Feste, Feiern, Rituale: Mehr als nur klassische Hochzeiten, mehr als nur stereotype Ideen
Elena Strempeks und Kerstin Schmitts Projekt „Zeremonien für alle“ bietet Reden und Rituale für verschiedene Anlässe - mit Fokus auf die Bedürfnisse queerer Menschen. Auch Feste, die die Mainstream-Gesellschaft nicht hat, gehören dazu.
Christina Vetesnik Kerstin Schmitt bei der freien Trauung von Nola und SandraVon Dana Müller
20.5.2026 - Sie sind Profis in Sachen Rituale und Feste: Elena Strempek und Kerstin Schmitt sind seit 2019 mit ihrem Projekt „Zeremonien für alle“ unterwegs. Damals wurden beide unabhängig voneinander von Freund:innen gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, eine Hochzeitsrede zu halten – und so fanden sie zueinander.
Heute bieten sie Zeremonien jeder Art an, ob Taufe, Jugendweihe, Namensgebung, Freundschaftsritual oder Hochzeit. Einzig Trauerreden fallen nicht ins Portfolio, dafür andere Abschiedszeremonien, wie zum Beispiel nach einer Trennung. L-MAG sprach mit den beiden via Videocall.
L-MAG: Elena und Kerstin, was war die ausgefallenste Zeremonie, die ihr bisher gemacht habt?
ELENA: Ich habe mal ein kleines Freundschaftsritual mit zwei Menschen angeleitet. Die wollten sich verbindlich das Versprechen geben, miteinander befreundet zu bleiben. Das fand ich außergewöhnlich und es zeigt gut, dass ein queeres Leben, das oft Normen sprengen kann, besondere und eigene Feste braucht … Weil so etwas wie die selbst gewählte Familie wichtig ist und die Mainstream-Gesellschaft dafür keine Feste hat.
Warum habt ihr für euer Projekt den Titel „Zeremonien für alle“ gewählt?
ELENA: Das lehnt sich an die „Ehe für alle“ an und ist auch ein politischer Claim, weil es wichtig ist für queere Menschen, die gleichen Rechte wie alle anderen zu haben.
KERSTIN: Es heißt bewusst „Zeremonien“ und nicht „Hochzeiten“, denn wir wollen einen Schritt weiterdenken und hinter die Traditionen blicken. Wir machen nicht nur klassische Hochzeiten, sondern wir wollen die Vielfalt von Lebensentscheidungen stärken, die Teil queerer Lebensweisen sind. Beispiele wären eine Adoption oder das Annehmen eines neuen Namens – das alles kann man mit einer Zeremonie würdigen und feiern.
ELENA: Wir schauen bei unseren Zeremonien auch immer, ob es besondere Bedürfnisse gibt. Gibt es etwas, das schwierig werden könnte? Zum Beispiel raten wir: Ladet nur Leute ein, die ihr wirklich dabeihaben wollt, denn es geht darum, dass ihr euch wohlfühlt! Und gerade bei Personen, die Diskriminierungserfahrungen haben, müssen keine Leute eingeladen werden, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie sich diskriminierend verhalten werden.
Zeremonien für alle Elena Strempek (l.) ist freiberufliche Kulturschaffende, Kerstin Schmitt ist Diversity-Managerin; beide sind in der queeren Welt zu HauseWas macht euch am meisten Spaß bei dieser Arbeit?
KERSTIN: Ich mag es total, wie unterschiedlich lesbische und queere Paare sein können. Ich finde es faszinierend, etwas über die Geschichte der beiden und die Gründe für die Trauung zu hören. Damit begeben wir uns kreativ auf die Suche: Was könnte der rote Faden für die Zeremonie sein? Das macht mir am meisten Spaß: Gemeinsam mit den Menschen herauszufinden, was passt und was nicht.
Was ist für euch der Unterschied zwischen einer lesbischen Hochzeit und einer hetero Hochzeit?
KERSTIN: Mit Hochzeiten verbinden viele stereotype Vorstellungen, die nicht mit der Realität queerer Menschen übereinstimmen. Was mir in meiner Arbeit auffällt, ist, dass lesbische Paare ein großes Bewusstsein für die Frage haben: Wie wollen wir unsere Beziehung führen? Uns ist wichtig, Klischees zu reflektieren. Gibt es eine Person, die gerne Anzug trägt? Dann heißt das nicht automatisch, dass sie jetzt der „Bräutigam“ ist. Ich glaube, die Entscheidung von lesbischen Paaren, zu heiraten, ist immer auch ein politischer Akt, denn das Private ist politisch! Auch zu heiraten ist politisch, weil für lesbische Paare sehr viel daran hängt, wie zum Beispiel die Adoption von Kindern.
Welche Ideen habt ihr für außergewöhnliche Rituale, die man bei einer Hochzeit machen kann?
ELENA: Bei einer Hochzeit diesen Sommer hatte sich ein Paar ein „Handfasting“-Ritual gewünscht, das aus dem Keltischen kommt. Dabei hält sich das Paar an den Händen, es werden Bänder darübergelegt und wir geben jedem Band einen Wunsch mit. Mir kam dabei die Idee, dass man das auch mit Kletterseilen machen könnte – zum Beispiel für ein kletterbegeistertes lesbisches Paar!
Was ist für euch der schönste Lohn nach einer Zeremonie?
ELENA: Das Gemeinschaftstiftende. Nach einer Zeremonie hat man das Gefühl: Wir haben etwas gemeinsam erlebt, das allen etwas bedeutet und dadurch ist eine neue Gemeinschaft entstanden.
KERSTIN: Mein persönliches Highlight ist, wenn zum Beispiel ältere Menschen dabei sind, die noch nie eine freie Trauung erlebt haben. Wenn die dann mit einem aufgeregten Lächeln und einem Tränchen im Auge zu mir kommen und sagen: „Also, ich habe nicht gedacht, dass das gut wird, aber Sie haben das ganz toll gemacht!“ In Familien haben nicht alle die gleiche politische Haltung. Wenn ich dann merke, ich habe auch die Personen begeistert, die nicht in der queeren Bubble sind, empfinde ich das als Extralohn.
Habt ihr noch einen Geheimtipp für eine gelungene Feier?
ELENA: Mein Tipp an lesbische Paare: Hört auf euer Bauchgefühl und „No People Pleasing“!
KERSTIN: Es ist wichtig, sich zu fragen: An was will ich mich erinnern? Was will ich von dem Tag im Herzen behalten – oder auf welchen Stress habe ich keine Lust an diesem Tag? Und so die Entscheidung zu fällen.
Dieses Interview erschien zuerst in L-MAG 1-2026
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