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„Miss Germany“-Kandidatin: „Sexueller Missbrauch sollte kein Tabuthema mehr sein“

Katharina Wohlrab wurde Ende Februar „Vize Miss Germany 2021” und nutzte die Wahl für ihre Themen – sexuelle Gewalt und Feminismus. Im L-MAG-Interview spricht sie Klartext.

© Christoph Boecken Diese „Miss Germany“-Kandidatin gibt weder Schönheitstipps noch Diät-Ratschläge. Stattdessen geht sie mit einem Thema an die Öffentlichkeit, das viel zu lange verschwiegen wurde: sexualisierte Gewalt.

Von Kittyhawk

29.3.2021 – Feministin, Lesbe, Survivor – Katharina Wohlrab hat keine Angst davor, sich zu zeigen. Ende Februar stand die 25-Jährige im Finale um den Titel „Miss Germany“. Für diese Themen macht sie sich stark: Sie fordert gleiche Chancen und gleiche Bezahlung für Frauen; als Studentin der Soziologie und Medieninformatik bringt sie schon Grundschülerinnen bei, wie man Webseiten baut. Als Veganerin setzt sie sich für einen nachhaltigen Lebensstil ein. Und als Survivor eines sexuellen Übergriffs steht sie heute Menschen zur Seite, die mit einem ähnlichen Trauma zu kämpfen haben. L-MAG sprach mit der amtierenden „Miss Berlin“ über Hasskommentare und Empowerment, ihr Podcast-Projekt rund um Heilung und Selbstakzeptanz, übers Heiraten im Prinzessinnen­kleid – und über die Frage, wie wir unsere Gesellschaft zum Guten ändern können.

L-MAG: Katharina, du bist „Miss Berlin 2021“ – herzlichen Glückwunsch! Und du warst im Finale zur „Miss Germany“-Wahl. Wie kam es dazu?

Katharina Wohlrab: Das war eine Impulsentscheidung. Ich hatte gesehen, dass es bei „Miss Germany“ inzwischen um Em­powerment und Persönlichkeit geht, nicht bloß ums Aussehen wie in den Jahren davor. Da dachte ich, eigentlich ist das was Cooles – ich probiere es einfach mal, auch wenn es wahrscheinlich nichts wird. Dann habe ich relativ nebenbei, abends beim Zähneputzen, die Bewerbung ausgefüllt. Als die Einladung zur nächsten Runde kam, dachte ich erst, das ist ein Marketing-Gag. Aber dann ging es weiter, plötzlich war ich „Miss Berlin“, und jetzt ist mein Ehrgeiz entfacht!

Hattest du nicht Sorge, diese Art von Aufmerksamkeit und der Medienrummel rund um die „Miss Germany“ könnten ziemlich gruselig werden?

Ehrlich gesagt, habe ich den ganzen Grusel schon hinter mir. Ich bin letztes Jahr in einer Doku über sexuellen Missbrauch mit meinem Trauma an die Öffentlichkeit gegangen. Der Film lief auf YouTube, und ich habe so viel Hass und negative Kommentare dafür bekommen, dass mich nichts mehr schocken kann. Mit diesen Reaktionen hatte ich nicht gerechnet. Aber ich würde sagen, jetzt bin ich deutlich stärker als vorher. Daher sehe ich den Medienrummel mehr als Chance. Für mich ist es super wichtig, eine Bühne für meine Themen zu haben, mit denen ich ja nicht nur für mich allein stehe, sondern für sehr viele Frauen.

Wie kam es zu deiner Entscheidung, offen zu sagen: Ich bin Survivor von sexueller Gewalt?

Ich habe sieben Jahre über mein Trauma geschwiegen. Dann habe ich vor einem Jahr bei Instagram von einer Survivorin gelesen, die andere gesucht hat, die ihre eigene
Geschichte erzählen. Irgendwie dachte ich: „Komm, es ist 2020! Why not?“ Nach dem Instagram-Kurzbericht mit meinem Foto haben mir sehr viele geschrieben, denen Ähnliches passiert ist, die sich allein damit fühlen. Es haben so viele Frauen sexuelle Gewalt erlebt, und so wenige sprechen darüber – das ist total surreal. Das kann nicht sein. Da habe ich beschlossen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

Du verwendest bewusst den englischen Begriff Survivor, also „Überlebende“. Warum?

Weil ich den Begriff „Opfer“ ganz furchtbar finde. Wir sind Menschen, die etwas erlebt haben, das uns traumatisiert hat, das uns verändert hat. Dass wir es geschafft haben, das zu überleben, dass wir heute noch aufrecht stehen und sogar den Alltag meistern, das macht uns meiner Meinung nach nicht zu Opfern, sondern zu Survivors. Der Begriff ist deutlich positiver.

Du hast verschiedene Interviews gegeben und dann mit „Träuma weiter“ einen Podcast über Traumabewältigung und Selbstliebe gestartet.

Ja, da spreche ich mit anderen Survivors, aber auch mit Menschen, die helfen können: Therapeutinnen, Coaches, Yogalehrende – mit allen, die irgendwas Positives für diese Welt tun. Und weil so viel gutes Feedback zurückkam, hat mir das den Antrieb gegeben weiterzumachen. Das kleine Podcastprojekt, das am Anfang eigentlich der Selbsttherapie dienen sollte, ist immer größer geworden. Einmal im Monat nehme ich auch mit einer Freundin eine Folge „Träuma ehrlich“ auf, da darf man uns persönliche Fragen stellen. Zum Beispiel wie wir mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung in unserer Beziehung umgehen. Mit dem Podcast würde ich gern anderen Survivors eine Hand reichen, ihnen sagen: Was auch immer du fühlst – das ist alles in Ordnung. Und es gibt einen Weg heraus. Ich versuche, die Person zu sein, die ich vor acht Jahren selbst gebraucht hätte.

Menschen die Fähigkeit zu vermitteln, ein Trauma in Stärke zu verwandeln, ist enorm wichtig. Aber das Ausmaß von sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft bleibt hoch. Was muss sich insgesamt ändern?

Ich denke, wir sollten alle bei der Sprache anfangen. Nicht mehr sagen: „Sie wurde vergewaltigt.“ Sondern: „Er hat sie vergewaltigt.“ Wir sollten darüber sprechen, dass es Täter gibt. Wir sollten auch darüber sprechen, dass es für uns Frauen normal ist, die Straßenseite zu wechseln oder nachts auf dem Nachhauseweg einen Schlüssel zwischen die Finger zu klemmen, aus Angst, sich verteidigen zu müssen. Ich finde es total schockierend, dass solche Dinge in uns übergegangen sind. Wenn uns eine Situation komisch vorkommt, sollten wir den Mund aufmachen. Und sexueller Missbrauch sollte kein Tabuthema mehr sein. Wie kann etwas ein Tabu sein, das so viele Frauen erlebt haben?

Meinst du, wir sind gesellschaftlich schon auf einem guten Weg, damit sich etwas ändert? Auch, was den Feminismus generell betrifft, die Gleichberechtigung der Geschlechter?

Ich glaube, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Oftmals höre ich, wir hätten ja noch nicht so viel erreicht. Aber dann muss man sich einfach mal wieder klar machen, wie viele Jahrhunderte es für völlig normal gehalten wurde, dass Frauen weniger Rechte haben. Wie lange es nicht strafbar war, dass Frauen in der Ehe vergewaltigt wurden. Diese Veränderungen sind ein Prozess. Wenn wir alle mitmachen, wird es schneller gehen, dann können wir noch mehr erreichen.

Wie war das mit deinem lesbischen Coming-out? Da warst du auch sehr offen, oder?

Ich habe es ziemlich platt gemacht. Vorher habe ich ganz lange Männer gedatet, aber ich komme vom Dorf und hatte daher nie die Vorstellung, dass es auch anders geht. Dann habe ich mit meinen Eltern telefoniert und gesagt: Ich habe mich verliebt.
Beide haben sich total gefreut. Ich sagte dann: „Sie heißt Sarah“. Da war plötzlich Stille. Meine Mama hat schnell das Wort wiedergefunden und gemeint: Toll, schick mal Fotos von ihr! Mein Papa hat ein paar Monate gebraucht, mich das aber nicht spüren lassen. Jetzt bin ich seit knapp über einem Jahr mit Anna verheiratet. Und meine Eltern behandeln sie wie eine zweite Tochter. Ich habe mit meiner Familie sehr großes Glück.

Ist heiraten nicht ein bisschen spießig?

(Lacht) Das hat viel mit meinem Kindheitstraum zu tun. Ich wollte immer eine richtige Prinzessinnenhochzeit mit einem riesigen Kleid. Als Anna und ich uns kennengelernt haben, habe ich ihr das auch gleich erzählt. Aufgrund von Corona hatten wir noch keine Prinzessinnenhochzeit, wir waren bisher nur auf dem Standesamt. Ich wollte diese Heirat aber nicht nur für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, sondern auch wegen der rechtlichen Lage in Deutschland. Sollte Anna aus irgendeinem Grund einmal ins Krankenhaus müssen, habe ich das Recht mitzukommen. Wir wollen Kinder haben und ich möchte, dass klar ist, dass auch Anna eine Mama dieser Kinder sein wird. Da hilft eine Hochzeit einfach.

Was ist dein liebstes Selbstlieberitual?

Ich bin absolute Teetrinkerin, und wenn ich einen Moment für mich brauche, dann setze ich mir Tee auf und trinke den in Ruhe. Ohne Telefon in der Hand, nicht schon am Laptop bei der Arbeit, sondern ich trinke einfach nur aktiv diesen Tee. Das hilft mir, mich auf mich selbst zu konzentrieren.

Das Interview erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG März/April 2021.

 

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