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Filmtipp „Sister My Sister“: Unterdrückung und Leidenschaft

Zwei Dienstmädchen, die eine Beziehung miteinander haben, ermorden ihre Hausherrinnen - ach ja, und Schwestern sind sie auch. Den lesbischen Filmklassiker, ein Mix aus Sozialstudie, Psychothriller und Lovestory, gibt’s neu auf DVD und als Video-on-Demand.

Salzgeber

Von Anja Kümmel

17.1.2021 - Ein ganz gewöhnlicher Sonntagnachmittag im Hause Danzard: Mutter und Tochter sitzen im Salon beim Kartenspiel; die Wangen der Hausherrin (Julie Walters) glühen, sie quietscht und tiriliert, weil sie eben dabei ist, gegen ihre Tochter Isabelle (Sophie Thursfield) zu gewinnen.

Währenddessen tragen sich zwei Stockwerke höher ähnlich ekstatische Szenen zu: In ihrem gemeinsamen Bett unterm Dach geben sich die Schwestern Léa und Christine (Jodhi May und Joely Richardson), die als Dienstmädchen bei Madame Danzard angestellt sind, an ihrem freien Nachmittag ihrem inzestuösen Liebesspiel hin.

Basiert auf einer wahren Geschichte

Dies ist nur eine der pointiert gesetzten Parallel-Montagen, die Miriam Mecklers Filmklassiker Sister My Sister so sehenswert machen. Ihr Spielfilmdebüt aus dem Jahr 1994 beruht auf dem wahren Fall von Léa und Christine Papin, die 1933 im französischen Le Mans ihre Arbeitgeberin und deren Tochter brutal ermordeten. Ob die beiden Dienstmädchen eine inzestuöse lesbische Beziehung unterhalten hatten, konnte nie abschließend geklärt werden – die Gerüchte hielten sich jedenfalls hartnäckig.

In den 1990er Jahren diesen Skandal-Stoff als facettenreichen Mix aus Sozialstudie, Psychothriller und lesbischer Liebesgeschichte umzusetzen, war durchaus ein Wagnis, hatte das queere Kino sich doch gerade erst aus der Schmuddel-Ecke befreit. Allzu leicht wäre es gewesen, das Material sensationslüstern und pornographisch auszuschlachten – Meckler jedoch inszeniert das Drama weitaus subtiler, als düsteres Kammerspiel mit kleinen ironischen Spitzen, das über weite Strecken ohne Worte auskommt.

Das Brodeln unter der Oberfläche wird deutlich fühlbar

Gerade in der stickigen Stille des barock ausstaffierten Hauses wird das Brodeln unter der Oberfläche deutlich fühlbar: In einer Szene etwa kriecht Léa auf dem Teppich zwischen den Füßen von Madame Danzard herum, um verschüttete Stickperlen aufzulesen. Sowohl die Unterwerfung und Demütigung der dienenden Klasse als auch die tödliche Langeweile betuchter Frauen, die in ihrem Heim und in ihren sozialen Rollen gefangen bleiben, sind beinahe schmerzhaft zu spüren.

Anstatt die herrschenden Verhältnisse von außen zu kommentieren, fängt Meckler Gestik und Mienenspiel ihrer Figuren aus nächster Nähe ein – etwa die eifersüchtigen Blicke, mit denen Christine ihre kleine Schwester verfolgt – und überlässt die Interpretation den Zuschauer_innen. Einmal etwa sehen wir, wie die Tochter des Hauses Léa eine der Pralinen reicht, die sie heimlich aus dem Schrank ihrer Mutter nascht. Drückt diese Geste eine gönnerhafte Überlegenheit aus? Möchte Isabelle das Dienstmädchen zur Komplizin machen? Oder deutet sich hier gar eine versteckte Schwärmerei an?

Nicht „böse“ oder „pervers“, sondern Opfer ihrer Verhältnisse

Vieles lässt Meckler offen; kaum zu übersehen ist dagegen die Dysfunktionalität beider Paardynamiken: Auf der einen Seite das symbiotische Mutter-Tochter-Gespann, auf der anderen Seite zwei einsame, von der Außenwelt abgeschottete Schwestern, die niemanden haben außer einander.

Während Madame Danzard in ihrer einfältigen, narzisstischen Dominanz bisweilen fast karikaturhaft wirkt, hält sich Meckler bei der Darstellung der Dienerinnen mit moralischen Wertungen ganz zurück. So werden Léa und Christine nicht als „böse“ oder „pervers“ inszeniert, wie es vielleicht nahegelegen hätte, sondern vielmehr als Opfer ihrer prekären Verhältnisse, ihrer sozialen Isolation und ihrer tragischen Abhängigkeit voneinander.

Eine lesbische Love-Story mit Happy End ist Sister My Sister ganz sicher nicht – dafür ein feinsinniges Psychodrama mit einer guten Portion Gesellschaftskritik. Wer dieses queere Avantgarde-Kino der 90er Jahre nun (neu) entdecken möchte, hat dazu endlich Gelegenheit: Der britische Film, der in Deutschland nie regulär im Kino lief, ist jetzt auch hierzulande in restaurierter Fassung auf DVD erhältlich.

Sister My Sister, GB 1994, Regie: Nancy Meckler, Buch: Wendy Kesselman, mit: Julie Walters, Joely Richardson, Jodhi May, Sophie Thursfield u.a., 89 min., OmU

Auf DVD/ Bluray und als Video-on-Demand beim Salzgeber Club und - nur im Januar - bei den lokalen Partnerkinos der Queerfilmnacht 

 

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