfigur selbst. Liest man sie auf ihre Codes hin, bleiben die Figuren hier randständige lesbische Existenzen, gebunden an Destruktion.
„The Beast in Me”: Aggie sieht Dinge, die andere nicht sehen
Aggie und Carol sind anders. Nicht, weil sie weniger verletzt, weniger wütend wären oder keine destruktiven Züge in sich trügen. Ihr Wesen aber bedeutet nicht zuerst (Selbst-)Zerstörung, sondern ist in ihren jeweiligen Welten essenziell, um Bedeutendes in Gang zu setzen.
In „The Beast in Me“ zeigt sich das ganz konkret: Aggie ist Schriftstellerin, leidet aber seit dem Tod ihres Sohnes an einer Schreibblockade. Ihre Frau hat sich von ihr getrennt und Aggie hat eine gefährliche Neigung zum Alkohol entwickelt. Ihr Leben ist geprägt von Stillstand – bis ein neuer Nachbar (Matthew Rhys) auftaucht. Zunächst ist da nur Unbehagen, schließlich ein Verdacht. Was als Ausweg aus der eigenen Leere beginnt, entwickelt sich zur Nachforschung, die Wichtiges ans Licht bringt.
Aggies Wesen ist kein Hindernis, sondern die Voraussetzung für ihren besonderen Blick: Sie fühlt sich angezogen vom Sonderbaren, weil sie nicht integriert ist in die soziale Ordnung ihrer Umgebung.
„Pluribus“: Die lesbische Carol tanzt aus der Reihe
„Pluribus“ erzählt von einer ähnlichen Dynamik, allerdings in einer radikal anderen Welt: Ein Virus hat nahezu die gesamte Menschheit infiziert und in dauerhaft glückliche Wesen verwandelt – friedlich, aber ohne eigenen Willen.
Carol gehört zu den wenigen Immunen und lebt in dieser neuen Ordnung als Fremdkörper. Während die meisten Menschen das neue Glückssystem akzeptieren, hadert sie mit dieser Ordnung, dem Verlust jeglicher Individualität, und lehnt sich dagegen auf.
Queere Frauen mischen das Kino auf
Damit stehen Aggie und Carol näher bei den wütenden Frauen des aktuellen Kinos als bei den „wütenden Lesben“ früherer Jahrzehnte. Gänzlich neu ist dieser Figurentypus übrigens nicht. Auch Lisbeth Salander – bisexuell, radikal, kompromisslos – trug ihn bereits in sich: Als Wahrheitssucherin, Systemgegnerin, Einzelgängerin, mit mehr Wut im kleinen Finger als Carol und Aggie zusammen.
Womöglich belegt man queere Frauen gern mit der Eigenschaft, gegen den Strom zu schwimmen, weil man ihnen unterstellt, aufgrund ihrer Sexualität ohnehin außerhalb etablierter Strukturen zu stehen, und es ihnen nichts ausmacht, anzuecken. Vielleicht ist das ein Stereotyp, vielleicht aber auch oftmals bloß die Wahrheit.
„The Beast In Me“, USA 2025, Netflix | „Pluribus“, USA 2025, Apple TV

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