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Rébecca Chaillon: Kunst außerhalb der Komfortzone

Die Performances-Künstlerin ist radikal und subversiv. Die 34-jährige Französin erforscht auf der Bühne ihre vielfältigen Identitäten: weiblich, lesbisch, queer, Schwarz, dick, Fleisch essend … Und bringt dabei die Zuschauerinnen gern an Grenzen

Hemmungslose Fleischesserin: Rébecca Chaillon schockiert auf der Bühne mit radikalen Bildern

Von Annabelle Georgen


7.11.2020 – Auf der von weißer Plastikplane bedeckten Bühne des Berliner Kunstvereins Flutgraben verkörpern Rébecca Chaillon und ihre Komplizin Aurore Déon zwei Putzfrauen. Sie 
reinigen und polieren den Boden mit Eau de Javel, einem in französischen Haushalten gebräuchlichen Bleichmittel. Ein beißender 
Geruch macht sich im Raum breit. Rébecca beginnt peu à peu ihre Kleider auszuziehen und sie als Wischlappen zu benutzen. Ihr ganzer Körper ist mit weißer Farbe bemalt und wird nun mit dem ätzenden Putzmittel eingerieben.

In ihrer Performance „Whitewashing“, die sie in Berlin im Rahmen der literarisch-performativen Veranstaltungs-reihe „Afropéennes – Afropäerinnen“ im März kurz vor dem Lockdown präsentierte, bringt die Französin mehrere schmerzliche und empörende Wahrheiten ans Licht. So etwa die Tatsache, dass viele Schwarze Frauen in überwiegend 
weißen Gesellschaften häufig als minderwertig bewertete Berufe wie Putzkraft oder Pflegerin ausüben. Oder die Tatsache, dass manche Schwarze Frauen versuchen, sich „weißer“ zu machen, in der aussichtslosen Hoffnung, dem Rassismus doch noch zu entkommen. Rébecca thematisiert auch die 
mangelnde Sichtbarkeit von Schwarzen Frauen in Medien und der öffentlichen Wahrnehmung.

 

Rébecca: „Ich muss ein gewisses Risiko ein­gehen“


Das Bleichmittel, das sie auf der Bühne verwendet, ist echt. „Damit wir gemeinsam verstehen können, wie ernst die Lage ist, muss ich ein gewisses Risiko eingehen“, sagt die Künstlerin. Kein Wunder, denn, wie L-MAG etwas später im Gespräch erfährt, ist die Königin der extremen Performance, die serbische Künstlerin Marina Abramović, ihr Vorbild. Doch Rébecca Chaillon räumt ein, dass sie auch schon an ihre eigenen Grenzen
gestoßen ist: „Im Laufe der Aufführungen hat sich die Farbe meiner Haut geändert, ich habe gelbe Flecken bekommen“, erzählt sie. „Ich glaube nicht, dass es sich lohnt, mich wegen einer Performance selbst zu zer-stören — vor allem vor einem überwiegend weißen Publikum.“ Das Stück „Whitewashing“ war eine Art Probelauf für ihre nächste Produktion: „Carte noire nommée désir“. Der Titel des Theaterstücks kommt aus einem alten Fernsehwerbespot der 90er-Jahre für eine berühmte französische Kaffeemarke, in dem 
rassistische Stereotype benutzt wurden, um postkoloniales Kaffeepulver zu verkaufen. Die Premiere soll im Frühling 2021 statt-finden.

Seit ein paar Jahren setzt sich Rébecca viel mit Rassismus auf der Bühne und in ihrem Leben auseinander. Ein Thema, das die in Paris Geborene und in der Picardie (Nord-Ost-Frankreich) aufgewachsene Beamten-tochter einer Familie aus Martinique lang nicht ernst genommen hat. „Ich habe sogar lange geglaubt, dass mein Schwarzsein vorteilhaft war, dass es mir zum Beispiel in der Theaterwelt mehr Sichtbarkeit verleihen könnte“, erinnert sie sich.

Ihr Treffen mit der Filmregisseurin Amandine
Gay vor ein paar Jahren war schließlich das Aha-Erlebnis: „Eine Ohrfeige“, wie sie selbst sagt. In ihrer Dokumentation „Ouvrir la voix“ (Wortspiel aus „eine Stimme geben“ und „den Weg bereiten“) hat die lesbische französische Filmemacherin Amandine Gay Schwarzen Frauen eine Stimme gegeben, die alltäglich mit Rassismus und Sexismus in Frankreich konfrontiert sind. Rébecca Chaillon war eine ihrer zahlreichen Ansprechpartnerinnen. „Sie sprach mit mir über systemischen Rassismus, Exotismus, Kolorismus ... Es waren Wörter, die ich zuvor nie gehört hatte. Ich musste sie ständig um Erklärungen bitten. Dabei fragte ich mich auch, was sie erlebt hatte, um so wütend zu sein. Was für ein Klischee!“, lacht Rébecca.

Rohes Fleisch auf der Bühne essen


Nachdem sie Theater studiert hatte, 
begann Rébecca sich für Performance zu 
interessieren. Ursprünglich wollte sie mal Lehrerin werden, „ein anständiger Beruf“, oder Synchronsprecherin, weil sie sich nicht vorstellen konnte, auf der Leinwand oder auf der Bühne sichtbar zu sein. Parallel zu ihrem Studium arbeitete sie jedoch in einer 
Theaterkompanie und fand so den Einstieg in 
ihren Beruf. „Meine Legitimität in der Performance-Szene habe ich durch viel Arbeit und Erschöpfung verdient“, weiß sie heute.

Ihre ersten Performances waren im wörtlichen und übertragenen Sinne sehr roh: sie drehten sich um Essen – vor allem um Fleisch. Denn Rébecca ist eine Fleisch-esserin, ganz ohne Hemmungen. „Ich habe als Ausgangspunkt meine ziemlich bulimische Beziehung zum Essen genommen, meine 
Besessenheit von Fleisch und Fisch. Es sind Lebensmittel, die Energie und Macht symbolisieren.“ In einer ihrer früheren Performances aß sie zum Beispiel mit bloßen Händen einen rohen Fisch. „Für das Publikum ist es destabilisierend, einer dicken Person beim Essen auf der Bühne zuzuschauen. So was wollen die Leute nicht sehen.“

Gerne spielt sie mit politischer Korrektheit. In ihrer Performance „Monstres d‘amour“, die sich dem Thema der fressenden Liebe widmet, verkörpert sie eine kannibalische 
Figur, die Scheiben aus rohem Fleisch auf dem nackten Körper ihrer dünnen weißen Partnerin verteilt und dann in vollen Zügen genießt. Diese Aktion ist auch in der 
Dokumentation „My Body My Rules“ der lesbischen französischen Fotografin und 
Pornofilmemacherin Émilie Jouvet zu sehen. Rébecca löste damit den Zorn so mancher 
Afrofeministinnen aus, die ihr „Selbst-exotisierung“ vorwarfen.

Doch wenn es um künstlerische Freiheit geht, ist Rébecca zu keinem Kompromiss bereit: „Die radikale politische Korrektheit kann nicht mein einziger kreativer 
Kompass sein. Ich kann nicht alles alleine 
lösen, und ich kann auch nicht alle Fragen be-antworten.“


Dieses Interview erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG September/Oktober 2020.

 

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