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„Gute Manieren“: Der Vollmond ist schuld - Werwolf-Horror meets Lesbendrama

Ab 26. Juli im Kino: Eine Schwangere verspeist rohe Steaks oder auch mal ein Haustier aus der Nachbarschaft, und ihre Haushaltshilfe und Loverin verfeinert die Nudelsoße mit ihrem eigenen Blut. Erstklassiger Arthouse-Horror mit einer Portion Sozialkritik.

Edition Salzgeber Ana (Marjorie Estiano) und Clara (Isabél Zuaa)

Von Anja Kümmel

26.7.2018 - Größer könnten die Gegensätze kaum sein: Ana (Marjorie Estiano) ist weiß, jung, hübsch, ein bisschen exaltiert und wohnt in einem luxuriösen Apartment in der reichsten Gegend São Paulos. Als sie die Tür öffnet, steht ihr gegenüber eine schweigsame, ernste Frau. Clara (Isabél Zuaa) ist schwarz, lebt auf der anderen Seite der Stadt in einem ärmlichen Viertel und bewirbt sich bei Ana als Haushaltshilfe und späteres Kindermädchen. Denn Ana ist schwanger – mit einem unheimlichen Wesen, das nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint.

Trotz Claras lückenhafter Referenzen stellt Ana sie ein; und Clara bleibt, obwohl Ana ihr mehr Aufgaben aufbürdet als zunächst vereinbart. Es scheint, als würden beide wortlos spüren, dass sie ein dunkles Geheimnis verbindet. Vielleicht auch deshalb wirkt es nicht unglaubwürdig, dass aus dem asymmetrischen Angestelltenverhältnis rasch eine enge Bindung und wenig später eine leidenschaftliche Liebesaffäre entsteht.

Bei Vollmond verhält sich Ana reichlich merkwürdig

Oder vielleicht ist auch der Vollmond Schuld – wie an so vielem in Gute Manieren. Was als sozialkritisches Drama rund um eine lesbische Beziehung beginnt, entwickelt sich langsam aber sicher hin zu erstklassigem Arthouse-Horror.

Bei Vollmond nämlich beginnt sich nicht nur das Baby in Anas Bauch zu regen, sondern auch Ana selbst verhält sich reichlich merkwürdig: Sie entwickelt einen unbändigen Heißhunger auf rohe Steaks – oder auch mal auf ein arglos herumstreunendes Haustier aus der Nachbarschaft. Am nächsten Morgen sitzt sie fröhlich plappernd am Frühstückstisch und scheint sich nicht an ihre somnambulen Streifzüge zu erinnern.

Lesbische Lovestory und Klischees des Werwolf-Genres

Meisterhaft gelingt es dem brasilianischen Regie-Duo Juliana Rojas und Marco Dutra, Komik und Horror, stilisiert-surreale Settings und Alltagsbanalitäten zu einem stimmigen Ganzen zu verbinden. Spielerisch greifen sie diverse Klischees des Werwolf-Genres auf und erzählen zugleich eine facettenreiche lesbische Liebesgeschichte – versehen mit einer guten Portion Gesellschaftskritik.

Während Ana anfangs unreflektiert ihre Privilegien ausspielt, verschiebt sich das Machtverhältnis allmählich, in dem Maße, wie ihre Besessenheit zunimmt. Derweil avanciert Clara von der stummen Bediensteten zur allwissenden Beobachterin, die hinter den Kulissen das Geschehen zu steuern versucht. An einen ironisch gebrochenen Liebeszauber erinnert zum Beispiel die Szene, in der Clara die Spaghettisauce auf Anas Teller mit einigen Tropfen ihres eigenen Blutes verfeinert.

In der zweiten Filmhälfte folgt ein unerwarteter Cut

Etwas irritierend ist allerdings, dass der Film nach der ersten Hälfte abbricht und eine neue Geschichte beginnt, die nur lose auf der ersten basiert. Auf die schaurige Geburt folgt ein unerwarteter Cut: Sieben Jahre sind vergangen, und Clara lebt allein mit dem Werwolfsjungen in ihrem Viertel.

Die schwierige Beziehung zwischen dem Kind, das sich in Vollmondnächten in eine blutrünstige Bestie verwandelt, und seiner Pflegemutter ist zwar zu erahnen, die Tiefe und Komplexität der Liebesgeschichte zwischen Ana und Clara erreicht sie jedoch nicht. Zu unentschlossen mäandert der Film im zweiten Teil zwischen subtilem Psychodrama und Hochglanz-Horror mit allerlei Spezialeffekten.

Äußerst sehenswert ist dagegen die Erweiterung der Perspektive: In vielen kleinen Vignetten zeigt Gute Manieren das Leben in São Paulo, und erzählt so auch, wie sehr die brasilianische Gesellschaft noch immer von patriarchalen Strukturen, der katholische Kirche, sozialen Klassenunterschieden und Rassendiskriminierung geprägt ist.

Gute Manieren (Brasilien/ Frankreich, 2017), Buch/ Regie: Juliana Rojas, Marco Dutra, mit Isabél Zuaa, Marjorie Estiano u.a., 135 min., OmU, ab 26. Juli im Kino

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