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Auf den ersten Blick

Umkreisen, vorsichtige Fragen und sehnsüchtige Blicke - "Carol" erzählt die Liebesgeschichte zweier ungleicher Frauen in den 1950er Jahren. Am Donnerstag kommt der wunderbare Lesbenfilm mit Cate Blanchett und Rooney Mara endlich in die deutschen Kinos.

Foto: Number 9 Films/ Wilson Webb

Von Karin Schupp

l-mag.de, 13.12.2015 - New York, Anfang der 1950er Jahre, Vorweihnachtszeit in der Spielzeugabteilung eines Kaufhauses. Mitten im Getümmel bahnt sich eine elegante Dame den Weg zu einer jungen Verkäuferin, um sich von ihr beraten zu lassen - und schon ist es um die schüchterne Therese (Rooney Mara) geschehen. Zum Glück bietet sich die Gelegenheit für ein Wiedersehen: Carol (Cate Blanchett) hat ihre Handschuhe vergessen. So beginnt die Lovestory zwischen den beiden so unterschiedlichen Frauen, und spätestens bei ihrem ersten Treffen zum Mittagessen - bei Martini und Zigaretten, wie sich das gehört - ist man in die Geschichte und die Zeit eingetaucht, in der das homosexuelle Liebeswerben vorsichtiger und die Sprache codierter war.

Wie sich Carol und Therese langsam einander annähern...

Wie schon in „Dem Himmel so fern“ (2002) gelingt es dem schwulen Regisseur Todd Haynes meisterhaft, die Atmosphäre der Fünfziger Jahre in Technicolor, Ausstattung und Musik wiederaufleben zu lassen, ohne dabei betulich oder museumshaft zu wirken. Man lässt sich auf das Tempo ein und schaut gerne dabei zu, wie sich Carol und Therese langsam umkreisen und einander annähern, mit vorsichtigen Fragen nach eventuellen Männern in ihrem Leben, subtilen Bemerkungen und Blicken, immer wieder Blicken. (Und ja: Sex gibt es auch!)

Patricia Highsmiths Roman von 1952 (dt. Titel: „Carol oder Salz und sein Preis“), der dem Film zugrunde liegt, wurde als erste lesbische Liebesgeschichte berühmt, die nicht mit Tod und Verderben endet, bleibt aber nah an der damaligen Realität. Carol, die in Scheidung lebt, droht das Sorgerecht für ihr Kind zu verlieren, weil sie lesbisch ist - ein Wort, das allerdings nie ausgesprochen wird! -, und es ist klar, dass sie außer von ihrer Ex-Geliebten Abby (gespielt von der bisexuellen Schauspielerin Sarah Paulson) keine Unterstützung zu erwarten hat. Und wenn Carol einer angewiderter Männerrunde erklärt, dass sie sich von ihnen ihr Leben nicht verbieten lasse, ist das eben das „Ich bin lesbisch, und das ist auch gut so!“ ihrer Zeit.

Cate Blanchett hätte Patricia Highsmith wohl gefallen...

Highsmith (1921-1995), die Therese als ihr Alter Ego schuf und Carol auf einer ihrer Ex-Loverinnen basierte, hasste bekanntlich alle Verfilmungen ihrer Bücher. An „Carol“ hätte ihr aber zumindest eines gefallen, wie Phyllis Nagy, die lesbische Drehbuchautorin des Films und langjährige Freundin der Autorin, dem Guardian sagte: „Sie wird gedacht haben: ‚Cate Blanchett! Yeah! Das ist meine Carol!’” Und „Yeah! Rooney Mara!“ möchte man hinzufügen, denn beide Schauspielerinnen haben für ihre wunderbare Darstellung einen Oscar verdient (für den Golden Globe wurden beide bereits nominiert). Wir mussten bis Dezember darauf warten, aber jetzt ist er da: der Film des Jahres!

Carol, GB/ USA 2015, Regie: Todd Haynes, mit Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, 118 min., ab 17. Dez. im Kino, noch bis Donnerstag in der L-Filmnacht

Lest in der neuen Ausgabe der L-MAG - ab 18. Dez. am Kiosk - unsere Interviews mit Rooney Mara und Todd Haynes.

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