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Filmtipp „Loving Highsmith“: Liebevolle Doku über die lesbische Autorin Patricia Highsmith

Queerfilmnacht im März: Sie führte ein wildes Nachtleben und verliebte sich in immer neue Frauen. Eva Vitijas Doku über Patricia Highsmith („Carol“) erzählte eine Art Liebesbiografie und zugleich ein Stück Lesbengeschichte der Nachkriegsjahre.

Rolf Tietjens/ Keith Delellis/ Salzgeber Die junge Patricia Highsmith: Aktives Liebesleben im New York der Nachrkiegsjahre, aber auch oft unglücklich verliebt

Von Paula Lochte

6.3.2022 - „In diesem Dorf lebt eine sehr berühmte Schriftstellerin“, raunen die Eltern der siebenjährigen Eva Vitija zu und ergänzen, „alleine mit ihren Katzen.“ Die Familie verbringt die Ferien im Dorf Tegna in der italienischen Schweiz. Im Sommer ein beliebtes Urlaubsziel, im Winter verschlucken die umliegenden Berge Licht und Wärme. Zwischen den alten Häusern sticht ein abgeschotteter Bungalow hervor. Es ist das Haus von Patricia Highsmith.

Die amerikanische Schriftstellerin (1921-1995) lebte hier bis zu ihrem Tod. Als die kleine Eva Vitija, die heute Dokumentarfilmerin und Drehbuchautorin ist, zum ersten Mal von der berühmten Autorin hört, erschaudert sie und ist zugleich fasziniert: „Ich erinnere mich gut daran, wie es mich lange beschäftigte, warum diese Frau wohl alleine mit ihren Katzen wohnte“, sagt sie in den Produktionsnotizen. Sie malt sich eine düstere und scheue Krimiautorin aus.

Fast alle ihre Romane wurden verfilmt, 2015 auch „Carol“

Highsmith gilt als Meisterin des psychologischen Thrillers. Alfred Hitchcock verfilmte ihren ersten Roman „Zwei Fremde im Zug“, auch fast alle ihrer weiteren Bücher wurden zu Filmen, mit einiger Verspätung auch ihr lesbischer Roman „Carol“ (dt. Titel: „Salz und sein Preis“), den sie in den fünfziger Jahren unter Pseudonym veröffentlicht hatte und der 2015 mit Cate Blanchett und Rooney Mara in die Kinos kam.

„Wie viele andere Filmemacherinnen zogen mich die Geschichten von Patricia Highsmith an“, sagt Eva Vitija. Doch es seien die Tagebücher der Autorin gewesen, durch die sie sich in Highsmith verliebt habe.

Der Titel ihres Dokumentarfilms, Loving Highsmith, verweist zum einen auf die Bewunderung der Filmemacherin für die Schriftstellerin. Aber er ist auch eine Inhaltsangabe, denn er beschäftigt sich nicht nur mit ihrem Leben und Werk, sondern ist in erster Linie eine Art Liebes-Biografie.

Ex-Loverinnen erzählen von ihren Beziehungen mit „Pat“

Grundlage der Doku sind die Tagebücher und Notizen von Patricia Highsmith, die erst vergangenen Herbst, zu ihrem 100. Geburtstag, veröffentlicht wurden. Sie zeichnen ein Bild, das wenig mit ihrem Image als griesgrämige Misanthropin gemein hat. Stattdessen begegnet einem darin, wie Filmemacherin Vitija es ausdrückt, „eine schöne, junge Schriftstellerin mit äußerst romantischer Ader und poetischer Feder, die ein unglaublich aktives Liebesleben im wilden New York der Nachkriegsjahre führte und die sich in immer neue Frauen verliebte.“

Mehrere dieser Frauen hat Vitija für ihren Film ausfindig gemacht. In Interviews erzählen Weggefährtinnen und Loverinnen wie die lesbische Autorin Marijane Meaker oder die schillernde Künstlerin Tabea Blumenschein von ihren Beziehungen mit Highsmith, genannt „Pat“.

Salzgeber Auch die inzwischen verstorbene Berliner Filmemacherin Tabea Blumenschein (1952-2020) spricht über ihre Zeit mit „Pat“

Lesbisches Nachtleben, zermürbendes Versteckspiel

Es sind einerseits diese Anekdoten und Einblicke, die Loving Highsmith so sehenswert machen: Nach und nach entsteht das liebevolle Portrait einer eigenwilligen und toughen Frau. Andererseits erzählt die Doku auch ein Stück Zeit- und Lesbengeschichte. Sie zeigt das blühende lesbische Nachtleben in Underground-Clubs der Nachkriegszeit und macht zugleich am Beispiel von Patricia Highsmith klar, wie zermürbend das andauernde Versteckspiel war, wenn die Familie, der Verlag und die Öffentlichkeit bloß nichts von der eigenen Homosexualität erfahren dürfen.

Highsmith war oft unglücklich verliebt, trank ihren Frühstückssaft mit mehr als nur einem Schuss Gin und wirkte mit zunehmendem Alter vereinsamt und verbittert. All das spart Loving Highsmith nicht aus.

Und doch befreite sie sich immer wieder

Gleichzeitig erzählt der Dokumentarfilm, wie sich Highsmith immer wieder befreite: Eine Konversionstherapie brach sie ab und blieb bei ihrer Einschätzung, Männer zu küssen fühle sich an, wie in einen Eimer Austern zu fallen. Sie sagte sich von ihrer homofeindlichen Mutter los. Sie ließ ihre Wurzeln im konservativen Texas hinter sich und wanderte nach Europa aus. Und sie schrieb mit „Carol“ einen der ersten lesbischen Romane mit einem Happy End.

„Endlich einmal begehen die Figuren weder Selbstmord noch landen sie in der Gosse“, ist Patricia Highsmith in einer Archivaufnahme zu hören. „Sie versuchen wenigstens, etwas aus ihrem Leben zu machen.“ Genau wie die berühmte Schriftstellerin.

Loving Highsmith (Deutschland/ Schweiz 2022),Regie: Eva Vitija, Interviews mit Marijane Meaker, Monique Buffet, Tabea Blumenschein und Familie Coates; Tagebücher gelesen von Maren Kroymann; 83 Minuten, im März bundesweit in der Queerfilmnacht - alle Städte/ Termine stehen hier, Kinostart: 7. April.

 

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