L-Mag

„Ich habe mich in den Flüchtenden wiedererkannt“

Im Sommer erscheint das Debütalbum der Wiener Rapperin Gazal. L-MAG hat bereits reingehört und sprach mit der aufstrebenden Musikerin über Migrationserfahrungen, Triggermomente und Machostrukturen im Hip-Hop

Privat

Von Christina Mohr

15.5.2021 – Seit einigen Wochen kann man sich auf sehr coole Weise über österreichische Politik informieren: Unter dem Titel RiB (Rap im Bild) postet die Wiener Rapperin Gazal kurze Videos auf Facebook, Instagram, Twitter und TikTok, in denen sie aktuelle Themen zusammenfasst – sie will sich einen pointierten Überblick in der Nachrichtenflut schaffen, natürlich gerappt!

Auf die Frage, ob sie in die Politik gehen würde, wenn sie nicht schon Rapperin wäre, antwortet sie lachend: „Man muss keine gewählte Politikerin sein, um Politik zu machen. Rap ist politisch und war schon immer ein Instrument gegen die Unter­drückung!“ Bis Gazal vielleicht als erste rappende Kanzlerin zur Wahl antritt, wird noch einiges Wasser die Donau hinunterfließen, aber eins steht jetzt schon fest: 2021 wird ihr Jahr! Im Juni erscheint das Debüt­album „Irgendwann“ beim Wiener Label Wonne Music, im Herbst ein gemeinsames Buch mit Sookee.

Aber von vorn: Gazal Köpf wurde 1989 im Iran geboren. Sie war noch sehr jung, als ihre Eltern mit ihr nach Oberösterreich flüchteten. Zum Studium ging sie nach Linz, sammelte dort bei Poetry Slams erste Auftrittserfahrungen und fand ziemlich schnell zu Hip-Hop und Rap. Nach einem gemeinsamen Auftritt mit Sookee veröffentlichte sie mit dem kroatischstämmigen Wiener Kid Pex ihren ersten Track „Wien Oida“.

Seit 2019 ist Gazal mit Carina Köpf verheiratet und ist sich ihrer Role-Model-Funktion als lesbische Rapperin mit Migrationshintergrund durchaus bewusst: „Im Wort Unterhaltung steckt Haltung drin – das gilt auch für meine Musik!“ Auch wenn sie sich selbstverständlich als Wienerin fühlt, sind ihr Fluchterfahrung und das Leben im Geflüchtetenheim noch immer präsent: „Das Jahr 2015 war ein Triggermoment für mich. Ich habe mich in den Flüchtenden wiedererkannt, habe geholfen, so gut es ging. Ich fühle mich mitgemeint, wenn gegen Migrantinnen und Migranten gehetzt wird.“

„In der LGBT-Community gibt es ein starkes Wir-Gefühl“

Im Interview berichtet sie von einer Kindheitserfahrung, die für sie beispielhaft ist: Als sie mit einem Nachbarjungen im Sandkasten spielte und plötzlich ein Spielzeug fehlte, war es für die Großmutter des Jungen völlig klar, dass „die Ausländerin“ es gestohlen habe. Für die junge Gazal eine schamvolle Erkenntnis: Als „Ausländerin“ und Diebin gebrandmarkt zu werden, offensichtlich nicht dazuzugehören. „Das Gefühl des Beschämtwerdens brennt sich tief in die Seele ein, das bleibt fürs ganze Leben.“

Die Rapperin engagiert sich heute stark für LGBT. Community und Empowerment sind keine leeren Worte für sie, auch wenn es im Mainstream gerade sehr angesagt ist, diese Begriffe zu verwenden. „Durch den gewaltsamen Tod von George Floyd hat die internationale Solidaritätsbewegung eine neue Dimension erreicht, siehe Black Lives Matter. Und in der LGBT-Community gibt es ein starkes Wir-Gefühl: Niemand hat es sich ausgesucht, lesbisch, schwul, queer zu sein, wir hatten einfach nur Glück, Teil einer so großartigen Community zu sein – Soziale Medien helfen uns dabei, uns zu verknüpfen, man weiß, dass man nicht allein ist.

Geradein diesen Zeiten ist das so wichtig, durch die corona­bedingte Isolation werden immer mehr Queers vereinsamen und verzweifeln.“ Gazal berichtet von einem lesbischen Paar, das einst aus einem Wiener Café geworfen wurde (L-MAG berichtete März/April 2015). Der diskriminierende Vorfall entfachte via Facebook und durch die mediale Berichterstattung einen wahren Sturm der Solidarität, der letztlich in eine Demo mündete. „Wien gilt zwar als tolerant und offen, aber das ist leider nicht überall so“, sagt Gazal, man müsse immer wieder neu um Anerkennung kämpfen.

Das Video zu ihrem Song „Irgendwann“, der passenderweise am 8. März, also am Internationalen Frauenkampftag veröffentlicht wurde, entstand mit Unterstützung aus der Community. Darüber ist Gazal sehr happy: „Ich habe Suchanfragen auf Twitter und Instagram gepostet. Obwohl klar war, dass es außer Verpflegung keinen Lohn geben wird, haben sich ganz viele Frauen gemeldet – auch viele, die weder mich noch meinen Song kannten. Das war ein ganz starker solidarischer Moment.“

Gelebte Solidarität verbinden szeneferne Menschen nicht automatisch mit deutschsprachigem Rap, der in breiten Teilen noch immer von männlichen Macho-Mackern dominiert wird – wie ist Gazals Perspektive dazu? „Rap existiert nicht losgelöst von der Gesellschaft. Die Rap-Macker spiegeln die patriarchalen Verhältnisse wider, die weltweit existieren. Das ist nicht nur im Rap so, sondern überhaupt in der Popkultur. Sexismus ist ein gesellschaftliches Problem.“

Der Kampf gegen Sexismus ist auch das Lebensthema von Sookee (Seite 68), die sich kürzlich aus dem Business zurückgezogen hat und jetzt als Sukini Hip-Hop für Kinder macht. Im Mainzer Ventil Verlag erscheint bald das gemeinsame Projekt der beiden queeren Rapperinnen: Das Buch „Awesome HipHop Humans“, in dem nicht nur Rapperinnen, sondern auch Sprayerinnen, Producerinnen und andere Akteurinnen der deutschen und österreichischen Szene vorgestellt werden.„Es geht um Hip-Hop abseits des Mainstreams“, so die Wienerin. „Wir haben selbst Texte geschrieben und Interviews geführt, aber auch die Künstlerinnen um Beiträge gebeten. Es gab kein festes Konzept oder Korsett, im Buch werden ganz unterschiedliche Textsorten zu lesen sein.“

Die Verbindung zwischen den beiden Musikerinnen besteht schon seit einigen Jahren. Gazal hatte eine eigene Version von Eminems „Cleaning Out My Closet“ gemacht und Sookee via Twitter getaggt. „Sie antwortete mir tatsächlich, und im Februar 2020 trat ich mit ihr im WUK Wien auf. Die Buchidee ist aber schon davor entstanden.“

Vor dem Buch wird aber noch ihr erstes Album erscheinen: die Tracks, die L-MAG schon hören durfte, überzeugen durch musikalische Vielfalt und großartige Lyrics, die Lesbischsein ganz selbstverständlich thematisieren. Besonders glücklich ist die aufstrebende Musikerin über „Halt dich fest“, in dem ihre Frau Carina mitsingt. Und manchmal geht es einfach nur ums Party­machen, dann reimt sich schon mal „feiern“ auf „reihern“ – L-MAG kann es jedenfalls kaum erwarten, das ganze Album zu hören!

Der Beitrag erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG Mai/Juni 2021.

 

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