L-Mag

„Anders Amen“: Lesbisch-christliche Shootingstars auf YouTube

Christlich, lesbisch, Landleben: Wie gut das zusammenpasst, zeigen zwei Pastorinnen in ihrem YouTube-Kanal „Anders Amen“. Im L-MAG-Interview erzählen Ellen und Stefanie Radtke, warum das Ganze eine Schnapsidee war und warum sie keine Missionarinnen sind.

EKN Steffi und Ellen Radtke

Von Paula Lochte

8.3.2020 - Sperma im Fahrstuhl. In einem Kryobehälter, der an R2-D2 erinnert. Kurz davor sitzt der Behälter noch angeschnallt auf der Autorückbank: „Wir mussten den gerade selber abholen, weil die nicht express geliefert haben“, sagt Stefanie Radtke, die am Steuer sitzt. Sie spricht in die Kamera, denn sie nimmt gerade den zweiten Video-Blog ihres Kanals auf – und diesmal dreht sich alles um künstliche Befruchtung.

Stefanie und Ellen Radtke wollen ein Kind. Sie sind verheiratet, „im verflixten siebten Jahr“, wie sie selbst sagen. Kennengelernt haben sie sich im Theologiestudium. Denn sie sind Pastorinnen: Ellen arbeitet für die Landeskirche in Hannover, Stefanie betreut eine Gemeinde im nahegelegenen Eime, einem 2.800-Einwohner-Dorf, wo die beiden auch wohnen. Seit Ende Januar machen sie einen eigenen YouTube-Kanal über ihr Leben. Mehrere Tausend haben „Anders Amen“ bereits abonniert. Die Radtkes sind so etwas wie lesbisch-christliche Shootingstars.

Ärger über die christlich-konservativen Hardliner auf Youtube

Angefangen hat das Ganze auf einem Sektempfang. „Wenn wir sagen Schnapsidee, dann ist da schon etwas dran“, sagt Ellen im Interview mit L-MAG. „Es war Sekt im Spiel.“ Im Herbst 2019 war das, die evangelische Kirche hatte zu einer Feier eingeladen. Schon länger hatten sich Ellen und Stefanie Radtke geärgert, dass vor allem konservative Hardliner das religiöse Gesicht von YouTube prägen: Enthaltsamkeit und Ablehnung von Homosexualität inklusive - „eigentlich eine Minderheit in der Kirche.“

Darüber redeten die beiden an jenem Herbstabend mit Leuten vom EKD, dem Evangelischen Kirchenfunk Niedersachen-Bremen. „Wir haben den ganzen Abend lang rumgesponnen“, erinnert sich Ellen. Am nächsten Morgen war auf einmal eine E-Mail in ihrem Postfach. Wie es denn aussehe, heute, im nüchternen Zustand: „Könntet ihr euch vorstellen, daraus tatsächlich etwas zu machen?“ Sie konnten. „Die haben das technische Know-how und wir den Content“, sagt Stefanie. „Wir wollten nicht nur meckern, sondern auch selbst etwas tun“, sagt Ellen.

Das Dorf verteidigt seine Pastorinnen gegen Hasskommentare

Von Konfi-Unterricht bis Kinderwunschklinik – seitdem zeigen Ellen und Stefanie auf YouTube ihren Alltag. Jeden Mittwoch erscheint eine neue Folge. Neben Video-Blogs sind das Studiotalks: Am Tresen reden sie dann miteinander oder mit Gästen über Religion und Homosexualität. „Queer und Kirche ist überhaupt gar kein Problem“, sagt Ellen dann zum Beispiel. Und Stefanie widerspricht: „So easy ist es auch nicht.“

Auf ihren Kanal erhalten die beiden sehr unterschiedliche Reaktionen. Einerseits sind da die Hasskommentare von Fundamentalisten und Rechtspopulisten. Es sei erschreckend zu beobachten, wie unsere Gesellschaft nach rechts rückt. „Das macht uns Sorgen“, sagt Stefanie. Doch auf diese Kommentare seien sie vorbereitet gewesen. Der Kirchenfunk halte ihnen den Rücken frei. „Wenn es um uns geht, halten wir das aus“, sagt Ellen. Anders sei es mit Hetze gegen ihr geplantes Kind: „Das ist schwer zu ertragen.“

Auf der anderen Seite reagieren die Leute sehr positiv auf „Anders Amen“. Der Kanal ist zu einem Gemeindeprojekt geworden: Konfirmanden übernehmen die Kamera, und das Dorf verteidigt online seine beiden lesbischen Pastorinnen.

Wiedergutmachung an queeren Menschen

Auch hunderte Kilometer entfernt wird gelikt, kommentiert und abonniert. Viele bedanken sich – einige schütten sogar ihr Herz aus. „Mit manchen ist sowas wie eine Brieffreundschaft entstanden“, erzählt Ellen. Die beiden wollen kirchliche Ansprechpartnerinnen für queere Menschen sein. Virtuelle Seelsorgerinnen; missionieren wollen sie nicht. Die Kirche habe über Jahrhunderte queere Menschen ausgegrenzt. „Was wir machen ist eher Wiedergutmachung als Mission“, sagt Stefanie.

Vor allem junge LGBTQ soll „Anders Amen“ erreichen: „Leute, deren Eltern oder Großeltern vielleicht religiös sind, die aber selber nicht das Glaubensbekenntnis herunterbeten können“, sagt Ellen. Ihnen wollen sie zeigen, wie sich Kirche in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Dabei hinterfragen sie nicht nur Stereotype und Vorurteile über die Kirche – sondern auch in der Kirche. Denn die unterstützt zwar den Kanal, „sie hat uns aber nicht vorgeschickt, um im queeren Becken zu fischen“, betont Stefanie. Und so zittere der Kirchenfunk vor jeder neuen Folge: „Oh Gott, was denken sich die Radtkes jetzt schon wieder aus!“

Zum Kanal „Anders Amen“ geht’s hier, neue Folgen jeden Mittwoch.

 

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