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Als Danny den CSD erfand

Ab heute im Kino: In „Stonewall“ erzählt Roland Emmerich seine Version der legendären Krawalle 1969 in der New Yorker Christopher Street, die als Beginn der LGBT-Bewegung gelten: Zwar engagiert, aber allzu glatt - und so gut wie ohne Lesben.

Danny (Jeremy Irvine, im weißen T-Shirt), Ray (Jonny Beauchamp, links daneben) und ihre Freunde - Foto: Warner Bros.

Von Karin Schupp

l-mag.de, 19.11.2015 - Schwuler Kleinstadt-Junge fliegt zu Hause raus, strandet in New York und wird von einer obdachlosen Stricher-Clique aufgenommen. Wir schreiben das Jahr 1969, Homosexualität ist verboten, und Lesben, Schwule und Transgender sind permanenter Diskriminierung und Polizeigewalt ausgesetzt, wie Danny (Jeremy Irvine) bald am eigenen Leibe erfährt.

Nachdem sich die Polizei für eine Razzia wieder mal seine Stammkneipe, das „Stonewall Inn“ in der Christopher Street, ausgesucht hat, rührt sich zum ersten Mal Protest. Und als Danny einen Ziegelstein wirft, gibt es kein Halten mehr: Die berühmten Stonewall-Riots, die seitdem als "Gay Pride" oder "Christopher Street Day" (CSD) begangen werden, nehmen ihren Anfang - hier zumindest in der Version von Roland Emmerich, die, auch durch die im Studio nachgebaute Straße, seltsam artifiziell daherkommt und an Musical-Verfilmungen wie Linie 1 erinnert (wo ja ebenfalls ein Provinzkind mit großen Augen die Großstadt entdeckt), nur eben ohne Songs.

In den USA wurde der auf Katastrophen-Blockbuster spezialisierte schwule Schwabe (Independence Day) empört dafür kritisiert, dass er einen weißen All-American-Boy in den Mittelpunkt stellte und auch noch den legendären ersten Stein werfen ließ.

Für Lesben war im Drehbuch nicht viel Platz

Auch wenn sich um das tatsächliche Geschehen mehr Legenden als Wahrheiten ranken: Ein cleaner Weißer war’s wohl nicht - das "Stonewall Inn" wurde vor allem von Latinos, Schwarzen, Tunten, Transgender und Lesben besucht. Und während erstere im Film durchaus ihren Platz haben und zum Teil historischen Figuren nachempfunden sind, sucht man Lesben fast vergebens: Die einzige, gespielt von der lesbischen Schauspielerin Joanne Vannicola, hat gerade mal zwei Dialogzeilen, und nicht mal die schwarze Butch Stormé DeLarverie (1920-2014), die bei den Krawallen eine zentrale Rolle spielte, taucht auf. In Zeiten, in denen es selbst im Actionfilm angekommen ist, dass weibliche Helden - auch für die Kinokasse - ein Gewinn sind, ist das besonders enttäuschend.

Eher "Das große TV-Event" als großes Kino

Es ist Emmerich hoch anzurechnen, dass er Stonewall mit seinem eigenen Geld finanzierte, und dass er auch das Hetero-Publikum ins Boot holen wollte, steht hoffentlich für sein Sendungsbewusstsein und nicht für klassisches Box Office-Denken. Aber aus einem der wichtigsten Ereignisse der LGBT-Geschichte, das zeigt, dass sich eben nichts ändert, wenn man sich anpasst und stillhält, wird bei ihm dann doch eher die brave Coming-of-Age-Story eines jungen Schwulen, der privilegiert genug ist, um seinen Weg zu machen, und für den am Ende alles gut wird.

Dass auch ohne den Mainstreamisierungs-Druck eines Studios ein so konventioneller und glatter Film rauskam - nur die obligatorische Lovestory hat sich der schwule Drehbuchautor Jon Robin Baitz verkniffen -, lässt nur den Schluss zu, dass Emmerich es eben nicht anders kann. Stonewall ist eher „Das große TV-Event“ als großes Kino - wie schade: ein so spannender Stoff hätte so viel mehr verdient gehabt.

In der aktuellen L-MAG sprachen wir mit Roland Emmerich und einigen Schauspielern.

Stonewall (USA, 2015), Regie: Roland Emmerich, mit Jeremy Irvine, Jonny Beauchamp, Ron Perlman, Jonathan Rhys Meyers u.a., 129 min.

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