L-Mag

Filmtipp „Fancy Dance“: Überlebenstanz, verankert in Liebe

Die indigene Lesbe Jax (Lily Gladstone) sucht mit ihrer Nichte deren verschwundene Mutter und hilft ihr bei den Vorbereitungen zu ihrem ersten Powwow. Eine Liebeserklärung an eine lebendige Gemeinschaft und die Frauen, die sie zusammenhalten (Apple TV+).

Confluential Films

Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 4-2024 (Jul./ Aug.)

Von Nina Süßmilch

„Fancy Dance“ sei nicht nur irgendein Tanz, erklärt die 13-jährige Roki (Isabel Delroy-Olson) der weißen Großmutter Nancy (Audrey Wasilewski), bei der sie vom Sozialdienst untergebracht wurde. Vielmehr gehe es darum, zusammenzukommen, sich im Tanz mit der Gemeinschaft zu verbinden. Nancy versucht auf Roki einzugehen und die junge Native American zu verstehen. Trotzdem entlarvt sie in jedem Satz schmerzhaft ihr von Privilegien geprägtes Denken und wie wenig einfühlsam sie ist.

Die Zuschauer:innen sind gleichzeitig genervt, traurig, peinlich berührt von den Gesten Nancys und das ist eine große Stärke des Films. Erica Tremblay und Miciana Alise gehen in ihrem Drehbuch auf die Figuren mehrdimensional ein. Sie alle sind gefangen in ihren Perspektiven, häufig geprägt durch Verwundungen und Ablehnungserfahrungen.

Roki will unbedingt zu ihrem ersten Powwow

Die junge Roki jedoch hat trotz des Verschwindens ihrer Mutter Tawi ihre Offenheit und Fröhlichkeit noch nicht verloren. Sie will unbedingt zum großen Powwow in Oklahoma City fahren, einem Treffen indigener Amerikaner:innen. Sie ist überzeugt, dort auf ihre Mutter zu treffen. Die habe schließlich noch nie die große Zusammenkunft der Native American Tribes verpasst, versichert auch Rokis Tante Jax (Lily Gladstone). Und es ist nicht das erste Mal, dass Tawi für ein paar Tage abgehauen ist. Aber dieses Mal spürt Jax, dass es anders ist und etwas passiert sein muss.

Der rote Faden der Erzählung ist zum einen die Suche nach Tawi. Die organisieren lediglich die Bewohner:innen im Reservat, denn außerhalb wird der Fall von der Bundespolizei FBI nicht ernstgenommen. Zum anderen bilden die Vorbereitung und der Road Trip zum Powwow in Oklahoma die einzelnen Stationen des Filmes.

Verankert in Liebe und Zusammengehörigkeit

Der Drehbuchautorin und Regisseurin Erica Tremblay scheint es dabei nicht primär darum zu gehen, das Rätsel rund um Tawi zu lösen. Auch wenn die Zuschauer:innen am Ende erfahren werden, wo Rokis Mutter ist. Das Schicksal einer verschwundenen jungen Native American sollte nicht der Hauptfokus sein, wie Tremblay im Interview mit Apple TV erklärt.

„Fancy Dance“ wolle zwar auch diesen Aspekt der Realität beleuchten, aber ohne auf das Trauma zu starren, das so oft in Filmen und Büchern ausgeschlachtet würde. „Wir wollten eine Geschichte des Überlebens erzählen, die verankert ist in Liebe und Zusammengehörigkeit“, sagt die queere Regisseurin weiter. Der Film sei eine Liebeserklärung an eine lebendige und wundervolle Gemeinschaft und an die Frauen und queeren Personen, die sie zusammenhalten. So sind es nicht nur vermehrt weibliche Figuren, die den Film tragen, sondern das Verständnis von Geschlecht und Identität wird am Rande mit verhandelt.

Den Trailer gibt's nur mit Untertiteln, den Film könnt ihr auch in der deutschen Synchronfassung sehen.

Jax zelebriert mit Roki die traditionellen Rituale

Jax ist lesbisch und besucht im Strip Club, in dem auch ihre Schwester Tawi arbeitet, regelmäßig eine Stripperin, die ihr auch bei den Nachforschungen zu Tawi hilft. Mit Jax, die zudem ein Vorstrafenregister hat, scheint nicht zu spaßen zu sein, außer wenn sie sich um ihre Nichte kümmert, sie in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Haus der Großeltern für den Powwow abholt und dann mit Roki trotz Flucht deren ersten „Mond“ zelebriert.

Roki bekommt zum ersten Mal ihre Menstruation, was für beide ein Grund zu feiern ist, also wird das Ritual so gut es eben geht auf der Flucht begangen. Das ist eine der schönsten Szenen des Films: die Menstruation ist kein Grund zur Scham, sondern ein Grund zu feiern.

Hauptdarsteller:in Lily Gladstone ist „middle-gendered“

Jax wird von Lily Gladstone gespielt, die für Scorseses „Killer of the Flower Moon“ in diesem Jahr als erste Native-American-Person einen Golden Globe für eine Film-Hauptrolle erhielt (eine Oscar-Nominierung bekam sie dafür auch). Gladstone definiert sich selbst als „middle-gendered“ (was so viel bedeuten könnte wie „zwischen den Geschlechtern“) und nutzt die Pronomen she und they. In vielen indigenen Sprachen gibt es den Begriff der „two spirits“ für Personen, die von zwei Seelen bewohnt werden und sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich definieren. „In den meisten indigenen Sprachen gibt es keine Pronomen wie sie und er. Es gibt nur ,they‘ und ich nutze dieses Pronomen auch, um meine Identität zu dekolonialisieren“, erklärte sie in einem Interview mit dem Magazin Salon.

„Fancy Dance“ ist ein ruhiger Film, der in seinem Rhythmus an die fantastische Serie „Reservation Dogs“ erinnert, die vom Erwachsenwerden vierer Teenager in einem Reservat erzählt. Es gibt lange Einstellungen, eine große Nähe zu den beiden Hauptfiguren Roki und Jax, Szenen von übergriffigen und diskriminierenden Situationen, die Native Americans häufig über sich ergehen lassen müssen.

„Tante“ bedeutet „kleine Mutter“ in der Sprache der Cayuga

Besonders berührend ist, dass Tremblay die Sprache ihres Stammes Seneca-Cayuga nutzt und die Figuren immer dann Cayuga sprechen lässt, wenn sie einander nahe sein wollen und sich in brenzligen Situationen helfen. Sie selbst hat in einem drei Jahre dauernden Sprachprogramm in Kanada Cayuga sprechen gelernt, denn aktuell gibt es nur noch 21 Menschen, die Cayuga sprechen.

Und nicht nur im Film findet die Sprache ihren Platz, auch am Set wurden wichtige Worte wie „Schnitt“ mithilfe einer Sprachtrainerin ins Cayuga übersetzt und beim Dreh genutzt. So lernte nicht nur die Filmcrew, auch die Zuschauer:innen erfahren, dass die Bezeichnung „Tante“ in Cayuga wortwörtlich „kleine Mutter“ bedeutet und zu genau dieser wird Jax für Roki, als sie es schließlich zum Powwow geschafft haben und beim großen Memorial-Tanz für die Vermissten und Ermordeten gemeinsam auftreten.

Fancy Dance, USA 2023, 92 Minuten, Regie: Erica Tremblay, Buch: Erica Tremblay/ Miciana Alise; exklusiv auf Apple TV+ (OmU und deutsche Synchronfassung)

 

Die aktuelle Ausgabe der L-MAG  erhältlich am Kiosk (Kiosk-Suche), im Abo, als e-Paper und bei Readly.

Aktuelles Heft

Queere Reiseziele

Reisen in Nordamerika und Osteuropa. Work & Travel in Australien. Vom Lesbenfestival Ella bis zum Lesbenfrühlingstreffen. mehr zum Inhalt




Die Zeiten werden härter!

 

L-MAG will weiter kritisch und sichtbar bleiben! Unterstütze uns mit einer Paypal-Spende und helfe uns dabei.

Gute Artikel gibt es nicht umsonst!

Vielen Dank!
Dein L-MAG Online-Team

 

 


L-MAG.de finde ich gut!

Die Zeiten werden härter!

 

L-MAG will weiter kritisch und sichtbar bleiben! Unterstütze uns mit einer Paypal-Spende und helfe uns dabei.

Gute Artikel gibt es nicht umsonst!

Vielen Dank!
Dein L-MAG Online-Team

 

 


L-MAG.de finde ich gut!
x