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Mit der Wende verloren Ost-Frauen ein Stück Emanzipation

Vor 30 Jahren endete die Deutsche Demokratische Republik. L-MAG-Redakteurin Dana Müller stellt klar, warum in Sachen Feminismus seitdem nicht alles besser wurde. Im Gegenteil: Wir waren schon mal weiter!

Flickr/bendeg (CC BY-NC-SA 2.0)Feuerwerk zum 25. Jubiläum des Mauerfalls

03.10.2019 – „Das Halstuch kannst du gleich wieder abnehmen“, knallte mir mein Vater im Winter 1989 an den Kopf. „Die DDR gibt es nicht mehr.“ Noch heute, 30 Jahre später, sehe ich die Situation deutlich vor mir. Am 9. 
November 1989, einen Monat vor meinem siebten Geburtstag, wurde die innerdeutsche Grenze mit den gestammelten Worten von Günter Schabowski geöffnet: „Haben wir uns dazu entschlossen…äh… eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR 
möglich macht über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“ Ich wurde dennoch am 13. Dezember 1989 Jungpionierin.  

Bis dahin hatte ich zu Hause nicht nur die Ideale der Deutschen Demokratischen Republik eingetrichtert bekommen, sondern auch, wie Frauen selbstverständlich erwerbstätig sein können. Meine Mutter war als Lehrerin nach Feierabend genauso spät zu Hause wie mein Vater. Abends gab es „Schnitte“ und am Wochenende kochte mein Vater traditionell thüringische Kartoffelsuppe. In meiner Welt waren Frauen selbstbewusst, emanzipiert und stark. In Familiendiskussionen hatte meine Mutter das letzte Wort.

Der feministische Haken: Von gendergerechter Sprache keine Spur. Selbstbewusst verkündete sie: „Ich bin Lehrer“. Aber was soll’s. Sie war es. Und damit ist mehr erreicht, als all die Unis heute leisten, wenn sie in den Stellenausschreibungen gendersensibel „Professoren und Professorinnen“ suchen und dann de facto trotzdem nur knapp ein Viertel dieser Stellen weiblich besetzen. Dann lieber andersrum.

Frauen waren fester Bestandteil der Planwirtschaft und trugen zur „100-prozentigen“ Planerfüllung erheblich bei. Und sie waren am politischen Widerstand beteiligt. Zu 30 Jahren Mauerfall sprießen nun Ausstellungen, Filme, Bücher und Zeitungsartikel zur Geschichte der DDR aus dem Boden der mangelhaften deutschen Aufarbeitungskultur. Doch wo bleiben die Erinnerungen an die Errungenschaften von Frauen und Lesben im Osten?

© Brigitte Dummer Feministisch und politisch: Redakteurin Dana Müller beim Berliner Dyke* March 2019

Die DDR stellte mit dem Recht auf Abtreibung ein Vorbild dar – bis heute

Im Juni 1971 titelte der Stern die legendäre Zeile „Wir haben abgetrieben“. Während die Feministinnen im Westen Jahrzehnte erbittert um das Recht auf Abtreibung kämpften, 
beschloss die Volkskammer der DDR schon am 9. März 1972 ein Gesetz „über die Unterbrechung der Schwangerschaft“. In den 70er Jahren erklärten die alten Herren um Erich Honecker berufstätige Mütter zu den Hauptadressatinnen einer neuen Sozialpolitik. Im Osten war damit in Sachen Frauenrechte schon mehr erreicht als im heutigen erfolgsoptimierten neoliberalen Deutschland, auch wenn die Politik der Sozialistischen Einheitspartei (SED) in Sachen Grenzpolitik, Verfolgung politischer Gegner und Ideologie-bildung der Bevölkerung einiges verbockte.

Was den Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik betraf, konnten Ehemänner ihren Frauen bis 1976 per 
Gesetz den Job verbieten, denn diese hatten laut Bürgerlichem Gesetzbuch (BGB) den „Haushalt in eigener Verantwortung“ zu führen. Auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze betrug der weibliche Anteil der Beschäftigten dagegen schon 1970 sagenhafte 48,3 Prozent (laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und 
Jugend).

Der Mauerfall am 9. November 1989 bedeutete das Ende eines deutschen Staates, der die Freiheit vieler einschränkte. Aber für Frauen und Lesben bedeutete das auch einen gravierenden Rückschritt in Sachen Frauenrechte. In etlichen Bereichen wurden trotz runder Tische, Aufbruchstimmung und kämpferischen Aktivistinnen die Regeln der Bundesrepublik übernommen. Und so müssen wir 2019 noch immer über das Recht auf Abtreibung diskutieren.

Trotz erneuter Reform des Paragrafen 219a werden Ärztinnen weiterhin verurteilt, weil ihnen unterstellt wird, sie würden Abtreibungen „bewerben“, obwohl sie darüber aufklären. In diesem Herbst 
gehen in Berlin wieder selbsternannte „Lebensschützer“ auf die Straße und fordern ein Verbot von Abtreibung (Seite 16). 

Lesbische Kämpfe von damals wenig gewürdigt

Ich staune noch immer, dass ich in einem Staat geboren bin, den es nicht mehr gibt und dass ich mit einem Frauenbild aufgewachsen bin, für das ich heute kämpfen muss. Ich wundere mich, dass die starken Ost-Frauen von einst zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls oft kein Gehör finden. Ich ärgere mich, dass trotz der unerschrockenen Kämpfe von Lesben in der DDR auch im 
neuen Staat kein lesbisches Gedenken im brandenburgischen Ravensbrück möglich ist und in der neuen Demokratie die einstige Verfolgung von lesbischen Frauen weiter 
geleugnet wird. Es macht mich wütend, dass Lesben und Frauen aus der DDR nicht gewürdigt werden. Nicht umsonst haben sie ihr altes Pionierhalstuch in die Ecke geschmissen und sind selbstbewusst aufgestanden für eine 
bessere Welt.

Jede Menge spannende Texte zu lesbischen Leben und Widerstand in der DDR gibt es in der aktuellen Ausgabe (September/Oktober 2019).

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