Iranische queere Sängerin Faravaz: „Ich singe, um am Leben zu bleiben“
Die Musikerin Faravaz setzt sich für die Rechte von Frauen und queeren Menschen im Iran und weltweit ein. L-MAG sprach mit ihr über Wut, Widerstand und Hoffnung.
Beyond Binary Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 4-2026 (Juli/Aug.)
Von Jeri Soleil
Die Musikerin und Aktivistin Faravaz Farvardin (36) ist in Teheran im Iran geboren. Seit acht Jahren lebt sie im Exil in Deutschland, spielt bewusst mit Provokationen und kämpft für das Recht iranischer und afghanischer Frauen, singen zu dürfen. Ihr Debütalbum „Azadi“ erschien 2025, ihre neueste EP „Butterfly“ im März dieses Jahres.
Das Interview mit L-MAG fand im Mai statt, zu einem Zeitpunkt, als vor dem Hintergrund des Krieges der USA und Israels mit Iran das Internet im Iran für die Zivilbevölkerung abgeschaltet und der Kontakt zu Menschen vor Ort sehr schwierig war.
L-MAG: Faravaz, anlässlich des diesjährigen „Trans Day of Visibility“ am 31. März hast du ein neues Video aus deiner aktuellen EP veröffentlicht. Der Song „Butterfly“ ist eine Hymne, ein Geschenk für die queere Community. Wie bist du auf die Idee gekommen und worum geht es in dem Song?
Faravaz: Singen bedeutet mir sehr viel. Ich habe bereits in Teheran gesungen – allerdings nur im Untergrund – bis ich verfolgt, verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Deshalb musste ich aus Iran fliehen und bin nach Deutschland gekommen. Seitdem ich hier lebe, arbeite ich nicht nur als Musikerin, sondern bin auch Aktivistin. Dadurch sehe ich so viele Menschen, die dafür kämpfen, diese Welt, dieses Land und diese Stadt zu einem besseren Ort für die queere Community zu machen. Wir sind in Deutschland im Vergleich immer noch sehr privilegiert – zum Beispiel haben wir die gleichgeschlechtliche Ehe –, während es weltweit etwa 65 Länder gibt, in denen queer zu sein nicht nur kulturell problematisch ist, sondern auch vor dem Gesetz ein Verbrechen darstellt. Deshalb wollte ich einen Moment schaffen, in dem wir uns an diejenigen erinnern, die an diesen Orten leben, und ihnen zeigen, dass wir wissen, dass es sie gibt. Dass wir sie sehen und ihre Existenz wertschätzen. Also habe ich angefangen, Freund:innen zu fragen, ob sie mit mir an diesem Projekt arbeiten möchten. Mit Danilo Thimm habe ich gemeinsam den Text und die Melodie geschrieben. Schließlich haben wir noch etwa fünfzehn weitere queere, weibliche und trans Künstler:innen wie Sookee und Lin gefragt, ob sie auf dem Track singen wollen. Außerdem sind Sänger:innen der D-Dur-Dykes, Europas größtem FLINTA*-Chor, dabei. Und natürlich sind auch alle Beteiligten hinter den Kulissen FLINTA*. Ich bin sehr stolz darauf, so viele großartige Künstler:innen bei „Butterfly“ dabeizuhaben!
Was bedeutet es für dich, Musik zu machen und zugleich Aktivistin zu sein?
Als ich noch in Teheran gelebt habe, war mein Motto: Ich singe, um am Leben zu bleiben, denn das war das Einzige, was mir Hoffnung gegeben und mich dazu gebracht hat, weiterzumachen. Das gilt auch heute noch. Singen ist etwas, worin ich meine Wut ausdrücken kann, denn ich bin wirklich wütend. Mein Fokus lag in den letzten Jahren vor allem auf der Gewalt gegen Frauen. Deshalb möchte ich meine Energie darauf verwenden, uns zu stärken. Ich glaube, wir haben lange genug versucht, Männern beizubringen, bessere Menschen zu sein. In Deutschland habe ich die Organisation „The Right to Sing“ gegründet. Durch sie mache ich darauf aufmerksam, dass Frauen im Iran und in Afghanistan nicht singen dürfen.
Deine Wut ist sehr nachvollziehbar …
Manchmal sage ich, Musik ist meine Waffe. Ich bin so wütend, dass ich am liebsten Rache nehmen würde. Doch das bringt in der Realität nichts Gutes. Deshalb nehme ich mir die Rache in meiner Kunst, indem ich die Richtigen wütend mache, indem ich sie provoziere und über Dinge spreche, von denen ich weiß, dass ein Teil der Gesellschaft sie nicht hören will. Ich genieße es, sie zu verärgern. Die Menschen, die diese Welt für viele von uns zu einem schwierigen Ort machen – sie wütend zu machen, gibt mir Kraft.
Wie sind die Reaktionen auf deine Musik?
Von der iranischen Community in Deutschland werde ich so ziemlich boykottiert. Selbst von denen, die hier leben und gegen das iranische Regime sind. Sie können nicht ertragen, dass ich queere Rechte unterstütze. Sie haben außerdem ein Problem damit, dass ich als Frau laut spreche und Haut zeige. Starke Frauen lösen Wutgefühle aus. Deshalb wurde ich auch von vielen Fernsehsendern und iranischen Festivals boykottiert. Das war der Grund, warum ich angefangen habe, auf Englisch zu singen, weil ich dachte: Okay, ich kann nicht die ganze Zeit nur Hass abbekommen. Natürlich betrifft das nicht nur die iranische Community. Auch die deutsche Mainstream-Szene bevorzugt brave, vor allem weiße boys and girls, die sich politisch nicht äußern. Und selbst in der alternativen Musikszene ist es nicht einfach. Die deutsche Musikindustrie ist nach wie vor sehr weiß und es mangelt wirklich an Vielfalt.
Und was hast du als nächstes vor?
Ich gehe dieses Jahr auf Tour und werde im Sommer noch auf vielen Festivals spielen. Dann wird im September noch meine nächste EP, die „Saffron“ heißt, erscheinen. Sie handelt von Migration, davon, keinen Pass zu haben – so wie ich keinen habe. Es geht außerdem um die Struggles, eine (iranische) Frau zu sein und zugleich wird „Saffron“ sehr verspielt und tanzbar sein. Ich spreche über Probleme gern auf eine lustige, alberne, verspielte und auch kinky Art. Und auch bei diesem Projekt werden alle Beteiligten Frauen oder queere Personen sein.
Du wurdest 1990 in Teheran geboren, lebst seit 2018 in Deutschland und seit mittlerweile drei Jahren in Berlin. Wie ist dein Leben zurzeit?
Ich würde sagen, es geht nicht um den Ort, sondern um die Menschen, von denen man umgeben ist. Und ich kann sagen, dass ich in Berlin wirklich tolle Freund:innen und eine Wahlfamilie habe. Sie geben mir hier das Gefühl, zu Hause zu sein.
Hast du im Moment Kontakt zu deinen Freund:innen und deiner Familie im Iran?
Ja, ich hatte bisher immer Kontakt, aber das Problem ist gerade (im Mai 2026, Anm. d. Red.) der Shutdown, denn seit über 100 Tagen gibt es im Iran kein Internet. Einige junge Leute finden Wege, wenigstens für ein paar Minuten online zu gehen, aber das ist sehr teuer, weil sie VPNs kaufen müssen. Und das ist verrückt, denn VPNs werden sogar von Leuten aus der Regierung verkauft. Sie verbieten sie und verkaufen sie dann. Für Migrant:innen und für Menschen wie mich im Exil ist das die einzige Hoffnung, dass wir unsere Familien per Videoanruf sehen können.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Natürlich wünsche ich mir für alle Iraner:innen ein normales Leben. Denn alles andere kommt danach. Wir müssen zuerst an einen Punkt kommen, an dem wir grundlegende Rechte haben und nicht darum kämpfen müssen, was wir anziehen, was wir essen, was wir trinken und wer wir sein dürfen. Ich wünsche mir viel Bewusstsein und Bildung für meine Leute, denn vor allem die politische Bildung wurde uns verwehrt. Wir hatten schon immer Probleme, Zugang zum Internet zu bekommen, Englischunterricht wurde an Schulen zunehmend verboten. Ich möchte einfach, dass das iranische Volk mehr über Geschichte weiß und generell ein größeres Bewusstsein dafür entwickelt, was in der Welt passiert. Denn ich denke, wenn dieses Bewusstsein wächst, dann werden auch Männer sich verbessern. Und Frauen werden anfangen, stärkere Grenzen zu ziehen und sich selbst besser zu schützen. Und natürlich hoffe ich auch, dass der Westen aufhört, die iranische Regierung zu unterstützen. Also in dem Sinne, dass nicht mehr mit ihr verhandelt und das Regime nicht mehr gestärkt wird, denn es darf nicht länger normalisiert werden. Wir dürfen die Hoffnung auf ein normales Leben nicht aufgeben. Das ist auch etwas, das wir in „Butterfly“ sagen: „Hast du dir jemals gewünscht, wie ein Schmetterling zu träumen? Das bedeutet einfach ein normales Leben. Einfach ein normales Leben.“ Und für Deutschland träume ich von einem Land ohne Rassismus, ohne Rechtsruck, mit mehr Vielfalt, mehr Licht und Farbe, mehr Sicherheit, Glück und Freude sowie Chancen für queere Frauen und trans Personen.

Bleibt out und proud!
Nur mit euch, unseren Leser:innen und online-Nutzer:innen, bekommen wir das hin! Helft uns, damit wir diese Zeiten durchstehen, die in politischer wie finanzieller Hinsicht nicht einfach sind. Journalismus, der nicht nur in Social Media Bubbles stattfindet, unabhängig ist und dialogbereit bleibt, hat es zunehmend schwer.
Unterstützt unsere Arbeit!
Vielen Dank!
Euer L-MAG-Team




