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Sehnsucht nach Landluft

Die Vorzüge des Stadtlebens wie Kultur und Community versiegen im Lockdown. Viele sehnen ein Leben im Grünen herbei, fernab von Hamsterkäufen und Abstandsregeln. Doch wie lebt es sich wirklich als Lesbe auf dem Land?

Milchschafhof Pimpinelle

Von Florian Bade

8.5.2021 – Immer wenn es in der Stadt brenzlig wurde, idealisierten Stadtmenschen das Leben auf dem Land: Marie-Antoinette ließ sich in Versailles ein traumhaftes Bauerndorf errichten, um der strengen Hofetikette zu entfliehen.
Die Epoche der Romantik verfolgte den Traum vom „Schäferidyll“ als Gegenbewegung zur entmenschlichenden Industrialisierung. Auch heute lockt das Land, seit 2020 wird auf den sozialen Medien unter dem Hashtag „Cottagecore“ mit Bildern von Streuobstwiesen, Blümchenkleidern und Lagerfeuern das Landleben gepriesen, um der bedrohlichen und unsicheren Zukunft der Coronapandemie zu entfliehen. Ein Leben auf dem Land verspricht scheinbar Entschleunigung, Ordnung und Geborgenheit.

Franziska und Amelie Wetzlar, 44 und 43, hatten schon lange vor Corona das Leben in Berlin satt. Ihr Soziologiestudium hatte Franziska in die Hauptstadt verdonnert, aber richtig glücklich war sie dort nie. „Wir wollten eigentlich schon immer auf dem Land leben“, erklärt sie im Interview. „Berlin ist eine tolle Stadt, aber sie war mir zu groß, zu voll, zu anstrengend.“ Für ihre Frau Amelie war es noch schlimmer. „Sie kam in Berlin an und wollte gleich wieder weg,“ sagt Franziska und lacht. Und nach diversen Jobs auf Bauernhöfen und einem Besuch auf einem Milchschafhof war ihnen klar, dass sie sich einfach ihr eigenes Schäferidyll schaffen wollen. Über Kontakte erstand das Paar 2010 ihren eigenen Hof. „Pimpinelle“ – mittlerweile mit Schafen und einer eigenen Käserei zum Leben erweckt – liegt ruhig in Quappendorf, einem 79-Seelen-Örtchen nahe der polnischen Grenze, in dem sogar vier Lesben und Schwule wohnen.

Auch für Angelika Fuss, 59, war der Weg aufs Land ein Zickzackkurs. Aus einer eher ländlich geprägten Region in Nordrhein-Westfalen stammend, lebte sie seit 1987 in Westberlin. „Vor dem Mauerfall herrschte hier noch ein friedliches Miteinander. Nach der Wende ist die Atmosphäre in der Stadt viel aggressiver geworden, und der Wohnungsmarkt wurde immer katastrophaler.“ 14 Mal ist sie in Berlin umgezogen, immer weiter raus aus der Stadt, weg von rechtsradikalen Nachbarn und lärmenden Kneipen, mit ihrer Freundin in eine Remise in Zehlendorf. Ihre zahlreichen Jobs, das Studium und Ausbildungen erfüllten sie nie ganz. „Irgendwann empfand ich meine Arbeit nur noch als sinnentleert und fremdbestimmt.“ Zusammen mit ihrer damaligen Freundin träumte sie von
einem Café auf dem Land. „Nach mehr als zwei Jahren Suche fanden wir 2012 in der Uckermark eine halbe Ruine und stürzten uns Hals über Kopf ins Abenteuer“, erzählt Angelika.

Beide Paare hatten noch rechtzeitig den Absprung geschafft. Laut einer Studie des Instituts für Bevölkerungsforschung wandern seit 2014 mehr Menschen aus Städten ins Umland ab als umgekehrt. Seitdem zeichnet sich eine Kehrtwende der jahrelangen Landflucht ab, das Ausbluten strukturschwacher Regionen hat ein Ende. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten, könnte man meinen.

Beim Richtfest tuscheln die Maurer

Franziska und ihre Frau kämpften anfangs mit ihrem Stand als Schafwirtinnen. „Es war nicht einfach, weil die Landwirtschaft sehr männerdominiert ist, aber wir haben uns, glaube ich, recht gut geschlagen. Vielleicht war es auch einfacher, weil wir zwei Frauen waren.“ Am Telefon wurden sie häufig gefragt, ob der Herr Wetzlar da wäre, aber den gab es nun mal nicht. „Dann war ihnen klar, dass sie mit uns sprechen mussten. Man muss sich hier halt beweisen, dass man es ernst meint, dass man wirklich hier wohnen und sich einbringen möchte“, bekräftigt Franziska.
Angelika ging es anfänglich ähnlich: „Bei unserem Richtfest überhörten wir, wie einige Maurer tuschelten: ‚Die aus’m Westen lassen wir jetzt erst mal ordentlich blechen.‘“ Aber das sei eine Ausnahme gewesen. Schwarze Schafe gibt es eben auch auf dem Land.

Ansonsten hat Angelika überwiegend gute Erfahrungen gemacht und Unterstützung und Anerkennung für die Sanierung ihres Hauses erhalten. Aber wie bricht man das Eis zwischen alteingesessener Heteronormativität und zugezogener Queerness?
„Es gibt eine große Skepsis bei den Leuten, die hier schon immer wohnen, gegenüber denen, die hier nur am Wochenende vorbeikommen“, erklärt Franziska. „Und ich kann sie auch verstehen.“ Hier liegt das Konfliktpotenzial zwischen Stadtmenschen, die einfach ihr Hafermilch-Latte-Leben im günstigen Grün weiterführen wollen und Einheimischen, die sich das Engagement der Zugezogenen in der freiwilligen Feuerwehr erhoffen.

Als die neue Nachbarschaft in Quappendorf merkt, dass das lesbische Ehepaar mit ihrem Gut und dem Hofladen neue Infrastruktur schuf, zum Weihnachtsfest erschien und sich am Dorffest beteiligte, war die Nuss geknackt. „Das ist das, was eine Dorfgemeinschaft hier eigentlich braucht und was sie auch gerne sehen“, meint Franziska. Angelikas Maurer brachten ihr schließlich sogar bei, wie sie
ihren Hof selbst verputzen und dämmen kann.

Privat

Nachbarschaftliche FürsorgeUnd neugierig waren die Alten auf die Neuen allemal. Sowohl Schafbäuerin Franziska als auch Angelika erinnern sich an die unbeholfenen Formulierungen, mit denen ihre neuen Nachbarinnen und Nachbarn um sie herumtänzelten. „Ihre Kollegin? Ihre Schwester? Ihre Tochter?“, hieß es da, wenn es um die Partnerin ging. „Wir waren da sehr offensiv und haben einfach gleich von ‚meiner Frau‘ gesprochen. Und da waren viele dankbar für eine Bezeichnung, die sie übernehmen konnten. In Berlin haben wir da schlechtere Erfahrungen gemacht. Da gab es schon Gegenden, in denen wir lieber nicht Händchen haltend rumgelaufen sind“, ergänzt Franziska.

Wie stark die nachbarschaftliche Fürsorge sein kann, sollte Angelika bald erfahren. Nach einem Jahr Landidyll stand 2013 die Trennung von ihrer damaligen Partnerin an, die sie wortwörtlich mit einem Schutthaufen auf einer riesigen Baustelle zurückließ. „Da hatte ich ein echtes Problem. Es kippte alles durcheinander. Aber ich wollte unbedingt das Haus behalten.“ Als ihre Nachbarin davon erfuhr, drückten sie aufrichtig ihr Mitleid aus: „Das tut mir so doll leid, ihr wart so ein schönes Paar! Aber ich finde es trotzdem toll, dass du bleibst!“ Und Angelikas langer Atem sollte sich auszahlen: Über einen Tipp aus dem Freundeskreis kam sie an das Restaurant „Else Förster“ in Fürstenwerder. Ihr Traum vom eigenen Laden hatte sich erfüllt, auf der Karte gibt es nur ihre Lieblingsessen. Und wie stark der Rückhalt in der Dorf-Community inzwischen war, zeigte sich besonders am Vortag der Restauranteröffnung. Bekannte und Freunde kamen mit ihren Putzeimern vorbei, schrubbten und wienerten „die Else“. „Das war wirklich rührend.“

Inzwischen zieren Regenbohnenfahne und Anti-AfD-Sticker die Tür der Else Förster. „Mit meinem Restaurant stehe ich mehr im Fokus und positioniere mich deshalb klar für die Dinge, die mir wichtig sind – dazu gehört auch die Sichtbarkeit als Lesbe. Das ist Arbeit an der Basis. In der Stadt kann man da eher abtauchen. Aber das Gros der Leute ist hier wirklich sehr offen.“ Auch im Oderbruch bei Franziska und Amelie gibt es Initiativen gegen Rechts. „Es wird diskutiert, man kennt sich ja inzwischen“, erklärt Franziska. Aber generell gäbe es immer mehr kleine Initiativen und Hofläden. „Man merkt schon einen Aufbruch. Die Menschen wollen hier auch was schaffen.“

Und so leben die drei lesbischen Frauen in ihrem selbstkreierten Idyll und treffen sich, auf Abstand, am Lagerfeuer mit der Nachbarschaft. Erst mal nebensächlich erscheinen da die besonderen Herausforderungen Brandenburgs: stillgelegte Busverbindungen, eingeschlafene Homo-Stammtische und die in den letzten zehn Jahren verdoppelten Immobilienpreise. Ab und an wird auch ein Wolfs­rudel gesichtet. Aber dank Glasfaser gibt es ja auch bald schnelleres Internet. #Cottagecore.

Der Beitrag erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG Mai/Juni 2021.

 

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