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"Sexuelle Emanzipation gehörte nicht zum Programm der Arbeiterbewegung"

Samirah Kenawi wurde 1962 in Ost-Berlin geboren und war Teil der dortigen Lesbenbewegung. L-MAG sprach mit der Pionierin über Lesben in der DDR, Überwachung und Ost- und Westfeminismus.

privat Samirah Kenawi gründete 1988 das Archiv GrauZone und bewahrte damit ein Stück DDR-Lesbengeschichte

Samirah Kenawi studierte von 1983 bis 1988 Holzverarbeitung in Dresden. Heute ist sie sowohl Tischlerin, als auch Diplomingenieurin und Autorin. 2009 erschien ihr Buch "Falschgeld". L-MAG traf die Zeitzeugin für DDR-Lesbengeschichte an ihrem heutigen Wohnort Frankfurt am Main und sprach mit ihr über die Stellung von Lesben in der DDR, Überwachung durch die Staatssicherheit und die Beziehung zwischen Ost- und Westfeministinnen.

L-MAG: Samirah, die Unsichtbarkeit von Lesben macht es schwieriger, sich als Bewegung zu etablieren oder anerkannt zu werden. Gab es lesbische Sichtbarkeit in der DDR?
Samirah Kenawi:
Nein, genau das war das Problem. Vor den kirchlichen Homo­sexuellen Arbeitskreisen und dem Sonntagsclub gab es private Freundinnenkreise, aber die waren nicht sichtbar. Unsere Fragen waren immer: Wie können wir die Gruppenangebote bekannt machen? Wie können wir uns selbst untereinander erkennen? Das war schwierig. Auch in der DDR gab es mehr Treffpunkte für Schwule - und für Lesben praktisch nichts.

Wie war dein Coming-out?
Ich wusste lange nicht, dass sich Frauen in Frauen verlieben können, das war für mich ein großes Aha-Erlebnis. Mein Coming-out verlief dann relativ problemlos, ich habe es meinen Eltern erklärt und hatte Glück, dass es in die Zeit der Entstehung der kirchlichen Arbeitskreise fiel. Ich kam durch Zufall mit diesen Gruppen in Kontakt, als ich zum Studium nach Dresden zog - obwohl ich sehr atheistisch erzogen wurde.

Aus westdeutscher Perspektive ist es schwer vorstellbar, aber Kirchen waren in der DDR für oppositionelle Gruppen eine sehr wichtige Anlaufstelle. Es gab sogar die Gruppe "Lesben in der Kirche". Wie war das Verhältnis zu Homosexualität generell?
1982, nach einer Tagung der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg zum Thema Homosexualität, sind die kirchlichen Arbeitskreise Homosexualität entstanden. Aber es blieb lange ein schwieriges Verhältnis, denn das Thema war in der Kirche umstritten. Die Gruppe "Lesben in der Kirche" gab es nur in Berlin, sie bekamen 1984 Räumlichkeiten in der Gethsemanekirche. Anfangs sollten sie beten und es wurde ein explizit christlicher Bezug verlangt, aber das entspannte sich im Laufe der Jahre. Dazu trugen unter anderem Diskussionen innerhalb der Kirche bei.

Gab es sonst Möglichkeiten für junge Lesben, sich über ihr Begehren zu informieren und kennenzulernen?
Das war schwierig. Es gab die Möglichkeit der Kontaktanzeige: "Zärtliche Freundin gesucht". Das wurde aber komplizierter, als die Stasi erkannte, was dieses Codewort bedeutete. In den Achtzigern war es eines unserer Ziele, Aushänge an den Kirchen zu erreichen oder Artikel in Zeitungen zu veröffentlichen, aber all das ging nicht. Deshalb sind die "Lesben in der Kirche" 1984 ins ehemalige Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gefahren, um zu untersuchen, ob unter der nationalsozialistischen Herrschaft Lesben als Homosexuelle verfolgt wurden. Inzwischen ist bekannt, dass Lesben als "Asoziale" verfolgt wurden, einen Rosa Winkel für Frauen gab es jedoch nicht.

Was genau hat die Gruppe damals unternommen?
Die Frauen hatten einen Kranz mit der Aufschrift "Lesben in der Kirche" bestellt, den wollten sie nach einer Führung durch die Gedenkstätte niederlegen und sich als Gruppe im Gästebuch eintragen. Zwei Tage später stellte eine Frau aus der Gruppe fest, dass der Kranz weggeräumt und der Eintrag im Gästebuch entfernt worden war. Daraufhin haben sich die Frauen nicht bei der Gedenkstättenleitung, sondern beim Kultur­ministerium der Regierung beschwert, dem die Gedenkstätten unterstanden. Die waren völlig überfordert von diesen selbst­bewussten und radikalen Lesben. Irgendwann wurde der Brief des Arbeitskreises an das Referat für Kirchenfragen weitergegeben und bestimmt, dass eine "kirchliche Lesbengruppe außerhalb der Kirche nicht als Gruppe auftreten darf". Es gab also kein Gespräch mit den Lesben selbst. 1985 wollten sie noch einmal nach Ravensbrück, diesmal zu den Feierlichkeiten zu 40 Jahren Befreiung vom Faschismus. Es gab jedoch schon im Vorfeld eine Großfahndung und Verwarnungen der Stasi. Elf Frauen hatten trotzdem den Mut hinzufahren, wurden jedoch bereits von Berlin aus observiert und dann direkt am Bahnhof Fürstenberg festgenommen.


© Noir (CC BY-SA 3.0)Eine Grenzstreife der DDR am Bethaniendamm in Berlin-Kreuzberg 1989, fotografiert von Thierry Noir

Es ist doch paradox, Frauen das Gedenken an jene zu verbieten, die aufgrund ihres Begehrens im Nationalsozialismus ermordet wurden. Gerade aus einer antifaschistischen Perspektive.
Sexuelle Emanzipation gehörte halt nicht zum Programm der Arbeiterbewegung. Obwohl es Lesben waren, die den Staat auf das Thema Homosexualität aufmerksam gemacht haben, gab es zum Beispiel in dem Buch "Homosexualität" von Rainer Werner, das 1987 erschien, gerade mal drei Seiten zum Thema "Lesbizität". Das finde ich ärgerlich. Das Thema tauchte sonst vielleicht mal in einem Krimi auf - wobei die Lesben dabei natürlich die Kriminellen waren. Im November 1989 kam dann der erste Film zum Thema, "Coming Out", von Heiner Carow und wieder ging es nur um Schwule. Aber das ist trotzdem ein wunderbarer Film.

Wie hat sich die Angst vor einer Überwachung der Stasi auf euer Privat­leben ausgewirkt?
Es gab ein Bewusstsein über die Stasi, aber in die Berliner Lesbengruppe zum Beispiel ist nachweislich nie eine "Inoffizielle Mit­arbeiterin" (IM) reingekommen. Das lag unter anderem daran, dass es sich um Freundinnenkreise handelte, in denen man nicht einfach so auf einer unverbindlichen Ebene mitarbeiten konnte. Aber es gab auch Gruppen, in denen nach der Wende Spitzel-Aktivitäten aufgedeckt wurden. Und natürlich hat es auch immer so ein Misstrauen gegeben. Es wurde spekuliert: "Wer von uns ist die IM?" Das hat die interne Atmosphäre zeitweise vergiftet. Das war krass, als im Nach­hinein IMs enttarnt wurden. In der Dresdener Gruppe gab es zum Beispiel welche. Das verletzt das Vertrauen und reißt eine Wunde auf, die man nicht wirklich heilen kann.

Du hast 1988 das Archiv GrauZone gegründet, um lesbisches Leben in der DDR zu dokumentieren und Erinnerungsarbeit zu leisten. Wie wichtig ist DDR-Erinnerungskultur für eine neue queere Bewegung?
Erinnerungskultur ist für jede Bewegung wichtig. Es ist immer gut zu wissen, wo man herkommt und wie die Verhältnisse waren. Außerdem lebt die Geschichte ein Stückchen in uns weiter. Es ist auch ermutigend zu erfahren: da gab es Andere vor mir, und die haben etwas erreicht. Es lohnt sich also zu kämpfen und frau kann etwas von den Vorgängerinnen lernen. Ich finde, das Wissen um Geschichte ist wichtig und hilfreich bei der eigenen Identitätsfindung und um die Geduld für den eigenen Kampf aufzubringen. Ich bin trotzdem erstaunt, dass das Archiv immer noch so stark besucht wird.

Wie sah nach der Wende die Beziehung zu den West-Lesben aus?
In Berlin sind nach der Wende die Welten aufeinander geprallt, dabei gab es große Missverständnisse. Die politischen Handlungsräume waren sehr unterschiedlich. Beispielsweise hatten wir keine Erfahrung im Umgang mit Medien. Da hat uns die Unterstützung der Westfrauen gefehlt. Sie haben sich nicht wirklich für die DDR interessiert. Vielen Westlesben fehlte rückblickend die Sensibilität und das Bewusstsein. Ich bedauere sehr, dass es da so viel Unverständnis und somit auch verpasste Chancen gab.

Die lesbische Bewegung im Westen hatte sich als sehr feministisch verstanden. Im Osten musstet ihr viele Kämpfe nicht führen, die den Westfeminismus ausgemacht haben. Ihr durftet arbeiten, ihr hattet Kinder­betreuung, ihr durftet abtreiben.
Ich denke das ist auch ein wesentlicher Unterschied, der oft missverstanden wurde. In der DDR waren die Frauen quasi "vom Bauch her" emanzipiert. Die Situation war für Frauen im Osten durchaus besser als im Westen. Das betraf sowohl die Arbeits­möglichkeiten, als auch die Kinderbetreuung. Es war leichter, als Frau eigenständig zu leben und frau musste niemandem erklären, wieso sie keinen Mann hatte. Ungewöhnlich hingegen war es, kein Kind zu haben. Familie und Beruf zu vereinen war wesentlich leichter in der DDR. Ironischerweise wurden wir nach der Wende dann als "Muttis" bezeichnet, ohne zu begreifen, dass die Vereinbarkeit von Mutterschaft und allem anderen eine enorme Errungenschaft war. Westliche Feministinnen hatten keine Kinder und waren von unseren überfordert. Es gab in ihren Gruppen keine Kinder­betreuung, das war im Osten völlig anders. Wir hatten auch bei unseren Lesbentreffen Kinderbetreuung! Wir waren keine Muttis, wir konnten Beruf und Familie um Einiges einfacher unter einen Hut bringen.              
                                       
//Interview: Veronika Kracher

Das Interview erschien zuerst in der September/Oktober-Ausgabe von L-MAG, die hier noch ganz leicht als E-Paper bestellt werden kann. Mehr Artikel zu Lesben in der DDR gibt es in der September/Oktober-Ausgabe von L-MAG.

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