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CSD adé: Ein Sommer ohne Happy Pride?

Trotz Lockerungen der Corona-Ausgangsbeschränkungen werden bis Ende August wohl keine CSDs und Dyke* Marches stattfinden. Was heißt das für die Community? Digitale Demos? CSD auf der Couch? Pride-Paraden im Herbst?

Flamboyaneiro/ CC-BY-NC-ND Ohne 1,50 m-Mindestabstand: CSD München 2018

Von Dana Müller

20.4.2020 - Keine Großveranstaltungen bis zum 31. August - das haben Bund und Länder am letzten Mittwoch gemeinsam beschlossen. Zwar sollen langsam die gravierenden Einschränkungen der letzten Wochen gelockert werden. Doch Angela Merkel warnte auf der Pressekonferenz: „Ich betone: Es ist ein zerbrechlicher Zwischenerfolg. … Wir haben nicht viel Spielraum. Wir müssen ganz konzentriert weitermachen.“

Derzeit liegt in Deutschland die Reproduktionszahl laut Robert-Koch-Institut bei 0,8 (Stand 18.4.). Das heißt eine erkrankte Person steckt im Durchschnitt weniger als eine andere Person an. Deshalb sollen nun schrittweise Schulen geöffnet und die Wirtschaft wieder angekurbelt werden. Im öffentlichen Raum gilt weiterhin ein Abstand von 1,5 Meter zu anderen Personen. Erste Läden sollen wieder öffnen. Ab 4. Mai werden die Kontaktbeschränkungen gelockert. 

„Das Risiko ist einfach zu hoch“

In Berlin versetzte der Regierende Bürgermeister Michael Müller nach einer Sitzung des Senats der Debatte um eine mögliche Lockerungen beim Demonstrations- oder Versammlungsverbot, einen harten Dämpfer: „Das Risiko ist einfach zu hoch.“ In der Sitzung habe das Thema zunächst keine große Rolle gespielt. Zwar sei klar, dass damit Grundrechte eingeschränkt werden, „aber wer nicht bereit ist, Kompromisse mitzutragen, riskiert, dass es am Ende gar keine Lockerung gibt“, so Müller. Morgen tagt der Berliner Senat erneut, um konkrete Strategien zu diskutieren.

In Gießen klagte ein Veranstalter einer Demonstration mit dem Titel „Gesundheit stärken statt Grundrechte schwächen - Schutz vor Viren, nicht vor Menschen“. Die Veranstaltung sollte auf 30 Teilnehmende begrenzt und der Abstand zwischen den Personen eingehalten werden. Dennoch lehnten die Stadt und der hessischen Verwaltungsgerichtsho ab. Doch nun hob das Bundesverfassungsgericht die Entscheidung mit der Begründung auf: Generelle Verbote deckt die hessische Verordnung zu Corona nicht ab, der Einzellfall müsse geprüft werden.

CSD-Absagen weltweit

Ein gigantischer CSD mit Hunderttausenden wie in Köln und Berlin ist 2020 jedenfalls nicht denkbar. „Um dennoch unseren Forderungen nach Gleichberechtigung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Deutschland und weltweit Ausdruck zu verleihen, arbeiten wir an einem Konzept, diese wirkmächtig digital stellen zu können“, erklärte Dana Wetzel, Vorstandsmitglied vom Berliner CSD. Die offizielle Berliner CSD-Lesbenparty Liquid erteilte heute morgen eine Absage. „Viren finden Partys mindestens so geil wie ihr“, hieß es in der Pressemitteilung.

Bereits im März hatten Wien, Zürich und der Europride in Thessaloniki ihre Events verschoben oder abgesagt. Nun müssen sich notgedrungen die meisten anderen deutschen Städte anschließen. Der Kölner CSD verkündet auf seiner Webseite: „Wir als Veranstalter werden auch weiterhin alles uns Mögliche dafür tun, dass alle Besucher*innen sich bei uns sicher und wohl fühlen werden.“ Und München plant nun, wie andere Städte auch, eine „virtuelle Alternative“ der Pride Week. Das voraussichtlich bevorstehende Veranstaltungsverbot für Events ab 1.000 Menschen könnte selbst kleinere CSDs in die Bredouille bringen. Bisher scheinen nur Städte wie Halle (Saale), Cottbus, Gera und Landshut mit ihren Terminen im September außerhalb der Corona-Schussweite zu bleiben. Bleibt am Ende also ein CSD im Herbst?

Eine gestreamte Demo?

Oder wird der Pride 2020 komplett digital? So soll am 27. Juni ein „Global Pride“ unter dem Motto „Exist. Persist. Resist“ (Bestehen. Beharren. Widerstehen) stattfinden. Der CSD Stuttgart hat schon längst eine CSD-App, und viele andere Städte denken nun über virtuelle Angebote nach.

Eine gestreamte Demo? Ob das eine adäquate Lösung ist, wird sich noch zeigen. Zwar können dann theoretisch mehr Menschen weltweit mitmachen (sofern sie die technische Möglichkeitdazu haben), doch gerade in Ländern, wo LGBT vom Staat verfolgt werden, ist der Schritt in die Digitalisierung ein gefährlicher. Noch leichter lassen sich dann empfindliche Daten aller Teilnehmenden sammeln und eventuell gegen sie verwenden.

Noch immer ist in 70 Ländern Homosexualität kriminalisiert, in zwölf Staaten steht sogar die Todesstrafe auf gleichgeschlechtlichen Sex! Was fangen solche Regierungen mit digitalen Pride-Zugängen an? Und wo bleibt die Sichtbarkeit von virtuellen Events? Zieht sich die LGBT-Community 2020 mit ihrem Laptops und Handys zurück auf die häusliche Couch, anstatt wenigstens einmal im Jahr auch der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft ihre Queerness laut, bunt und sichtbar zu zeigen?

Auch die Dyke* Marches sind betroffen

Auch die kleineren, politischeren Dyke* Marches sind von den anhaltenden Einschränkungen betroffen. In Bayern meldeten sich bereits München und Nürnberg von der Saison 2020 ab. Die Dykes* aus Köln vermelden auf Facebook: „Es ist betrüblich (…) Wir machen uns nun auf die Suche nach einer anderen Lösung. Der Dyke* March Berlin sucht noch nach Möglichkeiten, lesbische Sichtbarkeit auf die Straße zu bringen.

Dabei kam die Dyke* March-Bewegung in Deutschland gerade richtig in Schwung: 13 Städte wollten dieses Jahr erstmals an den Start gehen. In New York hoffen die engagierten Dykes noch immer auf einen späteren March in diesem Jahr und unterstützen in der Zwischenzeit Hilfsangebote aus der LGBT-Community durch Vernetzung und Spendenaufrufe. Also lasst uns neue Wege gehen! Denn noch ist das Jahr nicht vorbei und den Kopf in den heteronormativen Treibsand stecken ist keine Alternative!

 

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