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Wacht auf!

Die iranische LGBT-Influencerin Shadi Amin will nicht lockerlassen. Seit Jahren kämpft sie an verschieden Fronten für LGBT-Rechte. Queere Solidarität hält sie für unmöglich, solange die weiße LGBT-Community sich nur um ihre eigenen Bedürfnisse kümmert

© Negin Behkam

Von Negin Behkam

29.5.2021 – Shadi Amin war im siebten Monat schwanger und lebte mit ihrem Ehemann zusammen, als sie sich eingestand, lesbisch zu sein. Erst zu diesem Zeitpunkt wusste Shadi ohne jeden Zweifel, dass sie nie wieder ein hetero­sexuelles Leben führen wollte. Kurz darauf outete sie sich im Berliner Lokalfernsehen. Eine extreme Entwicklung, denn als Teenagerin im Iran wollte sie sich sogar einer Geschlechtsänderung unterziehen, weil ihr Herz für Frauen schlug. Heute lebt die Geschlechterforscherin offen lesbisch in Frankfurt am Main, ist eine der bekanntesten iranischen LGBT-Aktivistinnen, Co-Vorsitzende der ILGA Asia und Direktorin des iranischen Lesben- und Transgender-Netzwerks 6Rang (Sechs Farben).

L-MAG: Shadi, wie bist du in der iranischen LGBT-Community zur Tausendsassa geworden?

Shadi Amin: Meine erste öffentliche Rede zum Thema Homosexualität und wie die Iranerinnen und Iraner damit umgehen, hielt ich 1997 in Berlin. Die Sendung wurde von einem lokalen Fernsehsender ausgestrahlt. Das war ein Schock für die iranische Community in Berlin. Wir haben eine Menge Kritik geerntet: Solche Themen seien nicht angemessen, weil auch viele Familien die Sendung anschauen würden. Ich wurde mehrfach angegriffen. Einmal sogar tätlich, als mich jemand in der U-Bahn erkannt hat. Danach war mir absolut klar, was ich zu tun hatte. Ich selbst habe jahrelang „im Schrank“ gelebt. Wenn es irgendwo andere Leute wie mich gäbe, wollte ich sie ermutigen, sich zu outen.

War das dann auch der Anfang deines eigenen Coming-outs?

Genau. Dass ich eine Lesbe bin, wusste ich schon im Iran, aber ich konnte es noch nicht richtig verstehen. Als Teenager dachte ich, ich habe ein hormonelles Problem und bin krank, davon war ich fest überzeugt. Mein Outfit war nicht wie das vieler anderer Mädels. Ich spielte immer gerne Fußball. Aber ich habe diese „Krankheit“ nicht gehasst, sie gefiel mir sogar. Mädels haben mir in der Schule viel Aufmerksamkeit geschenkt und mich gemocht. Das war aufregend. (lacht) Ich dachte, es sei meine Schuld. Vielleicht geraten diese Mädchen mir zuliebe in eine Lebenskrise. Ich habe mich trotzdem irgendwann verliebt und lesbische Beziehungen gehabt.

Du warst noch sehr jung, als du den Iran verlassen hast …

Als ich aus politischen Gründen aus dem Iran flüchtete, war ich 18 Jahre alt. Als ich in Deutschland ankam, war ich 19. Meine Familie stand wegen meiner Flucht unter großem finanziellen und politischen Druck. Ich fühlte mich schuldig und hatte das Gefühl, dass meine Familie an den Folgen meiner politischen Aktivitäten genug gelitten hatte. Damit sollte nun Schluss sein …

Hast du deswegen in Deutschland dann einen Mann geheiratet?

Ja. Wenn ich Menschen erkläre, was erzwungene Heterosexualität bedeutet und wie es dazu kommt, dass du selbst solche Entscheidungen triffst, sagen viele: „Aber du hast dich doch in deinen Ehemann verliebt und ihn geheiratet!“ Ja, es schien zwar so, als ob das freiwillig war – selbst meine Familie war überrascht, dass ich heiraten wollte –, aber damals dachte ich, dass ich einen Mann heiraten muss, damit meine Familie zufrieden ist. Ich wollte nicht mehr heimlich leben. Anstatt öffentlich mit deiner Partnerin auf die Straße oder ins Kino zu gehen, hast du das Gefühl, dass diese Beziehung nur eine heimliche, sexuelle ist. Das klingt demütigend, wenn du mit sexuellen Tabus in der traditionellen und religiösen Gesellschaft des Iran aufgewachsen bist. Damals wollte ich ein normales Leben führen. In meinem Kopf war dieser Wunsch nur mit einem Ehemann möglich. So habe ich den ersten Mann geheiratet, der kein Sexist war, mit dem ich kumpelhaft zusammen war und Fußball spielte.

Privat 2013 war Shadi Amin eine der Rednerinnen der „1st Middle East Women’s Conference“ (Erste Frauenkonferenz im Nahen Osten) in Nordkurdistan (Türkei). Unter der weltweit bekannten kurdischen Parole „Jin Jiyan Azadî“ („Frauen, Leben, Freiheit“) haben Teilnehmerinnen ihren Widerstand gegen alle Formen der Diskriminierung angekündigt

Hast du in deiner heterosexuellen Ehe dein früheres Leben vermisst?

Manchmal verdrängen wir unsere eigenen Bedürfnisse, weil wir sie für unmöglich halten. Also habe ich fünf Jahre lang nicht einmal an meine früheren Beziehungen zu Frauengedacht. Aus Angst, dass meine Gedanken gelesen werden und ich mein neues Leben verlieren könnte. Mir ging’s nicht gut. Die ganze Zeit litt ich an Haut­problemen, Schlaflosigkeit und ständigem Stress.

Was ist passiert, dass du diese Umstände überwinden konntest?

Als ich schwanger wurde, fing ich an, die Situation, in der ich mich befand, und meine Zukunft genauer zu betrachten. Ich vermisste mein früheres Leben und das, was ich wirklich bin. Im siebten Monat meiner Schwangerschaft wusste ich, dass ich definitiv nicht so weiterleben wollte. Meinem Mann sagte ich schon damals, dass ich nicht bei ihm bleiben kann. Aber ich wollte noch warten, bis meine Tochter kein Baby mehr ist. Denn dann konnte ich mit ihr reden und meine Geschichte erzählen.

Wie hat er reagiert, als er von deinem Lesbischsein erfuhr?

Er nahm es nicht ernst. „Ach, das wusste ich“, sagte er. Er selber fand seine Reaktion sehr gut, ich fand das schmerzlich. Das war mein erstes Coming-out vor jemandem, der mich kannte. In all den Jahren hatte ich mich seinetwegen nicht geoutet!

Welche Reaktion hättest du dir von ihm gewünscht?

Es gibt da eine Pflicht: Wenn wir jemanden um uns herum kennen, der sich nicht outet, wir es aber schon vermuten, dann müssen wir klare Haltung zeigen. Wir sollten eine Möglichkeit zum Reden schaffen!

Wie ging deine Familie im Iran mit deinem Coming-out um?

Mein Vater kam 2000 wegen der Behandlung einer Gehirnblutung nach Deutschland. Ich lebte damals mit meiner Partnerin in Berlin-Kreuzberg und wusste nicht, wie lange er noch leben wird. Trotzdem wollte ich, dass auch er das weiß. Für mich war es wichtig zu wissen, ob meine Eltern mich so lieben, wie ich wirklich bin, oder ob sie nur ihr Bild von mir lieben. Meine damalige Partnerin hieß Jule. Für meine Eltern war es nicht einfach, als sie kamen und uns sahen. Jule hatte Persisch gelernt, um mit ihnen sprechen zu können. Am Anfang versuchte mein Vater, dem Gespräch mit ihr zu ent­kommen. Doch nach und nach begann er, eine gute Beziehung zu ihr aufzubauen. Meine Mutter sagte damals: „Erzähl das nicht allen, die noch im Iran sind.“ Ich fragte nach dem Grund. Sie sagte, weil es so viele dumme Leute gäbe: „Sie könnten Dinge sagen, die dich verletzen.“ Ich wusste aber, was hinter diesem Satz steht: meine Geschichte könnte auch ihnen Schwierigkeiten bringen. Aber am Ende des Tages haben sie sehr solidarisch reagiert und mich so, wie ich war, akzeptiert und geliebt.

Mittlerweile bist du eins der bekanntesten Gesichter der iranischen LGBT-Community …

Ja, auch dank der sozialen Medien und wegen meiner häufigen Auftritte im iranischen Satellitensender wurde mein Coming-out noch öffentlicher. Mittlerweile sind meine Eltern schon gestorben. Heute freue ich mich sehr, dass ich noch die Antwort auf meine Frage bekommen habe: Ich weiß, wie meine Eltern auf mein Lesbischsein reagierten.

Privat

Du betonst oft, dass das Coming-out ein Prozess ist und keine einmalige Angelegenheit. Wie meinst du das?

Coming-out ist ein Trend. Wenn ich dich beispielsweise auf einem Konzert sehe, weißt du noch nicht, dass ich eine Lesbe bin. Und genau das ist ärgerlich: nicht gesehen zu werden! Wir befinden uns ständig in einem hetero­normativen Prozess, der äußerst schädlich ist, da unsere Emotionen, unsere Realität überhaupt nicht wahrgenommen werden. Wir werden vom Moment unserer Geburt an mit einem heterosexuellen Label versehen. Unsere Homosexualität ist in vielen Situationen offensichtlich und in vielen anderen bleibt sie verborgen. Daher erfolgt das Coming-out ständig. Außerdem sehen viele Menschen deine Identitäten nicht mit­einander verflochten. Deshalb reden wir von Intersektionalität, denn die Identität, die zuerst geopfert wird, ist oft deine sexuelle Identität.

Siehst du im Coming-out auch eine politische Verantwortung? Es wird kritisiert, dass viele queere Menschen das Coming-out als eine private Angelegenheit sehen und nicht als eine politische und soziale Verantwortung. Verlangsamt das nicht den Prozess des gesellschaftlichen Wandels?


Die Gesellschaft hat nicht das Recht, von Menschen mit anderer sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität zu verlangen, Verantwortung für die Aufklärung einer Gesellschaft zu übernehmen, in der so viel Gewalt gegen Homos ausgeübt wird. Diese Verantwortung liegt in erster Linie bei denjenigen, die Macht und eine Stimme haben. Tatsächlich sollten die Hetero­sexuellen und Cisgender mehr tun, um das zu ändern. Die Aufgabe, die Gesellschaft zu erziehen, wird in der Geschichte ständig den Unterdrückten überlassen: Frauen sollen Männer disziplinieren, Homos die Heteros … Das ist absurd. Sich zu outen ist ein Recht – und sich nicht zu outen ist genauso ein gutes Recht!

In der weißen queeren Community ist einiges anders als bei queeren BPoCs – Black and People of Color, unter anderem beim Thema Coming-out. Denkst du, dass es trotzdem möglich ist, sich mit der weißen LGBT-Community zu vereinen?

Bei unserem Kampf geht’s ums Überleben. Viele queere Teenager leben in ständiger Angst vor Verhaftung, Folter und sogar Hinrichtung. Solange die weiße queere Community unsere schwierige Lage nicht sieht und nur erwartet, dass wir die Fortschritte der weißen Queers anerkennen und feiern, ist eine Einigung unmöglich. Sie protestieren kaum gegen die homo­feindliche Politik der Länder, mit denen Deutschland enge wirtschaftliche Beziehungen führt, wie zum Beispiel dem Iran. Sie setzen ihre Regierungen nicht unter Druck, wenn die Islamische Republik Iran lesbische, schwule und trans Personen verhaftet und sie kriminalisiert. Hätten die weißen Queers was dagegen getan, hätten sie sich selbst geholfen. Man kann keine Blumen im Garten pflanzen und ihren Anblick genießen, wenn die andere Hälfte des Gartens schlammig ist. Die weiße Community sieht diese Gewalt nicht und wundert sich dann, warum Gewalt und Homofeindlichkeit in den letzten Jahren zugenommen haben.Wenn Menschen aus wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gründen fliehen und hierherkommen, lassen sie ihre Homofeindlichkeit nicht zurück. Sie hätte auch vor Ort schon bekämpft werden müssen. Die Außenpolitik eines Landes wie Deutschland unterstützt diese Feindlichkeit, weil sie dagegen nicht aktiv vorgeht. Solange wir uns in einer solchen Situation befinden, ist es sinnlos, über globale Solidarität zu sprechen.Es ist eine Schande: Während wir in einem Teil der Welt über die gleichgeschlechtliche Ehe und das Adoptionsrecht für schwul-lesbische Paare diskutieren, haben Lesben und Schwule in einem anderen Teil der Welt kein Recht auf Leben!

Zwischen diesen beiden Welten gibt es gewaltige Unterschiede. In Deutschland hat die LGBT-Community viele Vorbilder. In vielen anderen Ländern, auch im Iran, ist das nicht der Fall. Dort bist du eine der wenigen Vorreiterin. Wie fühlt sich das an?

Da habe ich gemischte Gefühle: Gemein­schaften und soziale Gruppen, die beginnen, sich selbst zu definieren, werden immer durch bestimmte Persönlichkeiten und Vorbilder definiert. Wenn die Gruppe wenige Vorbilder hat, wird die Verantwortung für Einzelne größer. Ich halte es für wichtig, vielfältige Vorbilder zu haben, daher haben wir uns bei 6Rang die Aufklärungsarbeit im Iran zur Aufgabe gemacht.

Das vollständige Interview erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG Mai/Juni 2021.

 

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