L-Mag

Film-Tipps der Saison: Die Highlights der lesbisch-schwulen Filmfestivals

2018 stehen sensationelle Lesbenfilme für eine fette Festivalsaison bevor. L-MAG gibt einen Überblick über die Highlights der Filmfestival-Saison

Screenshot "Rafiki" Absolut sehenswert: "Rafiki" aus Kenia

Der Herbst verspricht für die lesbische Cineastin echte Hochgenüsse. Abgesehen vom Spaß am Film sind die queeren Filmfestivals traditionell ein beliebter Hort zum Treffen, Diskutieren, Flirten und Feiern. Doch vor das „Bier danach“ hat die Filmgöttin eine Vielzahl von hochdramatischen, emotionalen, teils vertrackten, aber auch sexy und humorvollen Kino-Erlebnissen gesetzt.

Beginnen wir mit dem vielleicht besten Spielfilm mit lesbischen Hauptfiguren der letzten Jahre: „My Days of Mercy“ mit Ellen Page und Kate Mara. Das Gelungene an diesem Film der israelischen Regisseurin Tali Shalom Ezer ist die optimale Verbindung von sozialkritischer Story und Liebesschnulze. Hier stehen einmal nicht Coming-out oder die Probleme des Lesbischseins im Vordergrund, sondern die politische Überzeugung der beiden Hauptfiguren. Die eine – Lucy, genial verkörpert von Ellen Page – bangt um ihren zum Tode verurteilten Vater, der kurz vor der Vollstreckung der Strafe steht, und fährt mit ihrer Familie kreuz und quer durch die USA, um gegen die Unmenschlichkeit der Todesstrafe zu demonstrieren. Die andere mit dem schönen Namen Mercy („Gnade“), gespielt von Rooney Maras Schwester Kate, ist Verfechterin der Todesstrafe und reist zu den gleichen Events, um sich den Gegendemonstranten in den Weg zu stellen.

 

Vor dieser, für europäische Geschmäcker eher bizarren Politkulisse, verlieben sich die beiden Frauen heftig und verwickeln sich in eine hervorragend inszenierte Story. L-MAG freut sich, diesen mehr als sehenswerten Film bei den Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg – dem größten und ältesten Festival seiner Art in Deutschland, zu präsen­tieren. Ebenfalls ist „My Days of Mercy“ der von L-MAG präsentierte Film beim ungleich jüngeren Queer Film Fest München.

 

Lesbische Filmsensation aus Kenia


Durchaus als sensationell zu bezeichnen ist auch der erste Film mit lesbischer Story aus Kenia, „Rafiki“ (siehe Treiler oben). Furore machte der Film bereits bei seiner Premiere beim renommierten Festival in Cannes und dem Bekanntwerden der Tatsache, dass der Film in seinem Herkunftsland  wegen der positiven Darstellung des Lesbischseins nicht gezeigt werden darf. Vorgeführt wird er glücklicherweise beim Queerfilm Festival in Bremen, beim Perlen Hannover und – präsentiert von
L-MAG – bei den Pride Pictures in Karlsruhe. Zum 25-jährigen Jubiläum hat man in Karlsruhe einiges aufgefahren: das Festival wurde auf neun Tage verlängert und eingeflogen wird „Rafiki“-Hauptdarstellerin Samantha Mugatsia. Gezeigt werden „Disobedience – Ungehorsam“ und auch Klassiker wie die grelle Komödie „Weil ich ein Mädchen bin“ (1999) über eine junge Frau, die in den USA wegen ihres vermuteten Lesbischseins in ein „Um­erziehungslager“ gesteckt wird. Außerdem laufen die bemerkens­werten Filme „Princess Cyd“(siehe Trailer unten)– eine zaghafte lesbische Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern, inszeniert von einem schwulen Regisseur – sowie der ungewöhnliche polnische Film „Nina“. Aus Polen kommen wegen der konservativen Stimmung im Land eher wenig positive Darstellungen von Homosexualität. Umso interessanter kommt die von Olga Chajdas eher düster inszenierte Geschichte um die lesbische Magda und einem Heteropärchen auf der verzweifelten Suche nach einer Leihmutter daher. Kurios nur, wenn sich die Hetero-Ehefrau dann in die lesbische Leihmutter verknallt!


Doch zurück zum optisch und ästhetisch vielleicht gelungensten Film der Saison, dem kenianischen „Rafiki“ (Freund/in, Partner/in). Die Story ist simpel: Zwei junge Frauen, die am Stadtrand Nairobis leben, finden Gefallen aneinander, verlieben sich, werden im Bett erwischt und erzwungenermaßen räumlich von­einander getrennt. Eine typisch unglückliche Coming-out-Story, aber so eindrücklich und emotional glaubhaft inszeniert, dass auch hart­gesottene Zuschauerinnen, deren Coming-out länger zurück liegt als die Figuren des Films alt sind, eine Träne werden verdrücken müssen. Absolut sehenswert – auch, aber auf keinen Fall hauptsächlich, weil der Film einer der ganz wenigen seiner Art aus Afrika ist.

Überraschend: „Las herederas“


Ein ähnlich überraschendes Land als Kulisse für eine lesbische Story ist das lateinamerikanische Paraguay. Im auf der Berlinale gefeierten Film „Las herederas“ („Die Erbinnen“) geht es ungewöhnlicherweise um ein schwer in die Jahre gekommenes Paar: Chela (Ana Brun, die für ihre kongeniale Darstellung den Goldenen Bären als beste Schauspielerin bei der Berlinale 2018 bekam) und Chiquita sind seit über 30 Jahren zusammen, sie haben ihr fettes Erbe nach Jahren verprasst und aufgebraucht. Trotz der Zugehörigkeit zur Upper Class in der Hauptstadt Asunción ist Chiquita gezwungen, wegen der aufgelaufenen Schulden und unbezahlten Rechnungen ins Gefängnis zu gehen. Die zurückgelassene Chela muss sich nun herablassen, zu arbeiten, und wird eher zufällig Chauffeurin älterer, reicher Damen. Die komplett neue Situation bringt die zynische, verbitterte Chela in ganz neue Gemütslagen und auch dazu, sich zu verlieben. Ein Drama nimmt
seinen Lauf, bei dem allerdings eine weit über 60-jährige Frau ihre Sexualität und sich selbst neu entdeckt. Die Ironie und Liebe zum Detail in diesem Film sind ein absoluter Genuss!
L-MAG präsentiert „Las herederas“ beim Queer Filmfestival im süd-hessischen Weiterstadt – dem ausgiebigsten Festival seiner Art mit umwerfenden 14 Tagen Laufzeit! Der Film läuft außerdem auch beim Festival in München und in Hannover. Aufbegehren gegen Zwänge der Religion


Um die Zwänge in den starren Strukturen des orthodoxen Judentums geht es gleich in zwei lesbischen Filmen: Die britische Produktion „Ungehorsam“ (Orginal: „Disobedience“) zeigt Oscar-Gewinnerin Rachel Weisz als enfant terrible einer jüdisch-orthodoxen Community in London. Ronit lebt mittlerweile als emanzipierte Fotografin in New York, muss aber wegen des Todes ihres Vaters an die Stätte ihrer
problematischen Jugend zurückreisen. Hier begegnet Ronit ihrer
Ex-Geliebten Esti (Rachel McAdams), die mittlerweile mit dem Kindheitsfreund der beiden, einem Rabbi, verheiratet ist. Schon bald gibt es kein Halten mehr: Alte Gefühle und unbezwingbares sexuelles Begehren flammen auf und müssen ausgelebt werden. Das wirbelt die Leben aller Beteiligten komplett durcheinander. Ein düsteres, nervenstrapazierendes Drama, das absolut unter die Haut geht und glaubhaft mit großartigen Darstellerinnen von Sebastián Lelio („Eine fantastische Frau“) in Szene gesetzt wurde. „Disobedience“ läuft auf den Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg und in Karlsruhe, wird jedoch skandalöserweise in Deutschland nicht ins Kino kommen, sondern ab 6. September nur auf DVD (Sony) erscheinen.

Beim zweitgrößten Queer Filmfest in der Schweiz, den Luststreifen, die zum elften Mal in Basel stattfinden, geht es im von L-MAG präsentierten Film „Para Aduma“ ebenfalls um eine junge Frau im Kampf mit den jüdisch-orthodoxen Regeln. Die 16-jährige Benny lebt mit ihrem fundamentalistischen Vater in einer jüdischen Siedlung im muslimischen Teil Jerusalems und bekommt jede Menge Ärger, als sie sich in das Mädchen Yael verliebt. Bennys Vater, der noch immer unter dem Tod seiner Frau leidet, ist geradezu besessen von einer roten Kuh, die in der Nachbarschaft in einem Gehege gehalten wird und die er für ein göttliches Symbol hält. Als das zaghafte, aber sexuell feurige Verhältnis zwischen Benny und Yael auffliegt, muss Benny zwischen Freiheit oder Familie und Tradition wählen.

Verklemmt in Österreich

Etwas unverständlich bei so viel filmischer Qualität, die in dieser Saison geboten ist, scheint der Erfolg des österreichischen Films „L’Animale“, der auf den Festivals in Bremen, Weiterstadt, Hannover und Rostock läuft. In diesem Coming-of-age-Drama der Regisseurin Katharina Mückstein verliebt sich die Abiturientin Mati in die etwas ältere Carla, derweil hat auch Matis Vater ein äußerst problematisches schwules Coming-out. Vor der Kulisse der miefig-spießigen österreichischen Provinz wirkt die Verklemmtheit der beiden jungen Frauen unglaubwürdig. Mati, einerseits wilde Motocross-Fahrerin, die sich gern mit den Jungs misst, traut sich nur, mit Carla zusammen „Löffelchen“ auf dem Sofa zu schlafen? Wohl kaum! Da wird den
verknallten und verliebten Frauen in allen anderen bisher erwähnten Filmen ein sehr viel eigenständigeres Begehren und Ausleben ihrer Gefühle zugestanden. „L’Animale“ kommt da im Vergleich doch eher verklemmt und mutlos daher.

Spaß-Wirbelsturm aus Argentinien: „Las hijas del fuego“

Das krasse Gegenteil von „L’Animale“ bildet ein Film, der wie ein sexueller Wirbelsturm über die Kinoleinwand fegen wird: „Las hijas del fuego“ aus Argentinien. Ein erfrischender Roadmovie mit jeder Menge Sex, Anarchie und so viel Spaß am lesbischen Leben, dass Ausreisewellen nach Argentinien bevorstehen könnten. Der Film der bereits langjährig aktiven Filmemacherin Albertina Carri aus Buenos Aires eröffnet das 13. Pornfilmfestival Berlin, dessen Medienpartner L-MAG erneut ist – natürlich präsentiert L-MAG auch dieses kleine lesbische Film-Erdbeben, in deren Verlauf die bunte Truppe von wilden Lesben nach Feuerland reist.
Alternative lesbische Sexfilme wie „Second Shutter“, einem feministischen Umgang mit dem Thema weibliche Sexualität, aber auch politische Dokus wie der spanische „Cárceles Bolleras“, der die raue Realität einer von „Orange Is the New Black“ verklärten Wahr­nehmung zeigt, sind nur einige Bestandteile des vor allem beim
lesbischen und queeren Publikum beliebten Pornfilmfestivals in Berlin.

Doku über lesbenfeindlichen Skandalprozess

Die weniger schöne Seite des lesbischen Lebens, Lesbenfeindlichkeit und ein Justizskandal in den USA werden in der engagierte US-Doku „Southwest of Salem: The Story of the San Antonio Four“ aufgezeigt. In den 1990er Jahren wurde eine Clique von Latina-Lesben in Texas des sexuellen Missbrauchs zweier Mädchen beschuldigt und zu hohen Strafen verurteilt – überwiegend basierend auf rassistischen und homophoben Vor-Verurteilungen. L-MAG präsentiert diesen schockierenden Film über einen legendären Justizskandal auf dem 22. Perlen Festival in Hannover.

Festivals in zehn Städten, rund 150 verschiedene Filme und bestimmt 50.000 Zuschauerinnen und Zuschauer werden in den Monaten September und Oktober weinen, lachen und diskutieren ob der vielen filmischen Highlights, die hier geboten werden. L-MAG wünscht eine aufregende, inspirierende Festival-Saison!

// Manuela Kay

Luststreifen – Film Festival Basel

26.–30. September
L-MAG präsentiert: „Para Aduma“
www.luststreifen.ch

Queerfilmfestival Bremen

9.–14. Oktober
www.queerfilm.de

Pride Pictures Karlsruhe

13.–21. Oktober
L-MAG präsentiert: „Rafiki“
www.pridepictures.de

Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg

16.–21. Oktober
L-MAG präsentiert:„My Days of Mercy“

www.lsf-hamburg.de

Queer Film Festival München

17.–21. Oktober
L-MAG präsentiert: „My Days of Mercy“
www.qffm.de

Queer-Streifen Filmfestival Regensburg

18. – 24. Oktober
L-MAG präsentiert: das lesbische Kurzfilmprogramm
www.queer-streifen.de

Perlen – Queer Film Festival Hannover

20.–27. Oktober
L-MAG präsentiert: „Southwest of Salem: The Story of the San Antonio Four“
www.filmfest-perlen.de

Queer Filmfestival Weiterstadt

24. Oktober – 7. November
L-MAG präsentiert: „Las Herederas“
www.queer-weiterstadt.de


K-WORD

Kolumne von Karin Schupp

Jeden Freitag hier auf l-mag.de: K-WORD, News aus der Lesbenwelt. Gefunden, ausgewählt und geschrieben von L-MAG Klatschreporterin Karin Schupp.
Von A-Z-Promis, Filmen, Web-Serien bis zu den lesbischen Musikstars von morgen: mit K-WORD einfach mehr wissen ...! hier zu K-WORD




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