Alice Schwarzer stellt „EMMA“ ein: „Wir sind ermattet“
Alice Schwarzer verkündet das Aus von EMMA nach 50 Jahren - aus „Ermattung“, wie die streitbare Herausgeberin sagt. Trotz ihrer stark umstrittenen Ansichten, etwa zur Transidentität, sind auch die Verdienste der feministischen Zeitschrift zu würdigen.
Von Karin Schupp
22.10.2026 - Am 26. Januar 1977 erschien die EMMA zum ersten Mal und mischte damit die männliche dominierte Medienlandschaft auf - und gestern gab die Herausgeberin Alice Schwarzer bekannt, dass sie die feministische Zeitschrift einstellt. Nach 50 Jahren und 398 Ausgaben erscheint am 8. Dezember die letzte Ausgabe.
„Wir gehen nicht aus ökonomischen Gründen“, schreibt Schwarzer in einer Pressemitteilung. „Sicher, auch unsere Auflage sinkt. Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben. Und ein finanzielles Polster schützt uns.“ Der Grund für das Aus sei „Ermattung“: „Wir gehen, weil wir meinen: Es reicht! EMMA hat über drei Feministinnen-Generationen die Stellung gehalten, hat allen Moden widerstanden und gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus Stellung bezogen. Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.“ Unklar bleibt, ob sie mit „wir“ vor allem sich selbst meint. Aber in der ZEIT ergänzte die 83-Jährige, dass die aktuelle Chefredakteurin die Zeitschrift verlassen wolle und sie keine Nachfolgerin gefunden habe.
Setze Themen auf die Agenda, die zuvor nicht diskutiert wurden
EMMA – der Name spielt auf das Wort „Emanzipation“ an – war immer wirtschaftlich unabhängig und eine wichtige Stimme des Feminismus in Deutschland. Die Zeitschrift setzte Themen auf die Agenda, die zuvor in der breiten Öffentlichkeit nicht diskutiert wurden, etwa das Recht auf Abtreibung, Ehegattensplitting und „Hausfrauenehe“, Genitalverstümmelung und Frauengesundheit.
Seit Jahren sinkt ihre Auflage jedoch kontinuierlich. Von anfangs 200.000 blieben zuletzt rund 25.000 Exemplare und – wie Schwarzer im ZEIT-Interview erwähnte - rund 15.000 Abonnent:innen übrig.
Daran dürfte nicht nur der allgemeine Niedergang der Printmedien, sondern auch die vom Heft und ihr selbst vertretenen feministischen und politischen Ansichten verantwortlich sein - denn EMMA und Schwarzer sind untrennbar miteinander verbunden. So erklärte sie 2024, dass jede fünfte Leserin aus Protest ihr Abo gekündigt habe, nachdem sie sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen hatte.
Streitbar und früh schon aus den eigenen Reihen angegriffen
Streitbar war Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin schon immer. War sie anfangs vor allem das Feindbild und Spottobjekt des konservativen Mainstreams, wurde sie schon früh auch aus den eigenen Reihen angegriffen. So grenzten sich schon in der 1980ern sexpositive Feministinnen von ihr ab und kritisierten ihre strikte Ablehnung von Pornografie, Prostitution und sadomasoschistischen Beziehungen.
In den letzten Jahren kam der Vorwurf hinzu, sich nur für weiße, privilegierte cis Frauen einzusetzen und mit ihrer Ablehnung des islamischen Kopftuchs rechten Kräften in die Karten zu spielen.
Von der queerfeministischen Community abgelehnt
Und spätestens wegen ihrer stark umstrittenen Einstellung zur Transidentität wird sie in der (queer)feministischen Community der Gegenwart meist abgelehnt oder spielt zumindest keinerlei Rolle mehr - Schwarzer who? Obwohl Schwarzer selbst bisexuell ist (was sie erst 2011 bestätigte; 2018 heiratete sie die Fotografin Bettina Flitner), spielten queere Themen in der EMMA nie eine große Rolle - bis auf die Trans-Debatte, der dort viel Platz eingeräumt wird. Auf der Webseite steht dazu: „Aus dem berechtigten Kampf gegen die Diskriminierung transsexueller Menschen - an dessen vorderster Front EMMA seit 1984 steht – ist eine frauenfeindliche Ideologie geworden, die biologische Fakten leugnet.“ Schwarzer selbst lehnt eine rein selbstbestimmte rechtliche Geschlechtszuordnung ab, unterscheidet neben (nur wenigen) „echten“ trans Personen und (vor allem jugendlichen) Opfern eines „Mode-Trends“ und warnt vor vorschnellen medizinischen Eingriffen – beides ist wissenschaftlich nicht belegt.
Für das Bewahren der Historie sorgt das Literaturarchiv in Marbach
Bisher konnte Schwarzer ihre Zeitschrift nicht loslassen - nur Monate nach einem geplanten Generationswechsel 2008 kehrte sie zurück auf den Chefinnensessel -, aber jetzt ist wirklich Schluss: „Ich glaube, jeder versteht, wenn du mit 83 nicht mehr Blattmacherin und Verlegerin sein willst“, sagte sie (ungegendert!) der ZEIT.
Trotz aller Kritik sollten die großen Verdienste von Schwarzer und EMMA für die Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland nicht in Vergessenheit geraten. Für die Bewahren der Historie wird auch das Literaturarchiv in Marbach sorgen: Dort wird das komplette Redaktions-Archiv ab 2029 zugänglich sein.

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