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Europäische Lesbenkonferenz in Kiew: Hass, Liebe und die lesbische Revolution

Trotz homophober Proteste und Bombenalarm endete die European Lesbian* Conference in der Ukraine erfolgreich und mit neuer Energie. Geplant ist jetzt, ein europäisch-mittelasiatisches Lesben-Netzwerk zu gründen.

L-MAG/ Dana Müller

Von Dana Müller

15.4.19 - „Wir sind sehr glücklich über das Ergebnis der Konferenz“, erklärte Mitorganisatorin Dragana Todorovic gegenüber L-MAG. Über 350 Lesben, ein Hotel, vier Tage und jede Menge Diskussionen: Das war die European Lesbian*Conference (EL*C) am vergangenen Wochenende in Kiew. „Wir haben so viele unterschiedliche wichtige Themen wie Diversity, Intersektionalität, Sport, Politik, Veganismus und vieles mehr besprochen“, weiß Dragana zu berichten.

Proteste von Ultrakonservativen und christlichen Frauen

Dabei begann am Donnerstag alles mit jeder Menge Aufregung. Während die L-MAG-Redaktion noch im Flieger nach Kiew saß, gab es in der ukrainischen Hauptstadt bereits erste Proteste gegen eine Lesbenkonferenz im Land (wir berichteten). Ultrakonservative demonstrierten mit Schildern vor dem Hotel und platzierten homophobe Aufkleber am Gebäude, sogar eine Fensterscheibe wurde demoliert.

Am Freitagmorgen stand ab 8 Uhr erneut eine kleine Gruppe von diesmal rund 15 christlichen Frauen aufgereiht vor dem Hotel. Die Besucherinnen der EL*C wurden angewiesen, das Hotel nicht zu verlassen, und während der gesamten Veranstaltung herrschte eine Menge Polizeipräsenz.

So beängstigend das für einige Besucherinnen war, so medial erfolgreich war die Konferenz auch. Als die EL*C 2017 in Wien erstmals stattfand (wir berichteten), gab es keinen solchen Gegenwind. In diesem Jahr aber brachte sogar FOX-News eine kleine Meldung mit der Schlagzeile „Ukrainische Ultra-Rechte sprühen Tränengas auf Lesbentreffen“.

"Notstand von Sexismus und Rassismus"

Superstar der Konferenz war Monica Benicio, die Frau, der vor einem Jahr erschossenen Stadträtin aus Rio de Janeiro Marielle Franco. Die Brasilianerin rief in einer berührenden Rede: „Wir haben einen Notstand von Sexismus und Rassismus. Aber ich fordere die ganze Zeit Gerechtigkeit!“ Und weiter: „Ich hoffe eines Tages werden wir das erreichen!“

Ansonsten gab es jede Menge inhaltsschwerer Workshops und Diskussionen. Wiederkehrende Themen: Rassismus und Transphobie. Von Anfang an hat die EL*C beschlossen mit dem Gendersternchen unterschiedliche Identitäten von Lesben zu integrieren und selbstkritisch über rassistische Strukturen nachzudenken – keine leichte Aufgabe, auch wenn im Orga-Team unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten vertreten sind.

Unterstützt wurde das EL*C-Team von der örtlichen LGBT-Organisation Insight, deren Vertreterinnen sichtlich gerührt von der Lesben-Konferenz in ihrem Land waren: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich eines Tages in meinem Land und in meiner Sprache auf einer Lesben-Konferenz sprechen kann“, erklärte Oksana Pokalchuk von Insight auf dem Abschlusspanel.

Öffnung nach Mittelasien: Harte Realitäten und Kampfgeist

Neu war in diesem Jahr die Ausrichtung nach Mittelasien, also eine Öffnung und einen Fokus auf Länder wie Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Georgien und die Mongolei. Das brachte einerseits viele deprimierende Realitäten zu Tage, andererseits konnten neue Bekanntschaften geschlossen werden, und es wurde jede Menge Kampfgeist geweckt. Manchmal muss Veränderung eben weh tun.

Bei allem durfte auch ein strategisches Brainstorming nicht fehlen. Und es stehen große Pläne an: Ein internationales Lesbennetzwerk, das Europa und Mittelasien umfasst, soll entstehen. Damit richtet sich die EL*C klar weiter Richtung Osten.

Unter dem neuen Namen „EuroCentralAsian Lesbian* Community“ ist eine Art lesbischer Dachverband mit individuellen Mitgliedschaften geplant. Einzelne Personen können dann Entscheidungsträgerinnen wählen, und auch Inhalte könnten dann von jedem Mitglied mitbestimmt werden. Das große Ziel: 10 Millionen Beteiligte und jede Menge Aktivitäten, weit über eine Konferenz hinaus.

Bahnbrechendes Vorreiterprojekt der Lesbenbewegung

Dragana ist sich sicher: „Wir denken, das wird ein bahnbrechendes Vorreiterprojekt in der Geschichte der lesbischen Bewegung. Indem wir dieses Netzwerk erschaffen, werden wir das komplette System verändern können – das politische System, die Gesellschaft und vor allem das Leben von Lesben überall in Europa und Mittelasien.“

Wie realistisch dieser gigantische Plan ist, wird sich noch zeigen. Das Treffen voller Lesben mitten im Herzen der Ukraine stimmte jedenfalls viele frohen Mutes. Beim Abschlusspanel gab es große Emotionen. Mitorganisatorin Evgenia Giakoumopoulou wiederholte aufgeschnappte Zitate vom Wochenende: „Liebe zwischen Frauen ist revolutionär“, „Schluss mit Scham“ und „Wir brauchen Wut, Realismus und Liebe.“

A propos Liebe, das letzte Wort auf dem Panal hatte, wie soll es anders sein, ein Heiratsantrag, den Draganas Freundin im Livestream über Facebook postete und von einer Mitorganisatorin auf der Bühne vortragen ließ.

Ende gut, alles gut? Es bleibt spannend, was die nächsten Jahre lesbische Vernetzung bringen. Für die frisch verlobte Dragana steht jedenfalls fest: „Wir wollen alle vereinen, damit wir eine gemeinsame Stimme haben in unserem täglichen Leben, in der Politik, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. Das gilt im Privaten wie in der Öffentlichkeit. Wir glauben, unsere Botschaft wird so viel stärker sein, wenn unsere Stimmen vereint sind.“

Bombenwarnung am Sonntagabend

Wie viel noch getan werden muss, zeigte das überraschende Ende am Sonntagabend. Gerade als viele nach getaner Arbeit ausgehen wollten, gab es gegen 20 Uhr eine Bombenwarnung im Konferenzhotel. Sie richtete sich nicht gezielt gegen Lesben, sondern wurde an mehreren Orten in der Stadt platziert. Bereits am Nachmittag wurde ein Shopping Center am Platz der Unabhängigkeit (Maidan Nezalezhnosti) evakuiert, nachdem es dort eine Drohung gegeben hatte.

Grund: Die anstehenden Wahlen am kommenden Ostersonntag. Das Hotel wurde für einige Stunden gesperrt, bis das Sondereinsatzteam Entwarnung geben konnte. Das L-MAG-Team flog erschöpft zurück und ist gespannt auf Kommendes.

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