L-Mag

Alice Schwarzer: „Ich habe erst durch die Frauenbewegung entdeckt, dass man auch Frauen lieben kann“

Deutschland bekannteste und kontroverseste Feministin spricht im L-MAG-Interview über ihre sexuelle Identität und ihre Einstellung zu Transsexualität.

Bettina Flitner

Von Dana Müller

19.6.2019 - Durch ihre Bücher, Artikel und Fernsehauftritte in den 70er Jahren wurde sie zur bekanntesten und kontroversesten deutschen Frauenrechtlerin - und ist es heute noch. Auch in feministischen Kreisen war EMMA-Gründerin Alice Schwarzer (76) nie unumstritten, zuletzt vor allem wegen ihrer islamkritischen Einstellung. In ihrer Autobiografie Lebenslauf erwähnte sie 2011 zum ersten Mal, was zuvor nur als offenes Geheimnis galt: Sie hat eine Lebenspartnerin, mit der sie seit langem zusammen ist. Mit ihr, der Fotografin Bettina Flitner, ist sie seit Juni 2018 verheiratete.

L-MAG führte mit Alice Schwarzer ein ausführliches Interview über Lesbischsein, Transsexualität, ihre Islamkritik und "die Aufweichung des Feminismus von innen". Einen Auszug daraus veröffentlichen wir hier, das komplette Interview steht in der neuen Ausgabe, die am 28. Juni erscheint.

 

L-MAG: Emma war eine der ersten Zeitschriften, die auch über Lesben geschrieben hat. Ihr hattet schon früh küssende Frauen auf dem Cover. Warum war das für euch ein Thema?

Alice Schwarzer: Ich bin die Autorin von Der kleine Unterschied und seine großen Folgen! Ich weiß nicht, wie viele Frauen sich durch das Buch in eine Frau verliebt haben – bestimmt viele. Das Thema war die Funktion des Sexmonopols von Männern über Frauen, also die „Zwangsheterosexualität“ (ein Begriff des Analytikers Ferenczi), und die Selbstverständlichkeit der Homosexualität. Sexualität ist früh ein zentrales Thema von mir gewesen. Also auch immer in EMMA präsent. Als wir starteten, gab es zwar alternative Lesbenblätter innerhalb der Frauenbewegung, aber es gab keine Öffentlichkeit für das Thema. Wir hatten in den frühen Jahren den Ruf, ein Lesbenblatt zu sein, auch wenn wir das nie waren. EMMA war und ist ganz einfach eine feministische Zeitschrift für alle.

Liest du eigentlich L-MAG?

Klar! Die liegt bei uns in der Redaktion. Wir verfolgen euch aufmerksam.

Ihr habt auch schon sehr früh Trans-Thema aufgegriffen. Wie kamt ihr damals darauf?

In den 70ern war Transsexualität kein Thema. Aber ich wollte nach dem Kleinen Unterschied ein Buch darüber schreiben. Ich hatte in Paris an der Universität Vincennes studiert, unter anderem bei Foucault und kannte die amerikanische Avantgarde der Sexualforscher sehr gut, wie John Money und Robert Stoller. Ich fand es spannend, dass die Seele stärker sein kann als der Körper. Ich habe das Buch dann doch nicht geschrieben, weil ich EMMA gegründet habe.

Anfang der 80er kamen „transsexuelle Männer-zu-Frauen“ in die Frauenzentren und viele in der Bewegung waren dagegen. Ich fand das falsch. Also habe ich 1984 einen „Brief an eine Schwester“ geschrieben, pro Transsexuelle. Der ging an eine Feministin, die vehement gegen „transsexuelle Männer-zu-Frauen“ in Frauenzentren argumentierte.

Wie stehst du heute dazu?

Ich habe schon immer die Auffassung vertreten, dass Menschen unterstützt werden müssen, die in einen so dramatischen Identitäts-Konflikt geraten. Gleichzeitig war und bin ich gegen zu rasches Operieren, weil das irreversibel ist. Als Feministin frage ich mich natürlich grundsätzlich: Wieso muss ich den Körper wechseln, um zu sein, was ich will? Es ist doch die gnadenlose Rollenzuweisung und eine lange Prägung, die aus Menschen Frauen und Männer macht. Es gibt Männer oder Frauen, die sich in der zugewiesenen Rolle nicht wohlfühlen. Die wahre Lösung allerdings wäre: Wir sind alle Menschen – manchmal mehr „männlich“ und manchmal mehr „weiblich“. Ich weiß, das ist reine Theorie im Jahr 2019 – aber es ist das Ziel. Darum bin ich beunruhigt darüber, dass dieses Thema heute beredet wird, als sei es eine leichte und coole Sache, das Geschlecht zu wechseln. Aber ich verstehe natürlich gut, warum immer mehr Frauen lieber Männer sein wollen.

Was sagst du zu Radikalfeministinnen, die finden, dass Transfrauen – also männlich Geborene und jetzt weiblich Lebende – in Frauenräumen nichts zu suchen haben?

Ich sehe diesen Ausschluss kritisch, das habe ich ja schon 1984 geschrieben. Aber ich finde es gleichzeitig problematisch, dass von vielen ihr bisheriges Leben einfach geleugnet wird. Das beschreibt beispielsweise auch Susan Faludi in ihrem Buch Die Perlenohrringe meines Vaters (im Original: In the Darkroom). Ihr Vater ist im hohen Alter eine Frau geworden, und sie spürt dem Warum nach. Transsexuelle Frauen haben Jahrzehnte als Mann gelebt. Ich rede nicht von Biologie und nicht vom subjektiven Empfinden; ich rede von Prägung und Realität. Ein transsexueller Mensch, ob er will oder nicht, hat am Ende seiner Strecke beide Erfahrungen. Das ist eigentlich total spannend und muss nicht geleugnet werden.

Kommen wir zu den lesbischen Themen. Obwohl du schon Mitte der 70er Jahren Beziehungen zu Frauen hattest, hast du erst 2011 mit deiner Autobiografie Lebenslauf Stellung dazu genommen. Warum?

Ich konnte ja schwer sagen: Ich bin lesbisch. Das entspricht nicht meiner Lebensrealität. Als ich Mitte der 70er nach Berlin kam, hatte ich zuvor eine 10-jährige Beziehung mit einem Mann. Mit ihm war ich bis zu seinem Tod eng befreundet, er war kein Umweg oder Irrtum. Ich nutze die Gelegenheit, in L-MAG zu gestehen: Ich habe erst durch die Frauenbewegung entdeckt, dass man auch Frauen lieben kann. In meiner Arbeit hat sich immer mein Denken und Leben gespiegelt. Aber privat gab es für mich keinen Anlass zu Bekenntnissen. Ich habe als sehr öffentlicher Mensch ein starkes Bedürfnis nach Privatheit und Diskretion. Bis zum Lebenslauf hatte ich ja auch nicht über meinen Lebensgefährten geredet, meinen Platz dazwischen. Ich tauge also nicht als Frontfrau für Lesben. Eher als Frontfrau für heterosexuell lebende Frauen, die die Frauen entdecken.

Definierst du dich als Lesbe?

Nein! Das wäre Hochstapelei. Ich stehe jedoch uneingeschränkt dazu, dass ich seit über dreißig Jahren mit meiner Lebensgefährtin zusammen bin. Daraus habe ich in meinem persönlichen Umfeld auch noch nie ein Geheimnis gemacht.

Das komplette Interview mit Alice Schwarzer steht in der neuen Ausgabe der L-MAG, ab 28. Juni am Kiosk oder hier erhältlich.

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