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„Gold! Liebe! Abenteuer!“ - Berlinale Kamera für Ulrike Ottinger

Die lesbische Filmemacherin Ulrike Ottinger wird bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin, die heute beginnen, mit der Berlinale Kamera geehrt. Wir stellen die Pionierin des queer-feministischen Kinos vor.

Jelka von Langen Ulrike Ottinger

Von Anja Kümmel

20.2.2020 - „Gold! Liebe! Abenteuer!“ So appelliert im Jahr 1977 Madame X (verkörpert von Tabea Blumenschein) an alle Frauen weltweit, ihren sicheren, wenngleich unsäglich eintönigen (heteronormativen) Alltag hinter sich zu lassen, dem Ruf der unerbittlichen Herrscherin des Chinesischen Meers zu folgen und sich auf ihrem Frauenschiff „Orlando“ um sie zu scharen. Ulrike Ottingers feministischer Kultklassiker Madame X – Eine absolute Herrscherin verwandelt mit geringem Budget und viel Fantasie den Bodensee in eine exotische Traumwelt, in der alles möglich erscheint: die Exploration lesbischer Liebe, Gender-Bending, Gewalt und Exzess.

Auch heute noch kann man sich unschwer ausmalen, dass Ottingers ironisch gebrochener Bilderreigen inmitten all der ernsten Selbstfindungsfilme der zweiten Feminismus-Welle eine willkommene, aber durchaus auch verstörende Abwechslung gewesen sein muss.

Sich verschiebende Geschlechterrollen und Machtverhältnisse

Vier Jahre später greift die 1942 in Konstanz geborene lesbische Regisseurin das „Orlando“-Thema im mittleren Teil ihrer Berlin-Trilogie, der surrealen Filmcollage Freak Orlando (1981), wieder auf: Zwischen Konsum-, Psychiatrie- und Patriarchatskritik wandelt Magdalena Montezuma alias Orlando/ Orlanda als eiskalte Kunstfigur von Epoche zu Epoche, vervielfältigen sich die Identitäten, wechseln die Geschlechter und Beziehungsformen.

Um beständig sich verschiebende Geschlechterrollen und Machtverhältnisse geht es auch in der steril-futuristischen Mediensatire Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse: eine Phantasmagorie zwischen Schein und Sein, in der Veruschka von Lehndorff als narzisstischer Dandy augenzwinkernd mit hegemonialer Männlichkeit spielt und zugleich selbst zum Spielball der Medienkonzerne wird. Der Trilogie-Abschluss stellt 1984 Ottingers ersten Berlinale-Beitrag dar, auf den in den kommenden Jahrzehnten ein Dutzend weitere Einladungen folgen werden – unter ihnen mehrere ihrer ethnographischen Projekte, wie etwa das 12-stündige Filmepos Chamissos Schatten (2014).

Revolutionierte das queer-feministische Kino

Für ihre intensiven Reise- und Recherchedokumentationen hat sich Ottinger im Laufe der Jahre in Richtung einer klareren Formensprache bewegt. Dennoch sind es vor allem ihre experimentellen Erzählweisen und bizarren Bilderwelten der 1970er und 80er Jahre, die das queer-feministische Kino revolutioniert haben und bis heute nachwirken.

Nicht zuletzt für dieses Verdienst wird die 77-jährigen Allroundkünstlerin, die sich neben dem Filmschaffen auch als Malerin und Fotografin betätigt, im Rahmen der diesjährigen Berlinale mit der Berlinale Kamera geehrt – eine Auszeichnung, die seit 1986 an Persönlichkeiten und Institutionen vergeben wird, die sich um das Filmschaffen besonders verdient gemacht haben und die dem Festival eng verbunden sind.

Ihr neuer Dokumentarfilm feiert auf der Berlinale Premiere

Im Anschluss an die Preisverleihung wird Ottingers jüngster Dokumentarfilm Paris Calligrammes gezeigt, ein poetischer Rückblick auf die Zeit, als die junge Künstlerin 1962 von Konstanz nach Paris zog, um in die dortige Bohème-Welt einzutauchen und die politischen Umwälzungen des Algerienkriegs und der 1968er hautnah mitzuerleben. Eine fiebrige Aufbruchsstimmung, die ihre Spuren in Ottingers cineastischen Meilensteinen hinterlassen wird – sei es als Echo im eindringlichen Appell der Madame X oder als gelebte Utopie auf dem Freak-Schiff „Orlando“.

Die Verleihung der Berlinale Kamera an Ulrike Ottinger findet am Samstag, dem 22. Februar, um 16:15 Uhr im Haus der Berliner Festspiele statt.

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