L-Mag

10 lesbische Coming Outs, die Deutschland bewegten

Manche outeten sich freiwillig, manche nicht. Für einige war's eine Befreiung, andere sprechen bis heute so wenig wie möglich darüber: Die 10 Promi-Coming Outs, die in den letzten drei Jahrzehnten die meisten Schlagzeilen machten.

Martin Kraft, Krd, 9EkieraM1, Heinrich-Böll-Stiftung - alle: CC-BY-SA Anne Will, Ulrike Folkerts, Hella von Sinnen, Steffi Jones (v.l.n.r.)

Von Karin Schupp

21.2.2021 - Anfang Februar forderten 185 LGBTQ-Schauspieler:innen mit ihrem „#actout-Manifest“ mehr queere Sichtbarkeit und mehr Akzeptanz in Film, Fernsehen und auf Theaterbühnen (wir berichteten). Denn auch wenn viele – auch queere Menschen – behaupten, dass die sexuelle Identität heutzutage „egal“ und „gar nichts Besonderes“ mehr sei, ist es auch hierzulande für die meisten immer noch ein schwerer Schritt, sich zu outen; lediglich im Frauenfußball und in der Popmusik scheint es in jüngster Zeit etwas einfacher geworden zu sein.

Wir stellen zehn lesbische Prominente vor, deren Coming Out (= freiwillig) oder Outing (= unfreiwillig) in den letzten dreißig Jahren Schlagzeilen machte, und beginnen mit der ersten und lautesten von allen:

 

1. Hella von Sinnen (62), Entertainerin

9EkieraM1/ CC-BY-SA

Wann? Hella war in der Kölner Kulturszene schon immer out, Rest-Deutschland erfuhr’s 1990 aus der Bunte, nachdem sie durch die RTL-Show Alles Nichts Oder?! bekannt geworden war. Nach einer Schrecksekunde („Ich dachte, das ist das Ende einer wunderbaren Karriere“, erinnerte sie sich 1991 im Stern) ging sie in die Offensive und spricht seitdem sehr offen darüber.

Zitate: „Ich bin dick, ich ficke gern. Ich bin stocklesbisch.“ (Spiegel, 1991)

Was passierte danach? Bis 1992 in Alles Nichts Oder?! und der Sketchcomedy Weiber von Sinnen zu sehen, danach eine gewisse Durststrecke bis in die frühen Nullerjahre. Ihre damals frische Beziehung mit Cornelia Scheel machte Anfang 1992 Schlagzeilen, letztere verlor vorübergehend ihren Job bei der Krebshilfe. Im selben Jahr kämpften die beiden mit der öffentlichkeitswirksamen „Aktion Standesamt“ für die Ehe-Öffnung, scheiterten aber vor dem Bundesverfassungsgericht.

Und heute? Seit langem in Genial Daneben und Genial Daneben – Das Quiz zu sehen. 2013: Trennung von Cornelia Scheel, mit der sie aber beruflich noch zusammenarbeitet. Aktueller Beziehungsstatus unbekannt.

 

2. Maren Kroymann (71), Schauspielerin, Sängerin, Comedian

Radio Bremen/ Joseph Strauch

Wann? 1993 im Stern: Outete sich dort mit ihrer damaligen Lebensgefährtin Susanne Evers (Lindenstraße) als lesbisch.

Zitat: „Weil die, die es sich leisten können, es tun sollten, damit es alltäglich, normal wird.“ (Stern, 1993)

Was passierte danach? Nach ihrem Coming Out blieben für die damals sehr erfolgreiche Schauspielerin - bekannt durch die ARD-Serien Grüß Gott, Herr Pfarrer und Vera Wesskamp - ein Jahr lang die Rollenangebote aus: „Nicht mal was zum Ablehnen“, sagte sie später im Brigitte-Interview. „Ich bereue es trotzdem nicht, weil es mir gut getan hat.“

Und heute? So erfolgreich wie noch nie, vor allem mit ihrer Sketchcomedy Kroymann (ARD, seit 2017), für die sie mit Preisen überhäuft wurde. Widmete Ende Januar eine ganze Kroymann-Folge der Sichtbarkeit und Akzeptanz von LGBT-Schauspielenden (wir berichteten) und beteiligte sich im Februar an der #actout-Initiative zum selben Thema. Lest dazu auch unser Interview.

 

3. Bettina Böttinger (64), Moderatorin, TV-Produzentin

WDR

Wann? Ende 1995 in der Harald Schmidt Show: Der Moderator zeigte in einem Bilderrätsel Fotos von Böttinger, der Zeitschrift Emma, eines Eierlikörs und einer Klobrille, deren „Gemeinsamkeit“ war: „Die würde kein Mann freiwillig anfassen.“ Dadurch und durch weitere Anspielungen auf ihre Homosexualität galt Böttinger als durch Schmidt geoutet.

Zitate: „Zwangsouting einer bisexuellen Konkurrentin“ nannte sie das 1995.

Was passierte danach? Kritisierte Harald Schmidt zwei Monate später als Gast seiner Sendung und verließ danach das Studio. Moderierte weiter ihre Talkshow B.trifft (1993-2004) und danach den Kölner Treff.

Und heute? Immer noch Kölner Treff und Leiterin der Produktionsfirma Encanto. 2016 prangerte sie ihren Haussender an: „Beim WDR gab es jahrelang ein Bashing gegen mich. Das war ganz klar homophob. (…) Manche Männer reagierten regelrecht aggressiv auf mich. Ich habe mitbekommen, dass ein Kollege von mir nur als 'Herr Böttinger' sprach.“ Seit ihrem 60. Geburtstag (2010) mit ihrer Lebensgefährtin Martina verpartnert. Bezeichnet sich heute als „lesbische Feministin“ (Stern, 2016). 

 

4. Ulrike Folkerts, Schauspielerin

Krd/ CC-BY-SA

Wann? Nachdem sie im Mai 1999 im WDR als Jurorin beim lesbisch-schwulen Grand Prix Cologne zu sehen gewesen war, titelte die Bild: „Ja, ich liebe Frauen.“ Gesagt hat die Tatort-Kommissarin das aber gar nicht: Sie war von dem Artikel überrascht worden, wie sie später sagte.

Zitat: „Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht. (…) Aber plötzlich gab es eine Riesenwelle von Anfragen. Ich fand das zum Kotzen.“ (Tagesspiegel, 2000) - „Es vergeht keine Woche, in der ich mir nicht einmal aus tiefstem Herzen sage: Ich bin so froh, dass ich eine Lesbe bin!“ (Bild, 2002)

Was passierte danach?Tatort, Theater. Nahm 2002 – wie auch zuvor schon – an den Gay Games teil.

Und heute? Dienstälteste Tatort–Kommissarin (seit 1989). Drehte 2005 ihren bisher einzigen Lesbenfilm: Die Leibwächterin (mit Barbara Rudnik) und seit einigen Jahren auch klassische ZDF-Schmonzetten. Veröffentlichte mit ihrer Lebensgefährtin Katharina Schnitzler das Buch Glück gefunden (2008) und sagte im selben Jahr: „Ich habe keine Lust mehr, die Vorzeige-Lesbe zu geben. Das sollen jetzt mal jüngere machen.“ Gehörte zu den Unterzeichner:innen des  #actout-Manifest.

 

5. Anne Will (54), TV-Moderatorin

NDR/ Wolfgang Borrs

Wann? Ende 2007: Bestätigte auf einem roten Teppich in Berlin gegenüber der Bild am Sonntag ihre Beziehung mit Miriam Meckel - zwei Monate nach dem Start ihrer Polit-Talkshow Anne Will.

Zitat: „Ja, wir sind ein Paar.“

Was passierte danach? Außer ein paar Schlagzeilen in der Boulevardpresse: nichts, auch kein Interview.

Und heute? Hat bis heute kein Wort darüber verloren, abgesehen von knappen Personenstandsmeldungen – „Ja, wir haben uns verpartnert“ (August 2016) und „Wir haben uns getrennt“ (November 2019). Moderiert und produziert immer noch Anne Will.

 

6. Nadine Angerer (42), Ex-Fußballnationalspielerin, Torwarttrainerin

Angerer/ InstagramNadine Angerer (r.) und ihre Frau Magda

Wann? Outete sich im November 2010 im ZEITmagazin als bisexuell und 2015 in ihrer Autobiografie Im richtigen Moment als lesbisch.

Zitate: „Ich persönlich bin da offen, weil ich der Meinung bin, dass es nette Männer und nette Frauen gibt, und weil ich eine Festlegung generell total albern finde.“ (2010) - „Ich mag Männer wirklich, aber lieben tue ich nun mal nur Frauen.“ (2015)

Was passierte danach? WM 2011, EM-Titel 2013, Weltfußballerin des Jahres 2013. Beendete ihre aktive Karriere nach der WM 2015.

Und heute? Torwarttrainerin beim US-Club Portland Thorns, Teilnahme an einigen Reality-Shows (z.B. Dancing On Ice). Seit Ende 2016 mit ihrer Frau Magda verpartnert.

 

7. Alice Schwarzer (78), Journalistin

Michael Lucan/ CC-BY

Wann? Schrieb 2011 in ihrer Autobiografie Lebenslauf zum ersten Mal über ihre Männer- und Frauenbeziehungen und ihre langjährige Partnerin

Zitat: „Wir sind ein offenes Paar, aber kein öffentliches. Und so wird es bleiben.“ (in: Lebenslauf)

Was passierte danach? Nichts - die Herausgeberin der Emma und (wahrscheinlich immer noch) Deutschlands bekannteste Feministin bestätigte damit nur ein jahrzehntealtes Gerücht. 2015 ließ sie das autobiografische Buch Tango mit Alice (später: Schwarzer Tango) verbieten, in dem ihre Ex Waltraud Schade über ihre Beziehung Anfang der 1970er Jahre schrieb.

Und heute? Nur noch wenig öffentliche Auftritte. Heiratete 2018 ihre langjährige Lebensgefährtin, die Fotografin Bettina Flitner. Veröffentlichte 2020 den zweiten Teil ihrer Autobiografie: Lebenswerk.

 

8. Steffi Jones (48), Ex-Fußballnationalspielerin, Fußballtrainerin

Jones/ InstagramSteffi Jones (vorne) und ihre Frau Nicole

Wann? Brachte im Februar 2013 ihre Freundin Nicole Parma mit zum Ball des Sports – und Bild machte eine Schlagzeile draus.

Zitat: „Ja, wir sind ein Paar. Wir sind seit August zusammen.“ (Bild, 2013)

Was passierte danach? Die Weltmeisterin 2003 und dreifache Europameisterin war weiterhin Direktorin beim DFB, danach wurde sie Ko-Trainerin des Nationalteams. Seit 2014 mit Nicole verpartnert. 

Und heute? Blieb als Trainerin des Frauennationalteams (2016-2018) ohne Erfolge, wurde 2019 Co-Trainerin des Frauen-Teams SSV Buer 07/28. 

 

9. Kerstin Ott (39), Schlagersängerin

Ott/ InstagramKerstin Ott (l.) und ihre Frau Karolina

Wann? Im März 2016 in der ZDF-Talkshow Markus Lanz, in die sie auch ihre Lebensgefährtin Karolina mitbrachte. Damals hatte ihr Song „Die immer lacht“ durch den Remix von Stereoact die Single-Charts erobert.

Zitat: „Als Mensch in der Öffentlichkeit hat man meiner Meinung nach gegenüber anderen Menschen, die ihre Sexualität momentan nicht so einfach ausleben können, die Aufgabe, eine Hilfestellung zu geben.“ (in L-MAG, Mai 2016)

Was passierte danach? „Die immer lacht“ wurde zu einer der meistverkauften Singles in Deutschland, das Video bekam bis heute rund 188 Millionen Klicks auf Youtube. Auch ihre zweite Single „Scheißmelodie“ und ihr Debütalbum „Herzbewohner“ kamen in die Top Ten. Heiratete 2017 Karolina, mit der sie zwei Kinder großzieht. 2018 erschien ihre Autobiografie „Die fast immer lacht“.

Und heute: Ihr drittes Album „Ich muss dir was sagen“ (2019) kletterte bis auf Platz 2 der Charts. Im letzten Jahr wurde es coronabedingt ruhiger um die Sängerin, die normalerweise viele Liveauftritte absolviert. Ihre geplante Tour wurde in den Frühjahr 2021 verlegt. 

 

10. Alice Weidel (42), AfD-Politikerin

Sandro Halank/ CC-BY-SA

Wann? Im März 2017, zunächst in einem Porträt in Die Zeit, wo ihr die Attribute „lesbisch, Lebensgefährtin, kleines Kind“ zugeschrieben wurden. Größere Kreise zog das aber erst eine Woche später, als die damalige AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl in der Talkshow Maischberger darauf angesprochen wurde.

Zitat: „Ich bin homosexuell.“ (Sept. 2017, bei einem Wahlkampfauftritt in Viernheim)

Was passierte danach? Sah keinen Widerspruch zwischen ihrer sexuellen Identität und dem AfD-Parteiprogramm. Zog 2017 in den Bundestag ein, wurde Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion und Oppositionsführerin. In diverse Skandale um demokratiefeindliche und rassistische Äußerungen und illegale Spenden aus der Schweiz verwickelt.

Und heute? Gehört zu den drei stellvertretenden Bundessprechern ihrer Partei und ist Landesvorsitzende der AfD Baden-Württemberg. Verpartnert mit einer Schweizer Film- und TV-Produzentin mit sri-lankischen Wurzeln, lebt mit ihr und zwei Söhnen in der Schweiz; ihr Hauptwohnsitz sei aber im deutschen Überlingen. War zuletzt im Februar wegen Verbreitung einer Falschbehauptung im Zusammenhang mit Corona in der Presse.

 

Die aktuelle Ausgabe der L-MAG jetzt  an jedem Bahnhofskiosk, im Abo, als e-Paper und bei Readly erhältlich.

 

ACHTUNG: Wir schenken euch E-Paper-Ausgaben der L-MAG! Hier geht's zum kostenlosen Download - für den Desktop und für mobile Geräte.

Aktuelles Heft

Titelthema „L Word“

Neue Realität: Schluss mit Stillstand
Das Leben in der Pandemie – Wie leben wir in dieser neuen Realität? mehr zum Inhalt




L-MAG.de unterstütze ich!

Die Corona-Krise ist noch nicht vorbei und l-mag.de braucht deine Hilfe!

Wir kämpfen für lesbische Sichtbarkeit, auch im Internet. Deshalb wollen wir uns nicht hinter einer Bezahlschranke verstecken. Sondern auch in Zukunft kostenlos K-Word, Filmtipps und lesbische News für alle lesbar und frei zugänglich online stellen.

Dafür brauchen wir deine Unterstützung. Hilf uns monatlich oder auch einmalig mit einem freiwilligen „online-Abo“ und sichere damit lesbischen Journalismus im Netz.

Vielen Dank! Dein L-MAG-Team

L-MAG.de finde ich gut!

Diese Website verwendet Cookies, Google Analytics und den Adserver Google DFP. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie dem zu.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

OK

L-MAG.de unterstütze ich!

Die Corona-Krise ist noch nicht vorbei und l-mag.de braucht deine Hilfe!

Wir kämpfen für lesbische Sichtbarkeit, auch im Internet. Deshalb wollen wir uns nicht hinter einer Bezahlschranke verstecken. Sondern auch in Zukunft kostenlos K-Word, Filmtipps und lesbische News für alle lesbar und frei zugänglich online stellen.

Dafür brauchen wir deine Unterstützung. Hilf uns monatlich oder auch einmalig mit einem freiwilligen „online-Abo“ und sichere damit lesbischen Journalismus im Netz.

Vielen Dank! Dein L-MAG-Team

Nein Danke, möchte ich nicht | Hab schon!

L-MAG.de finde ich gut!
x