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Lachen befreit: Komikerin Hella von Sinnen im ersten L-MAG Interview

Lange Zeit war sie Deutschlands Vorzeigelesbe Nummer eins. Noch immer steht Hella von Sinnen für ein unangepasstes Frauenbild, schrille Outfits und schräge TV-Formate. Im Interview in der Mai/Juni Ausgabe erklärt sie, wie wichtig Humor sein kann

Foto: Sat1

l-mag, 22.06.2018 - Laut, schrill und bunt – in den 1990er Jahren feierte die Komikerin Hella von Sinnen ihre größten Erfolge. Aus­zeichnungen vom Bambi bis zum Deutschen Comedypreis folgten, doch bekannt wurde sie vor allem als Deutschlands erste offene TV-Lesbe. L-MAG traf sie in Köln zum Interview über ihre Vorbildrolle, bekannte Komikerinnen und natürlich den lesbischen Humor.

Hella, hat Lachen deiner Meinung nach eine befreiende Wirkung?

Hella von Sinnen: Absolut, schon aus anatomischen Gründen. Und es kann Situationen entschärfen. Wenn man zum Beispiel in einer Prüfungssituation oder einem Bewerbungsgespräch gemeinsam gelacht hat, ist man in der Kommunikation eine Stufe weiter.

Gilt das auch für Liebesbeziehungen?
Humor und Lachen sind das Schmierfett, ohne das nichts läuft. Ich habe unlängst zwei Jahre mit einer Spaßbremse hinter mir. In diese Falle tappe ich nicht noch einmal.

Gibt es denn lesbischen Humor?
Schwierige Frage. Ich glaube, es gibt einen Humor von Minderheiten, zu denen wir ja auch gehören. Nimm zum Beispiel den jüdischen Humor, der in der jüdischen Community entstand. Ähnlich ist es mit Schwulen- oder Lesbenwitzen. Humor ist in dem Fall ein Selbstschutz und eine Replik auf Ressentiments und Angriffe. Das berühmte dicke Kind in der Schule war meistens auch das lustigste. Wer über sich selbst lachen kann, nimmt Gegnern schnell den Wind aus den Segeln. Für mich als übergewichtige Lesbe gilt das gleich doppelt.

War das der Grund für dich, Komikerin zu werden?
Nein, daran war Heidi Kabel schuld. Und Frauen wie Lore Lorentz oder Ursula
Herking. Ich bin seit frühester Jugend Fernsehjunkie und von diesen brillanten Frauen geprägt. Sie waren meine Inspirationen.

In den 1980 und 90er Jahren warst du als erste TV-Lesbe für viele ein Vorbild. War das ein besonderer Druck?
Ich wollte nie ein Vorbild sein, aber immer eine Mutmacherin. Meine Rolle als erster übergewichtiger, lesbischer Paradiesvogel brachte viel Aufmerksamkeit. Hohe Wellen hat das Thema erst durch meine Beziehung zu Conny, der Tochter von
Mildred und Walter Scheel, geschlagen.

Seit den 1990er Jahren ist viel passiert. Im letzten Jahr wurde die Ehe für alle eingeführt. Du hast dich bereits 1992 dafür ausgesprochen und seitdem auch dafür gekämpft. Hättest du gedacht, dass es so lange dauern würde?
Es gab Tage, an denen ich gar nicht mehr geglaubt habe, dass sie überhaupt noch kommt. Ich bin froh, dass sie endlich da ist.

In den letzten 25 Jahren hat sich die Akzeptanz und Sichtbarkeit für die LGBT-Community deutlich verbessert. Dennoch werden gerade in den letzten Jahren homophobe Attacken, auch in der Politik, immer lauter. Wie siehst du die Lage?
Manchmal erinnert mich unsere Zeit an die Weimarer Republik. Auf der einen Seite hatte man in den „Roaring Twenties“ (Goldene Zwanziger, Anm. der Red.) größtmögliche Freiheit, auf der anderen Seite wurde sie als Bedrohung empfunden. Wir werden in Europa fast ausschließlich von heterosexuellen Männern regiert. Da werden Ressentiments geschürt, aus Angst, gesellschaftliche Vorrechte zu verlieren. Es geht um Machtverlust, vielleicht auch um Angst vor eigenen homoerotischen Neigungen.

Wie schätzt du vor diesem Hintergrund jemanden wie Alice Weidel von der AfD ein?
Es muss doch auch unter Lesben Nieten geben.

Im letzten Jahr hat die „#metoo“-Debatte die Filmbranche ordentlich geschüttelt. Was wird von „#metoo“ bleiben?
Die Bewegung lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Es wird sich etwas ändern. Auch in Deutschland hat es bewirkt, dass der Fall des Regisseurs Dieter Wedel an die Öffentlichkeit kam. Großartig, dass auch ein männlicher Kollege, der Regisseur Simon Verhoeven, ihn für sein Verhalten scharf attackiert hat. Davon muss es mehr geben. Frauen und Mädchen kann man nur dazu ermutigen, aufzustehen und sich gegen Übergriffe jeglicher Art zu wehren.

Was können wir denn von dir noch in diesem Jahr erwarten?
Wird noch nicht verraten. Aber da kommt was!

                                                                                     //Interview: Bettina Hagen

                                                                                   


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