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"Der Honiggarten": Grau-braun ist keine warme Farbe

„Der Honiggarten – Das Geheimnis der Bienen“ mit Oscar-Gewinnerin Anna Paquin hat alle Zutaten für einen emotionalen Liebesfilm in einer piefigen schottischen Kleinstadt der 1950er Jahre, hinterlässt aber dennoch gemischte Gefühle. Ab 5. Sept. im Kino.

Capelight Pictures Lydia (Holliday Grainger, l.) und Jean (Anna Paquin)

Von Karin Schupp

4.9.2019 - Eine schottische Kleinstadt, 1952. Lydia (Holliday Grainger, Die Borgias) wurde kürzlich von ihrem Mann verlassen und bringt sich und ihren Sohn Charlie (Gregor Selkirk) mit ihrem Fabrikjob nur mit Ach und Krach durch. Währenddessen kehrt die Ärztin Jean (Anna Paquin, True Blood) nach vielen Jahren in ihr Elternhaus zurück und übernimmt die Praxis ihres verstorbenen Vaters.

Beide sind Außenseiterinnen in ihrem streng katholisch-konservativen Städtchen: Die Solidarität für Lydia, zudem eine „Zugereiste“, hält sich sehr in Grenzen, und über Jean, die als Jugendliche von ihrem Vater rausgeworfen wurde, wird gar nicht mal so leise getuschelt, dass sie eine „Dreckslesbe“ sei.

Die Chemie zwischen Grainger und Paquin stimmt

Lydia lernt Jean über Charlie kennen, der nach einer ärztlichen Behandlung Gefallen an deren Bienenstöcken gefunden hat und zu einem regelmäßigen Gast in Jeans Garten wird. Aus distanzierter Bekanntschaft wird eine Freundschaft - und aus Freundschaft wird mehr, nachdem Mutter und Sohn, inzwischen wohnungslos geworden, bei Jean eingezogen sind.

Die Chemie zwischen Grainger und der bisexuellen Oscar-Gewinnerin Paquin stimmt, die unterdrückten Gefühle ihrer Charaktere, ihre vorsichtige Annäherung und ihr Glück, als sie endlich zueinander finden, sind prickelnd, leidenschaftlich und berührend zugleich.

Homophobe Eskalation statt Honeymoon

Ein langer Honeymoon ist dem verliebten Paar aber trotz ihres Versteckspiels, zu dem vor allem die - aus Erfahrung - panische Jean auch Charlie verdonnert, nicht vergönnt. Allzu schnell tritt Lydias aggressiver Ex (Emun Elliott) auf den Plan, und der Film eskaliert in eine Explosion aus Homophobie, Sexismus und Gewalt, in die - in einer Nebenhandlung - noch eine brutale Zwangsabtreibung hineingemixt wird.

Carol wirkt dagegen geradezu wie eine Romantic Comedy

Das soll keineswegs ein Plädoyer für eine rosarote Liebesschnulze sein, die die harten Realitäten ihrer Zeit ignorant ausblendet. Aber so wenig subtil und holzschnittartig, wie Regisseur Annabel Jankel die Geschichte erzählt, hätte sie nun wirklich nicht sein müssen.

Und auch bei ihrer Inszenierung hätte sie ein paar Schippen runternehmen können: Grau-braun ist eben keine warme Farbe, und der gesamte Film ist so trist, steif und trostlos, dass sich Carol, der im selben Jahr spielt, dagegen geradezu wie eine Romantic Comedy ausmacht.

Autorin der Romanvorlage lobt den Film, kritisiert den Schluss

Dem Film liegt der Roman Der Honiggarten zugrunde (in Deutschland vergriffen), dessen lesbische Autorin Autorin Fiona Shaw (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen lesbischen Schauspielerin) die Kino-Adaption lobte, jedoch öffentlich kritisierte, dass sich das Drehbuch die Freiheit nahm, den Schluss zu ändern. „Ich liebe das Ende nicht“, schrieb sie auf der Webseite The Conversation: Dessen „Bittersüße“ sei nicht in ihrem Sinne und könne nur einer Hetero-Person einfallen.

Fazit: Ein Film, der ein glaubwürdiges Paar und auch sonst alle Zutaten für einen schönen Date-Movie hat, aber wohl aus lauter Angst, allzu gefällig daher zu kommen, die düstere Stimmung zu stark hochfährt und unnötig heftig den Holzhammer schwingt, um seine Botschaft rüberzubringen.

Der Honiggarten – Das Geheimnis der Bienen (OT: Tell It To The Bees), GB 2018, Regie: Annabel Jankel, Buch: Henrietta Ashworth und Jessica Ashworth, mit: Anna Paquin, Holliday Grainger, Gregor Selkirk u.a., 108 min. – Kinostart: 5. Sept. 2019

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