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Filmtipp „15 Liebesbeweise“: „Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen, die glücklich ausgeht“

„15 Liebesbeweise“ folgt Céline, die sich auf ihr erstes Kind freut und ihren Platz als Mutter neben ihrer schwangeren Frau erkämpfen muss. Wir sprachen mit Regisseurin Alice Douard und Hauptdarstellerin Ella Rumpf. Ab 4. Dez. im Kino.

Tandem Films Ella Rumpf (l.) und Monia Chokri in „15 Liebesbeweise“

Von Sarah Stutte

30.11.2025 - Mit ihrem neuen Film 15 Liebesbeweise erzählt die französische Regisseurin Alice Douard eine zutiefst persönliche Geschichte über lesbische Elternschaft, das Recht auf Anerkennung und die kleinen wie großen Hindernisse auf dem Weg zum eigenen Kind. Im Zentrum steht Céline, gespielt von der Schweizerin Ella Rumpf, die sich mit viel Mut, Sehnsucht und Unsicherheit ihren Platz als Mutter neben ihrer schwangeren Frau (Monia Chokri) erkämpft.

Wir sprachen mit Douard, die mit ihrer Frau selbst eine Tochter hat, und Rumpf anlässlich des Zurich Film Festivals im September über Authentizität, persönliche Erfahrungen und die feinen Zwischentöne des Films.

 

L-MAG: Alice, du spielst im Film selbst eine kleine Rolle als Journalistin – auch deine Tochter ist kurz zu sehen. Warum war es dir wichtig, auf diese Weise präsent zu sein?

Alice Douard: Eigentlich war das gar nicht geplant. Ich habe während des Drehs nur die Stimme der Journalistin eingesprochen, damit Ella einen Gegenpart für ihre Szenen hatte. Ursprünglich sollte meine Stimme später ersetzt werden. Aber im Schnitt fanden wir, dass es genau so funktionierte – fast wie ein kleiner Augenzwinkern. Meine Tochter ist dabei, weil meine Frau und ich während des Drehs monatelang gearbeitet haben und sie uns kaum gesehen hat. Es war also eher eine praktische Entscheidung – eine Art, sie einzubeziehen und ihr zu zeigen, was wir tun.

Ella, was war dir wichtig, mit deiner Rolle zu vermitteln?

Ella Rumpf: Für mich war entscheidend, dass diese Geschichte aus einer authentischen Erfahrung heraus erzählt wird – aus Alices Perspektive, die das selbst erlebt hat. Ich wollte die Figur nahbar machen, damit man sich mit ihr identifizieren kann, selbst wenn man ihre Situation nicht teilt. Es ging mir darum, die tiefe, fast unsichtbare Sehnsucht dieser Frau zu zeigen – ihren Wunsch, einfach Mutter zu sein. Ich wollte, dass die Zuschauer:innen diesen inneren Weg mit ihr gehen können, ihr Bedürfnis nach Anerkennung spüren, ohne dass es melodramatisch wird.

Quejaytee/ CC-BY Ella Rumpf (l.) und Alice Douard beim Zurich Film Festival 2025

Alice Douard: Wir wollten zeigen, dass dieses Paar einerseits sehr besonders ist, andererseits aber auch ganz „normal“. Ella verkörpert eine Figur, die irgendwo zwischen den Geschlechtern steht – sie ist eine Frau, aber in gewisser Weise auch ein „Vater“, weil sie das Kind nicht selbst austrägt. Das war für mich ein wichtiger Punkt: diese Figur zu zeigen, die nicht klar in ein Schema passt, und ihr ihre Würde zurückzugeben.

In der Schweiz gab es früher eine einjährige Probezeit für die Adoption des Kindes der Partnerin. Ich bin auf einen Brief eines elfjährigen Jungen von 2014 gestossen, der die Behörden bat, seine beiden Mütter anzuerkennen. Solche bürokratischen Hürden betreffen die Kinder oft am meisten.

Alice Douard: Genau. Diese Gesetze werden ja in erster Linie im Interesse der Kinder geändert. Wenn nur ein Elternteil rechtlich anerkannt ist, entsteht ein gefährliches Vakuum – etwa, wenn dieser Elternteil stirbt. Es geht um Erbrecht, Verantwortung, Sicherheit. Ich habe ein Mädchen in Frankreich getroffen, das mir erzählte: „Für mich waren das immer meine zwei Mamas – aber erst als ich zehn war, durfte ich sie offiziell so nennen.“ Solche Geschichten berühren mich sehr.

Der Film zeigt auch unbedachte oder verletzende Bemerkungen, ohne zu überzeichnen. War das bewusst?

Alice Douard: Ja, unbedingt. Ich wollte keinen Film, der in „pro“ und „contra“ spaltet. Meine Figuren sind komplex – manche Äußerungen sind unbeholfen, manche hart, manche schlicht unbewusst. Homophobe Kommentare sind im Alltag oft nicht einmal böswillig, sondern gedankenlos. Ich wollte das zeigen, ohne zu verurteilen. Mir geht es um eine Art versöhnenden Aktivismus – zu zeigen, wie kompliziert alles ist, ohne neue Gräben aufzureissen.

Dein Film endet ungewöhnlich positiv. Warum war dir das wichtig?

Alice Douard: Viele lesbische Filme enden tragisch – mit Tod, Trennung oder Rückkehr zur Heterosexualität. Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen, die glücklich ausgeht. Eine, die Romantik und Lebensfreude zeigt. Ich hätte mir als Jugendliche so einen Film gewünscht.

Du hast die Figur von Céline direkt für Ella geschrieben. Warum wollest du unbedingt sie für die Rolle?

Alice Douard: Ganz einfach – sie ist die Beste! (lacht) Ich wollte schon lange mit ihr arbeiten, aber wartete auf das richtige Projekt. Als dieses Drehbuch fertig war, wusste ich: das ist es.

Ella Rumpf: Ja, das stimmt. Als ich das Drehbuch las, war ich sofort berührt. Anfangs fiel es mir schwer, mich als Mutter zu sehen – ich fand mich selbst zu jung. Aber Alice meinte: „Genau das ist interessant – dieses Dazwischen.“ Und sie hatte recht.

Alice Douard: Ella hat etwas sehr Besonderes: Sie kann in der Stille spielen. In ihren Blicken, ihrem Lächeln passiert so viel. Man kann unglaublich viel in sie hineinprojizieren.

Ella Rumpf: Und ich finde, es gibt immer mehr Regisseurinnen, die solche komplexen Frauenfiguren schreiben – Frauen, die von innen heraus erzählt werden, nicht nur als Projektionsfläche. Deshalb empfinde ich es als großes Glück, gerade jetzt Schauspielerin zu sein.

15 Liebesbeweise (OT: Des Preuves d'Amour), Buch/Regie: Alice Douard, F 2025, 97 min., Kinostart: 4. Dez. 2025

 

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