L-Mag

Zwei Babys, zwei Mamas und ein Papa

Karo und Lisa sind ein Paar und gleichzeitig schwanger geworden. Wie geht es der queeren Familie, die alles andere ist als „Vater, Mutter, Kind“?

Von Franziska Schulteß

28.8.2021 - Lisa und Karo sind etwas außer Atem, als sie zum Interviewtermin auf Zoom erscheinen. "Die Woche war rough, weil die beiden gerade so viel erleben und dann schnell müde werden", erzählt Lisa. Die Babys sind bei dem Gespräch mit dabei - jeweils in der Trage, eines bei Lisa, eines bei Karo. "Das ist Lukas," stellt Karo das Kind auf ihrem Arm vor. "Videotelefonie kennt er schon." Lukas dreht seinen kleinen Kopf in Richtung Bildschirm, als würde er verstehen, dass es um ihn geht.

Karo hat Lukas letzten Sommer, Mitte Juli, auf die Welt gebracht. Anton, Lisas leibliches Kind, kam 13 Tage später. Die Geburten hätten auch gleichzeitig sein können. Denn, das Besondere: die beiden Kinder haben nicht nur denselben biologischen Vater, sie wurden auch am selben Tag gezeugt.

Aus Zufall gleich zweimal Nachwuchs

Lisa und Karo, die ein Paar sind, hatten sich mit Sören, einem Studienfreund, zusammengefunden, der Samenspender sein wollte. Sie wandten die "Bechermethode" an, versuchten es über Monate hinweg. Bis es, aus Zufall, am selben Abend gleich doppelt klappte. Dass es zwei Babys statt erst mal nur einem wurden, war so eigentlich nicht geplant gewesen.

Im Juli 2020, kurz vor den errechneten Geburtsterminen, berichtete L-MAG schon einmal über die Familie. Freund:innen und Bekannte, erzählten Lisa und Karo damals, äußerten auch Bedenken: zwei Neugeborene, wie soll das nur werden?

Gut - so das eindeutige Fazit von Lisa und Karo. Sie konnten sich von Beginn an super austauschen, sagt Karo. "Unsicherheiten kann man direkt mit jemandem teilen, der es versteht." Lisa fand es "wunderschön", bei Lukas' Geburt dabei sein zu können. Karo und Sören begleiteten Antons Geburt dann abwechselnd.

Intensiver erster Winter während der Pandemie

Lisa erinnert sich auch an die erste Nacht zu Hause, "wenn man diese bescheuerte Angst hat, dass das Kind sterben könnte - was natürlich Quatsch ist. Aber das Baby ist so winzig und du willst es nicht aus den Augen lassen." Da sei es gut, jemanden zu haben, der solche Ängste nachvollziehen kann, sagt Karo. "Der mir sagt: ich weiß wie du dich fühlst, und so kommen wir da raus." Ähnlich ist es, wenn es darum geht, was sich mit und nach einer Geburt im eigenen Körper verändert: "In der Beziehung kannst du einfach fragen, fühl doch bitte mal, ob da unten bei mir noch alles so ist, wie es war."

Klar sei es mit zwei Kindern nicht immer leicht. "Dass man kurz Zeit für sich selbst oder als Paar hat, darauf wartet man manchmal tagelang." Erschwerend kommt die Pandemie hinzu, die es im Winter unmöglich machte, viel Besuch zu empfangen oder mal für eine Date Night ins Restaurant zu entschwinden.

Dafür gehen sie jetzt täglich mit den Babys spazieren. Draußen, im Kinderwagen oder in der Trage, schlafen sie ganz gut. Beziehungsquality-Time, wie Karo sagt. "Ich weiß oft nicht, ob die Leute uns als Paar wahrnehmen", überlegt Lisa. "Manche glauben vielleicht, dass wir ein Mami-Treff sind." Blöde Kommentare habe es aber noch nie gegeben.

Nur wenige Role-Models für Trio-Eltern

Auch Sören, mit dem L-MAG noch mal gesprochen hat, berichtet, dass sein Umfeld bisher vor allem unterstützend war. Kurz vor den Geburten lernte er seinen neuen Freund kennen. Als er den in die Situation einweihte, habe der "total gut reagiert".

Lisa, die als Erzieherin tätig ist, und die Biologin Karo sind beide noch in Elternzeit. Sören ist dagegen beruflich eingespannt: für sein Medizinerpraktikum musste er in den letzten Monaten von Göttingen nach Hannover pendeln. In der Zeit hat er die Kinder nur am Wochenende gesehen. "Wenn ich weniger Stress habe, bin ich aber bis zu drei-, viermal die Woche dort."

Eine Grundvereinbarung haben Lisa, Karo und Sören getroffen: die "großen, wich- tigen Entscheidungen" wollen sie gemeinsam fällen. "Und wir können alle drei sagen, wenn etwas für uns gar nicht okay ist", erzählt Sören. Wie das in der Praxis aussehen wird, müsse sich erst zeigen. "Bisher gab es die Situation nicht, dass wir uns wirklich uneinig waren." Das könnte noch kommen, wenn die Kinder älter werden. "Wenn es darum geht, auf welche Schule man sie steckt, wann sie ein Handy bekommen und so weiter. Da habe ich natürlich ein bisschen Angst vor. Ich vertraue aber darauf, dass es funktionieren wird. Karo und Lisa machen das alles super, ich kann mich immer auf sie verlassen."

Im Gegenzug betont Lisa, man könne sich jederzeit auf Sören verlassen. Dennoch macht sich Sören noch ab und zu Gedanken: "Müsste ich nicht öfters dort sein? Es sagt einem halt auch keiner: so und so musst du das machen, musst du dich fühlen. Es gibt wenige Role Models, wenn drei Leute an Kindern beteiligt sind."

Gesetze benachteiligen Regenbogenfamilien

Auch das deutsche Recht orientiert sich nach wie vor an einem konservativen Familienideal. Vorgesehen sind "Vater, Mutter, Kind", andere Konstellationen, wie Zwei-Mütter-Familien, werden benachteiligt. Wird ein Kind dagegen in eine Hetero-Ehe geboren, hat es automatisch zwei rechtliche Eltern. Für lesbische und queere Paare ist die Sache schwieriger: Damit beide als Eltern anerkannt werden, müssen sie erst den Weg einer "Stiefkindadoption" gehen.

Dass dies diskriminierend ist, kommt zwar allmählich im öffentlichen Bewusstsein an. Erst im März stellte das Oberlandesgericht Celle im Fall eines anderen lesbischen Elternpaares fest, die geltende Regelung sei grundgesetzwidrig. Der Fall wurde ans Bundesverfassungsgericht weitergeleitet. Wann das entschieden wird und wann sich dann wirklich etwas ändern wird, steht noch in den Sternen. Auch die sogenannte Mehrelternschaft, mit mehr als zwei verantwortlichen Elternteilen, wird in Deutschland wohl nicht so bald durchsetzbar sein.

Anderen queeren Eltern Mut machen

Die gesetzliche Lage sei natürlich doof, finden Lisa und Karo. "Aus Pragmatismus", sagt Karo, "machen wir jetzt aber die Stiefkindadoption." Das heißt: Sören verzichtet auf die Elternschaft, Karo und Lisa werden Co-Mutter für das jeweils andere Kind. "Mal davon abgesehen, dass es bekloppt ist, dass wir das überhaupt machen müssen, läuft es mit den Ämtern ganz gut", berichtet Lisa.

Jetzt im August ziehen die beiden mit den Kindern nach Hamburg, wo Karo sich später als Coach selbstständig machen will. Den Termin haben sie mit Sören abge- sprochen: den ersten Geburtstag der Kinder wollten sie noch zusammen feiern.Sören plant, dann eben an den Wochenenden nach Hamburg zu pendeln.

Und es gibt noch mehr Pläne: Karo möchte gern ein Buch schreiben, das anderen Regenbogenfamilien auf ihrem Weg helfen soll. Eine Art "Erlebnisbericht-Ratgeber zu den Dingen, die sonst nicht in Büchern stehen". Dafür würde sie sich freuen, von Leser:innen der L-MAG zu hören, welche Fragen sie zum Thema queere Familiengründung haben. Bis das Buch erscheint, ist Sörens Fazit und Ratschlag an andere queere Familien: "Nicht zu viel denken, einfach machen." 

Dieser Text erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG Juli/August 2021.

 

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Kolumne von Karin Schupp

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