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Selbstbewusst lesbisch um 1900: Treffpunkt Kegelclub

Gab es Anfang des letzten Jahrhunderts bereits eine organisierte Subkultur von und für Lesben? Definitiv ja! Historikerinnen gruben einen lesbischen Kegelclub und einen Lesbenstammtisch in Berlin aus, der sich gegen beleidigende Zeitungsberichte wehrte.

Von Ingeborg Boxhammer und Christiane Leidinger

3.10.2021 - Zwar gingen einzelne Forschungsbeiträge längst davon aus, dass es in Berlin auch schon vor der Revolution von 1918, also vor der Weimarer Republik, eine Lesbenszene gab. Allerdings wurden die Hinweise auf einzelne Lokale und Selbstorganisierungen bisher kaum untersucht.

Als eine der ersten bekannten lesbischen Vereinigungen gilt der Damenkegelklub "Goldene Kugel": Eine später erschienene Anzeige in der Lesbenzeitschrift Die Freundin verrät, dass die Mitglieder 1930 das 25. Stiftungsfest des Vereins feierten. Daher lässt sich leicht zurückrechnen, dass die "Goldene Kugel" 1905 in Berlin gegründet wurde. Ob diese lesbischen Frauen noch andere Interessen verfolgten, als gemeinsam zu kegeln, lässt sich leider nicht mehr herausfinden.

Rote Rose als Erkennungszeichen

Auch nicht, inwieweit sie mit anderen Lesben in Kontakt standen. Aber nur wenige Jahre später - wir wissen nicht genau, wann - trafen sich in einem bekannten italienischen Weinrestaurant an der Potsdamer Straße im heutigen Schöneberg Lesben, um sich zusammenzuschließen. Ihre Organisation nannten sie "Neue Damengemeinschaft".

Das war spätestens im Sommer 1908. Dafür wurde in einer Berliner Zeitung eine Annonce aufgegeben. Als Codewörter zur Einladung an die Richtigen dienten "Aphrodite" und "Lesbos". Vor Ort war eine rote Rose das Erkennungszeichen.

Durch die Anzeige - und sicher auch durch persönliche Kontakte - kam eine beachtliche Zahl von Frauen in der "Neuen Damengemeinschaft" zusammen. Die Lesben wollten sich der Pflege der Musik und der Bildung widmen sowie Vorträge veranstalten. An die 20 Mitglieder trafen sich immer mittwochs in einem Lokal am Nollendorfplatz. Manche verliebten sich, andere hatten Affären. Die eine oder andere Hetero-Ehe soll darüber in die Brüche gegangen sein.

Achtung, "Mannweiber"!

Vielleicht war dies ein Anlass dafür, dass sich die Berliner Sensationspresse für den Klub zu interessieren begann. Im Januar 1909 veröffentlichte Felix Wolff, Redakteur des Berliner Wochenblatts Große Glocke, auf der Titelseite einen vernichtenden Artikel über den "Homosexuellen-Klub 'Neue Damenge- meinschaft'". Darin beschrieb der Journalist abfällig die Mitglieder des Zusammenschlusses. Er meinte zu wissen, dass diese im Klub ihren "homosexuellen Neigungen untereinander" frönten. Viele von ihnen bezeichnete er in der Absicht, sie gesellschaftlich und moralisch herabzusetzen, als "Mannweiber" - Hosen gehören eben nur an Männerbeine und lange Haare auf Frauenköpfe ...

Darüber hinaus empörte sich Wolff, dass die Treffen die weibliche Jugend gefährdeten: Mütter brächten ihre noch minderjährigen Töchter zu den Zusammenkünften mit. Eine Gefahr witterte er auch darin, dass viele Frauen von dem "harmlosen Namen angelockt" und "an Leib und Seele vergiftet" würden. Es war Felix Wolff einfach "unbegreiflich, wie im vornehmsten Teile Berlins ein Verein bestehen kann, der ausgesprochen widernatürliche Tendenzen verfolgt und trotz (...) Tribadenorgien immer mehr Mitglieder werben" konnte.

Zur Erinnerung: "Tribein" kommt aus dem Griechischen und heißt "reiben". Lesben wurden wegen ihrer sexuellen Reibungsfreuden Tribadinnen genannt. Da sind lesbische Orgien in der Männerfantasie nicht mehr weit.

Dem musste unbedingt Einhalt geboten werden: Der Redakteur griff die Lesben und ihre Gemeinschaft massiv öffentlich an und dürfte sich der vernichtenden Wirkung seiner Worte sehr sicher gewesen sein.

Unerschrockene Verleumdungsklage

Es geschah aber etwas, womit er wohl nicht gerechnet hatte: Einige Mitglieder der "Neuen Damengemeinschaft", die sich über seine beleidigenden Ausführungen in den zahlreichen Artikeln ärgerten, duckten sich nicht einfach weg, sondern setzten sich mit juristischen Mitteln unerschrocken und selbstbewusst zur Wehr. Sie strengten gemeinsam eine Beleidigungsklage gegen den Redakteur an.

Mit anderen Mitgliedern beobachteten sie vor Ort den Prozess vor dem Berliner Amtsgericht. Die Frauen verstanden sich offenkundig wortwörtlich als Gemeinschaft und wollten auch vor Gericht als solche agieren. Leider entwickelte sich die Verhandlung nicht, wie von den Klägerinnen erhofft: Nach Überzeugung des Gerichts traf die Berichterstattung in Gänze zu und wurde in keiner Weise als beleidigend bewertet.

Der Richter sprach Felix Wolff frei. Er kam sogar zu dem Schluss, dass die "so skrupellos unter dem Deckmantel idealer Bestrebungen segelnde Vereinigung zur Betätigung von Perversionen eine öffentliche Gefahr für anständige und normale Frauen" sei.

Vielleicht traf das Bild des "Deckmantels" zu: Womöglich hatte sich der Lesbenklub mit kulturellen Bestrebungen getarnt, um eben nicht diskreditiert zu werden. Mal ganz abgesehen davon, dass sich Geselligkeit, Flirts, Küsse und Kultur ja nicht ausschließen.Gleichzeitig fühlten sich die Lesben um 1900 keineswegs beschämt oder schuldig.

Selbst ist die Lesbe

Überaus mutig und ungewöhnlich für die Zeit setzten sie sich in selbstermächtigender Absicht gegen die mediale Rufschädigung zur Wehr, trotz des gesellschaftlichen Risikos. Auch durch den Misserfolg vor Gericht ließen sich die Frauen nicht entmutigen. Einzelne Berichte lassen den Schluss zu, dass der Da- menklub fortan im Verborgenen weitermachte. Auch anderswo trafen sich immer wieder Lesben.

Wenn es stimmt, was Felix Wolff entrüstet darüber schrieb, so zogen offenbar viele Frauen der vormaligen "Neuen Damengemeinschaft" schlicht in ein anderes Etablissement um, wenn die Polizei eines ihrer Lokale nach einer Razzia schloss. Es ist daher anzunehmen, dass es im Kaiserreich solche Zusammenschlüsse in dieser oder ähnlicher Form nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Metropolen weiterhin gegeben hat - und vielleicht ja auch wie in den 1920er Jahren in der subversiven Provinz.

Damit wird die Kraft lesbischer Selbstorganisierung sichtbar: Der Berliner Lesbenklub "Neue Damengemeinschaft" wirkte mit seiner Vereinigung der Isolation von lesbischen Frauen entgegen. Die Beteiligten schreckten nichtmal vor gerichtlichen Auseinandersetzungen zurück, um den eigenen Zusammenschluss und sich gemeinsam zu schützen und zu stärken.

Es ist wie so oft in der Geschichtsschreibung von Lesben: Auf ironisch-bittere Weise bringen uns auch verächtliche Berichte auf historische Spuren lesbischer Sichtbarkeit - und zeugen von großem Lesbenmut.

In der Großen Glocke heißt es am 11. Mai 1910: "Die grenzenlose Ungeniertheit dieser Weiber geht sogar so weit, daß sie in vollbesetzten Straßenbahnwagen (...) sich überaus schamlos und eindeutig benehmen, sowohl in ihrer Unterhaltung als auch in ihrem Gebaren".

Kurzum: Die "Neue Damengemeinschaft" war grenzenlos und ungeniert lesbisch!

 

Das Mikroforschungsprojekt zur "Neuen Damengemeinschaft" an der Hochschule Düsseldorf wurde von der Landesantidiskriminierungsstelle des Berliner Senats gefördert.

Mehr Texte, Audio, Fotos zum Thema auf: www.lesbengeschichte.org

 

Dieser Text erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG Sep/ Okt. 2021.

 

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