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Bahnbrechend, schön, besonders? Bedeutende Frauen (besser) kennen lernen - Teil 2

Frauen werden in der Geschichtsschreibung oft ignoriert - das wollen neue Kurzbiografie-Sammlungen ändern. Wir werfen einen Blick auf diesen Trend und und stellen Bücher aus dem internationalen Markt vor, die wir uns in deutscher Übersetzung wünschen.

David Shankbone, CC-BY/ PD/ PD Joan Jett, Marie Curie, Ada Lovelace (v.l.n.r.)

Von Simone Veenstra

7.6.2018 - Kurzbiografie-Sammlungen über bemerkenswerte Frauen erleben einen neuen Trend – woher kommt’s, und ist das nötig? Das fragten wir uns in Teil 1 und stellten zwei interessante Bücher vor, die kürzlich in Deutschland erschienen sind. Wesentlich mehr solcher Anthologien lassen sich im englischsprachigen Markt finden und sind leider noch nicht übersetzt. Vier dieser Titel plus einen Podcast stellen wir hier vor.

Penguin

Erstaunliche Geschichten von Frauen im Weltall

„Ich will zum Mars reisen, haben Sie dazu ein Buch?“, fragt das Mädchen im Kurzfilm zu „Rebel Girls“ (siehe Teil 1). Ja, hier: es heißt "Galaxy of her Own" mit fünfzig „erstaunlichen Geschichten über Frauen im All“ (so der Untertitel).

Dass die britische Physikerin und Weltraum-Expertin Libby Jackson weiß, wovon sie schreibt, wird nicht nur in den von verschiedenen Künstlerinnen illustrierten Kurzbiografien (jeweils eine Seite Text, eine Seite Bild) deutlich, sondern auch darin, dass zunächst ein sehr erhellender und nachvollziehbarer Zeitstrahl eine Einordnung liefert, auf den während des Lesens immer wieder zurückgegriffen werden kann.

Das Buch bemüht sich stets auch Schlaglichter darauf zu werfen, wie schwer der Weg für Frauen in diesen Wissenschaftsbereich war. So beginnt der Text über Mathematikerin und Physikerin Émilie du Châtelet mit dem Satz „Sie wurde in ein Zeitalter geboren, in dem es Frauen nicht erlaubt war, Bibliotheken zu besuchen, ganz zu schweigen, Wissenschaften zu studieren.“

Immer wieder wird herausgestellt, wie lange die Weltraumforschung vornehmlich weißen Männern vorenthalten war und wie sich dies nur langsam änderte. Unter anderem dank Frauen wie der Mathematikerin und Physikerin Katherine Johnson oder der Raumfahrtingenieurin Mary Jackson, die gegen  Vorurteile ihrem Geschlecht und auch ihrer Hautfarbe gegenüber ankämpfen mussten.

L-MAG findet: Sehr erhellend, gut strukturiert und voller interessanter Informationen.

Ten Speed Press

Pionierinnen in den Wissenschaften

Auch die Illustratorin und Autorin Rachel Ignotofsky widmet sich Wissenschaftlerinnen mit „Women in Science – 50 fearles pioneers who changed the world“ (Frauen in den Wissenschaften – 50 unerschrockene Pionierinnen, die die Welt veränderten). Interessant dabei ist die Gestaltung: Auch hier werden Chemikerinnen, Mathematikerinnen, Zoologinnen, Astronautinnen oder Biologinnen auf Doppelseiten vorgestellt, allerdings mit einer Vielzahl Piktogrammen, die über den Fließtext hinaus weitere Details erklären. Immer wieder unterbrochen werden die Biografien von Übersichten: Es gibt illustrierte Statistiken wie einen Zeitstrahl oder Laborgeräte mit Erklärungen.

Alles in allem eine sehr lockere Art und Weise die hier Portraitierten vorzustellen, unterstützt von einer kleinen Galerie weiterer spannender Frauen, einem Glossar und einer Filmo- und Bibliografie für alle, die mehr wissen wollen.

Und im Fazit macht Ignotofsky ganz klar, worum es ihr geht: „Frauen machen die Hälfte unserer Bevölkerung aus“, schreibt sie. „Diese Intelligenz und Leistung können wir uns gar nicht leisten zu ignorieren.“

L-MAG findet: Knapp, nett und zeichnerisch wunderbar eigen.

Chronicle Books

Bad Girls in der Geschichte

Die amerikanische Autorin und Illustratorin Ann Shen fasst „100 außergewöhnliche Frauen, die die Welt veränderten“ unter dem eher reißerischen Titel „Bad Girls Throughout History“ (=Böse Mädchen der Geschichte) zusammen. Auch sie setzt auf einer Doppelseite manchmal mehr, manchmal nur sehr wenige Zeilen Text neben eine große Illustration und am Ende des Buches eine ausführliche Bibliografie zum Weiterlesen.

Ihre Kurzbiografien sind zeitlich geordnet. Sie beginnen mit Lilith, jener mythologischen Göttin, die in einigen Schriften als Adams erste Frau gilt, diesen jedoch im Garten Eden zurückließ, und enden mit der pakistanischen Aktivistin und Friedensnobelträgerin Malala Yousafzai (*1997), die sich in ihrem Blog gegen die Zerstörung von Schulen und die Einschränkungen für Mädchen aussprach und deswegen beinahe einem Attentat zum Opfer fiel.

Dazwischen finden sich beispielsweise die britische Mathematikerin und Erfinderin des Computers Ada Lovelace, die Chemikerin Marie Curie, die Rockmusikerin Joan Jett und Tina Fey, Schauspielerin, Drehbuchautorin und erste weibliche Chefautorin der Comedyshow Saturday Night Live.

Die Textlängen variieren allerdings sehr stark und werden den zusammengestellten Frauen nicht immer gerecht. Dazu kommen all jene Bezeichnungen und Sätze, die schleichend das unterlaufen, was das Buch ja angeblich will: nämlich sich auf die Frauen zu konzentrieren. So werden einige der Portraitierten als Ehefrau eines (scheinbar wichtigeren?) Mannes oder als „First Lady“ (wie bei Bürgerrechtlerin Coretta Scott King) betitelt, und bei der Komödiantin Phyllis Diller wird in den gerade mal 18 Zeilen sogar extra darauf verwiesen, dass sie von ihrem Ehemann zu ihrer Karriere ermuntert werden musste.

L-MAG findet: Mehr knappe Zusammenfassung als wirklich inspirierende Frauenbiografien.

HMH Books

Scheibenwischer und andere wichtige Erfindungen von Frauen

Autorin Catherine Thimmesh und Illustratorin Melissa Sweet listen in „Girls Think of Everything“ über 120 Erfinderinnen auf, deren Erfindungen unser Leben berühren und leichter machen – vom Jahr 3000 vor Christus bis 1995. Ausführlicher vorgestellt werden 12 Frauen auf jeweils rund vier Seiten, in denen sich Fließtext und Illustrationen abwechseln.

Das Vorwort macht klar: Schon bei deiner Geburt entscheidet sich dein Lebensweg, je nachdem, ob du ein Junge oder Mädchen bist. Und das ist nur der Anfang. In wenigen Worten wird ein kleiner, persönlich gefärbter historischer Abriss gegeben. Es geht um Patente und die Tatsache, dass Frauen lange Zeit keine anmelden durften. 

Etwas ungünstig mag es anmuten, dass es nach vier feurigen Seiten darüber, wie Frauen in sämtliche Bereiche vordringen, in der ersten Kurzbiografie ausgerechnet um die Erfindung des Schoko-Chip-Kekses geht. Sehr viel hausfräulicher kann es kaum werden. Doch wer darüber hinwegsieht, liest als nächstes über Mary Anderson, die Erfinderin der Scheibenwischer, Stephanie Kwolek, die die Kunstfaser Kevlar erfand, oder Computerlinguistin Grace Murray Hopper. Frauen, die wir kaum woanders fanden!

L-MAG findet: Kreative Auswahl, interessant umgesetzt, klein aber fein.

 

Unterschiedliche Rollenmodelle für Mädchen und junge Frauen

Bücher über Frauen, ihre Lebenswege, ihre Erfindungen, Kreationen, ihren Einsatz und ihre Bedeutung gerade für ein jüngeres Publikum sind also auf dem Vormarsch. Und sicher ziehen deutsche Verlage bald nach und veröffentlichen weitere in Übersetzung. Das ist wichtig für die Sichtbarkeit jener, die lange Zeit vernachlässigt wurden. Für Mädchen und Teenagerinnen kann es nur vorteilhaft sein, wenn möglichst viele unterschiedliche Rollenmodelle auch ein breiteres Selbstverständnis ermöglichen. Eines, das sich von den gegenderten Überraschungseiern, Spielzeugen, Schulkursen und Erwartungen befreit.

Mehr sexuelle Vielfalt, weniger weibliche Stereotypen

Und doch gibt es auch hier noch einiges zu tun und zu beachten. So wünschen wir von L-MAG uns mehr LGBT*-Lebensentwürfe, über die ganz selbstverständlich berichtet wird.

Aber vor allem geht es um die Sprache, in der sich immer wieder Formulierungen einschleichen, die – vermutlich unbewusst – doch wieder Stereotypen zementieren. Muss wirklich zwangsläufig bei fast jeder Frau auch einen Bezug zum Ehemann gelegt werden? Vor allem, wenn zugleich lesbische Beziehungen ausgespart werden. Muss in den wenigen Zeilen wirklich stehen, dass sich nach der Heirat erst einmal „natürlich“ um die Kinder und Familie gekümmert wurde? Dass der Gatte wohlwollend die Karriere seiner Frau unterstützte?

DFID, CC-BY/ PD/ PD Malala Yousafzai, Grace Hopper, Lilith (v.l.n.r.)

Ist das nicht ähnlich schwierig, wie Bezeichnungen wie „weiblich“, „hübsch“, „gutaussehend“, die klingen, als müsste gerade im Angesicht von Erfolgen und Karrieren explizit darauf hingewiesen werden, dass Frauen in erster Linie eben Frauen sind und bleiben. Als erstes also ihrer Rolle als schönes Geschlecht gerecht werden: nett anzusehen zu sein. Und damit automatisch Objekt statt eigenständig handelndes und unabhängiges Subjekt, keine ernstzunehmende Bedrohung oder gar Konkurrenz für jene, die aktuell an der Macht sitzen – zu großen Prozentsätzen Männer.

Bei wie vielen Männern wird der Einfluss ihrer Frauen betont?

Drehen wir den Spieß doch einmal um: In wie vielen Kurztexten über Männer steht, dass der Zuspruch seiner Ehefrau seine Karriere einstartete? Dass sie ihn ermunterte zu trainieren, in die Politik zu gehen, sein Foto bei einer Schauspielagentur einzureichen? Und wer schreibt schon so etwas wie: Er war Chemiker und trotzdem männlich?

Und dann noch etwas: Gerade jene Sammlungen, die sich nicht auf einige wenige Lebenswege konzentrieren, sondern in Kürze 50, 100 oder mehr Frauen vorstellen, landen oft bei denselben Namen. Das kann positive Auswirkungen haben – immerhin lernen wir durch Wiederholung, und wer das fünfte Mal über Marie Curie, Frida Kahlo oder Helen Keller liest, wird diese nicht so schnell vergessen. Allerdings machen sich nur einige der Autorinnen und Autoren auch die Mühe, etwas tiefer zu graben, um ein neues, interessantes Licht auf den Lebensweg, den Charakter und vor allem die Überzeugungen der Portraitierten zu werfen.

"Dead Ladies" live und im Podcast

Wer Interesse hat, auch einmal unbekanntere Frauen kennenzulernen oder einen ungewöhnlich tiefen und besonderen Einblick zu erhalten, der sei die „Dead Ladies Show“ in Berlin ans Herz gelegt. Alle zwei Monate findet die Veranstaltungsreihe mit Diavorträgen auf Englisch und Deutsch im Berliner ACUD statt und stellt inzwischen verstorbene (und oft vergessene) Frauen vor. Denn, wie Übersetzerin Katy Derbishire, neben Autor und Übersetzer Florian Duijsens, Organisatorin der Reihe findet: „Die Lebenden können ja für sich selbst sprechen.“

Das Motto „Frauen feiern, die fabelhaft waren, während sie lebten“, gilt auch für den "Dead Ladies"-Podcast der Produzentin Susan Stone, in dem etliche der Vorträge nachgehört werden können – leider nur auf Englisch.

Es gibt noch unglaublich viele Frauen zu entdecken

Was also entnehmen wir diesem neuen Interesse und dem erstarkenden Fokus auf bahnbrechende Frauen? Dass Gleichberechtigung und Gleichstellung nun einmal nicht von selbst geschieht. Dass der Weg dorthin ein langer ist, vielleicht sogar einer, der nie wirklich ein Ende hat. Dass es nur guttun kann, immer wieder darauf hinzuweisen, wie viel Frauen bewegen und wie wenig davon im generellen Bewusstsein verankert ist.

Aber es ist auch ein Zeichen, dass sich gleichzeitig viele Autorinnen ganz unterschiedlicher Nationalitäten kreativ, wissenschaftlich und mit Unterstützung vieler weiterer Frauen – Künstlerinnen, Lektorinnen, Verlegerinnen – und Männer in dieses Thema vertiefen. So wie auch das Interesse des Publikums rund um die Welt deutlich zeigt: Das Thema selbst ist auf dem Vormarsch. Endlich. Und zum Glück. Denn es gibt noch unglaublich viele Frauen neu und wieder zu entdecken. Und vor allem gilt es, sie nicht wieder in Vergessenheit versinken zu lassen.

Lest auch Teil 1: "Furchtlos, eigensinnig, stark? Bedeutende Frauen der Weltgeschichte (besser) kennen lernen"

Simone Veenstra war früher L-MAG-Redakteurin und schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene und Drehbücher. Mehr über sie und ihren aktuellen Roman „Sind dann mal weg" erfahrt ihr auf ihrer Webseite.

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