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"Colette": Eine Frau will mehr (und kümmert sich nicht um das Jahrhundert, in dem sie lebt)

In „Colette“ spielt Keira Knightley die bisexuelle Autorin, die sich nicht um gesellschaftliche Normen scherte und viele Tabus brach. Keine heterosexualisierte Schmonzette, aber leider viel braver, als es seine Hauptfigur je war. Wir verlosen Tickets!

DCM Colette (Keira Knightley, r.) und Missy (Denise Gough)

Von Karin Schupp

3.1.2019 - Sidonie-Gabrielle Colette (1873-1954) war nicht nur eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs, sondern auch eine Art queere und feministische Influencerin ihrer Zeit, deren Leben auch nach heutigen Maßstäben noch als unkonventionell gelten würde.

Sie war drei Mal verheiratet, führte mit ihrem ersten Mann eine offene Ehe, lebte offen bisexuell, war Varietékünstlerin und Journalistin, schrieb dreißig Romane und mit "Claudine erwacht" eine der ersten lesbischen Liebesgeschichten. In ihrer Heimat sorgte sie immer wieder für moralische Entrüstung und war dennoch die erste Frau Frankreichs, die ein Staatsbegräbnis bekam.

Dass Colettes spannendes Leben erst jetzt verfilmt wurde, liegt ohne Zweifel daran, dass sie eine Frau war - denn dass sich auch weibliche Persönlichkeiten für Lebensverfilmungen eignen, ist in der Filmbranche bekanntlich erst kürzlich angekommen.

Keine Schmonzette mit heterosexualisierter Hauptfigur

Und da sich mit Wash Westmoreland (Still Alice) ein schwuler Regisseur, der das Drehbuch zusammen mit seinem (2015 verstorbenen) Mann Richard Glatzer schrieb, und die lesbische Power-Produzentin Christine Vachon (Carol) des Themas annahmen, war erfreulicherweise sicher gestellt, dass der Film keine Schmonzette mit heterosexualisierter Hauptfigur werden würde - zumal sie von Keira Knightley gespielt wird. Wer sich darauf freut zu sehen, wie die Britin Frauen küsst, wird nicht enttäuscht werden!

Colette stellt, wie heute in Biopics üblich, eine wichtige Phase aus ihrer Biografie in den Mittelpunkt: Mit gerade mal 20 heiratet die brave, junge Frau vom Lande (Knightley) den deutlich älteren Schrifsteller Henry Gauthier-Villars (Dominic West) und zieht zu ihm nach Paris.

Gauthier-Villars hat es unter dem Pseudonym „Willy“ zu einigem Erfolg gebracht, verbringt aber seine Zeit lieber in den literarischen Avantgarde-Salons der Stadt und lässt seine Bücher von Ghostwritern schreiben. Als er Sidonies Talent entdeckt, engagiert er auch sie für diesen Job und wird dank ihrer autobiografisch angehauchten und sexuell freizügigen „Claudine“-Romane zum gefeierten Bestseller-Autor.

Von der Landpomeranze zur selbstbewussten bisexuellen Frau

Es dauert eine Weile, bis sich Colette das berufliche und private Treiben ihres Mannes nicht mehr länger mit ansieht und ihn vor einer seiner Geliebten zur Rede stellt.

Erst jetzt nimmt der bis dahin eher behäbige Film an Fahrt auf, Colette wird selbstbewusster und lebt – mit Henrys Wissen - ihre Bisexualität, zunächst mit der reichen Amerikanerin Georgie Raoul-Duval (Eleanor Tomlinson), die auch mit Henry eine Affäre beginnt (Colette verarbeitete die Story später in „Claudine en ménage“), dann mit Missy de Morny (toll: Denise Gough), die nur Männerkleidung trägt und das männliche Pronomen vorzieht*, die ihre dauerhafte Gefährtin wird.

Colette (l.) und Missy de Morny, um 1910

Und auch was die Urheberrechte an ihrem erfolgreichen Werk angeht – immerhin geht es um Renommee, Identität und nicht zuletzt um Geld – wird sie fordernder. Bis Colette schließlich in Anzug und Krawatte vor Henry steht, und diesem nichtsnutzigen Hallodri endlich klar wird, dass seine Rolle in der Welt einzig und allein die war, einer großen Schriftstellerin Starthilfe zu geben.

Unterhaltsam, aber zu altmodisch und glatt

Colette ist eine solide erzählte Emanzipationsgeschichte mit einer glänzenden Keira Knightley, verschenkt aber leider viel Potenzial. Ein typischer ZDF-Film mit Hannah Herzsprung wäre wohl nicht viel anders geraten – durchaus unterhaltsam, aber vor allem angesichts seines tabubrechenden Sujets zu altmodisch und glatt inszeniert. Von einem verdienten schwulen Independent-Regisseur hätte man nun doch mehr Ecken und Kanten erwartet.

Es ist eben sehr konventionell, ausgerechnet Colettes erste Ehe und damit so stark Henry Gauthier-Villars in den Fokus zu stellen, auch wenn der – zum Teil unfreiwillig - einen wichtigen Anteil an ihrer Entwicklung hatte. Interessanter hätte die Frage sein können, wie sich eine Frau im frühen 20. Jahrhundert nach so radikalen Befreiung behauptete.

Selten war ein Leben in der Realität so viel spannender als im Film

So richtig spannend wurde Colettes Leben nämlich tatsächlich erst nach ihrer Trennung 1906: Verarmt tingelte sie als Pantomimin durch Varietés, lebte eine Weile mit der lesbischen US-Autorin Natalie Clifford Barney zusammen, hatte eine Affäre mit Josephine Baker und eine sechsjährige Beziehung mit Missy de Morny (um nur die ersten Jahre knapp zusammenzufassen).

Ihr Kuss mit Missy auf einer Bühne in Paris 1907, der für einen veritablen Skandal sorgte (danach konnten die beiden nicht mehr offen als Paar auftreten), kommt im Film zwar vor, aber noch während ihrer Ehe, sodass die Situation eher frivol denn brisant wirkt.

„Was für ein herrliches Leben hatte ich! Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt“, schrieb Sidonie-Gabrielle Colette einmal. Für den Film Colette gilt: Hätten Westmoreland nur bemerkt, dass ihr herrliches Leben noch so viel mehr und interessanteren Stoff hergegeben hätte!

Colette (GB/ USA, 2018), Regie: Wash Westmoreland, Buch: W. Westmoreland/ Richard Glatzer, mit Keira Knightley, Dominic West, Denise Gough, Eleanor Tomlinson, Fiona Shaw u.a., 111 Min., Kinostart: 3. Januar

 

Verlosung: Wir verlosen 2x2 Kino-Tickets für Colette  in einem Kino eurer Wahl und 2x das Buch „Frauen“ von Sidonie-Gabrielle Colette – hier teilnehmen.

Lest im aktuellen L-MAG unser Interview wit Wash Westmoreland und Denise Gough (auf diesen Wegen erhältlich)

* Mathilde „Missy“ de Morny (1863-1944) wird gemeinhin und auch im Film als lesbisch dargestellt, aber da „Max“ bzw. „Monsieur de Marquis“ (weitere Pseudonyme) sich - zumindest laut dieser Quelle – die Brüste und die Gebärmutter entfernen ließ, würde man heute sicherlich von transgender sprechen.

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