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CouLe-Preis für Imke Duplitzer: „Homophobie wird heute einfach totgeschwiegen“

Für ihr Engagement gegen Homophobie und Sexismus im Sport bekommt Imke Duplitzer heute den lesbischen CouLe-Preis. L-MAG sprach mit der streitbaren Ausnahme-Fechterin über Coming Out im Leistungssport, kritikwürdige Sportverbände und ihre Zukunftspläne.

privat Imke Duplitzer über die Auszeichnung mit dem CouLe-Preis: „Ich war wirklich gerührt und dachte zuerst, die hätten sich vertan. Warum ausgerechnet ich, die mit der LGBT-Community immer etwas gefremdelt hat.“

Von Bettina Hagen

19.6.2020 – Sie ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Degenfechterinnen Deutschlands und eckt schon immer gerne an: Imke Duplitzer, Ex-Sportsoldatin, fünffache Olympiateilnehmerin und mehrfache Medaillengewinnerin bei Europa- und Weltmeisterschaften, hat öffentlich Menschenrechtsverletzungen in Wettkampfländern, verkrustete Strukturen in Sportverbänden scharf kritisiert und bei den olympischen Spielen in Peking 2008 als eine der wenigen deutschen Sportler:innen die Teilnahme an der Eröffnungsfeier verweigert, um gegen die Todesstrafe in China zu protestieren.

Reiste nicht nur zu Wettkämpfen, um zu gewinnen

Sie reise nicht nur zu Wettkämpfen um zu gewinnen, sondern auch um zu sagen, wenn sie etwas störe, erklärte sie 2015 in einem Interview.
Nicht immer war das ungefährlich, denn als Homosexuelle geriet sie in vielen ihrer Turnierländer mit den dortigen 
Gesetzen in Konflikt. Duplitzer, die im 
Alter von 11 Jahren mit dem Fechtsport begann, kämpft auch gegen Homophobie und Sexismus im deutschen Sport, sitzt in Podiumsdiskussionen, unterstützt Aktionen - und erhält in diesem Jahr dafür den CouLe-Preis, den die LAG Lesben in NRW an „couragierte Lesben“ vergibt. Der Preis wird heute online verliehen.

Mit L-MAG sprach die Ausnahme-Fechterin, die sich 2001 öffentlich als lesbisch outete, über ihre Erfahrungen nach ihrem Coming Out, den Umgang der Sportverbände mit Homophobie, die Zukunft von trans Menschen im Leistungssport und ihr Leben nach der Bundeswehr.

 

L-MAG: Du hast in deinem Leben unzählige Medaillen und Auszeichnungen gesammelt. Nun bekommst du den CouLe-Preis für couragierte Lesben. Was bedeutet das für dich?

Imke Duplitzer: Ich muss gestehen, ich war wirklich gerührt und dachte zuerst, die hätten sich vertan. Warum ausgerechnet ich, die mit der LGBT-Community immer etwas gefremdelt hat. Umso mehr freue ich mich über den Preis.

Gefremdelt?

Ja, die Community ist sehr vielschichtig und kann bisweilen auch recht anstrengend sein. Ich bin auch schon dort mit Äußerungen 
angeeckt.

Für deine Streitbarkeit bist du bekannt. Wie hält es jemand wie du 25 Jahre in einem 
autoritären System wie der Bundeswehr aus?

Eine gute Frage. Tatsächlich ist es so, dass ich über das Spitzensportförderungsprogramm der Bundeswehr meine sportlichen Ziele verwirklichen konnte. Fechten ist eine Randsportart. Da muss man zusehen, dass man seinen Sport auch finanziell 
stemmen kann. Die Spitzensportförderung der Bundeswehr ist da ein wichtiger 
Baustein.

Die Institution Bundeswehr hat dich nicht erschreckt?

Ich ahne, worauf du hinaus willst. Ja, die Bundeswehr hat Probleme mit Rechtsradikalen, Rassismus und Homophobie. Das ist ein strukturelles Problem und muss auch als solches bekämpft werden. Doch bei aller berechtigter Kritik vergisst man, dass es dort auch viele engagierte und gute Leute gibt. Vor den Soldatinnen und Soldaten, die in ausländischen Krisengebieten im Einsatz sind, habe ich großen Respekt. Sie riskieren ihr Leben und werden in Deutschland dafür kaum gewürdigt.

Strukturelle Probleme und verkrustete 
Strukturen kritisierst du schon seit Jahren auch in den Sportverbänden, insbesondere beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Es ist unglaublich wie viele Sponsoren- und Werbegelder bei Großveranstaltungen wie der Olympiade fließen und wie wenig davon bei den Sportlern und Trainern ankommt. Es geht im Spitzensport nicht mehr um 
Leistung, sondern um Personenkult. Engagierte Trainerinnen und Trainer opfern viele Wochenenden und fahren die Athletinnen und Athleten zu nachtschlafender Zeit auch noch hunderte von Kilometern zu ihren Wettkämpfen. Und gehen dafür vielleicht mit 2.000 Euro brutto nach Hause. Das ist für die wirklich guten und engagierten 
Trainerinnen einfach zu wenig, und sie 
gehen den Vereinen verloren. Deswegen hat man heute leider eine Menge ungeeigneter Gestalten im Trainerbereich, denen ich 
meine Kinder nicht anvertrauen würde. Eine angemessene Bezahlung ist einfach nötig. Und den Sportfunktionären kann ich nur 
sagen: Geht besser mit euren guten Leuten um und lernt endlich Personalführung!

Du hast immer gegen Homophobie im Sport gekämpft. Wie hast du selbst Ressentiments und Ausgrenzung erfahren?

Auf sehr unterschiedliche Weise. Natürlich wurde ich nach meinem Coming Out für Sponsoren als Werbeträgerin ziemlich 
uninteressant. Und auch in den Medien wurden plötzlich Fechterinnen zu Interviews eingeladen, die in ihrer Leistung deutlich schlechter waren als ich. Einmal wurde das gesamte Frauen-Fechtteam zu einem Werbeauftritt gebeten, nur mich hatte man „vergessen“. Und das war kein Versehen.

Und unter den Sportlerinnen?

Bei internationalen Wettkämpfen verließen viele Athletinnen demonstrativ die 
Kabinen, wenn ich reinkam. Oder bedeckten sich schnell mit ihren Handtüchern. Eine russische Fechterin, die mir auf besonders widerliche Weise bei Turnieren ihre Nichtachtung gezeigt hat, habe ich eines Nachts knutschend mit einer Frau getroffen. Im Grunde tragisch, denn sie hat nach außen bewusst homophob reagiert, um ihre eigene Homosexualität zu verheimlichen. Das 
wurde mir dann klar.

Es scheint, es habe sich seit dem Coming Out von Martina Navratilova Anfang der 1980er Jahre nicht viel geändert.

Ja, das ist so. Auch wenn Sportverbände jetzt große Kampagnen gegen Homophobie, 
Rassismus und Sexismus starten – unterschwellig ist alles gleich geblieben. Nur sind die Diskriminierungen subtiler geworden. Homophobie ist nicht mehr politisch korrekt, sondern wird jetzt einfach totgeschwiegen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht existiert. Im Gegenteil, je mehr Toleranz es auf der einen Seite gibt, umso radikaler wird die andere. Das hat man an der Homo-Ehe gut sehen können.

Du hattest relativ früh dein Coming Out. Wartest du darauf, dass endlich ein aktiver Profifußballer nachzieht?

Nein, ich kann verstehen, wenn sie das nicht tun. Mal abgesehen von der familiären Situation reduzieren sie damit ihren Marktwert. Nicht nur beim Thema Werbeverträge. Was ist, wenn ein Spieler einen attraktiven Vertrag aus einem homofeindlichen Land bekommt? Wahrscheinlich ist es leichter, sich eine blondierte Spielerfrau als Alibi auf die Tribüne zu setzen.

Das macht wenig Hoffnung.

Es ist eben auch eine individuelle Entscheidung. Ich erinnere mich gut daran, wie wir als deutsche Delegation bei der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele 2000 in das Stadion mit 50.000 Zuschauern einzogen. Ein ergreifender Moment. Ich möchte nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn nur ein Bruchteil dieser Menschen samstags im Fußballstadion „schwule Sau“ ruft. Das muss man aushalten können. Von den Funktionären erwarte ich da nur wenig Unterstützung. Im Profisport geht es nur ums Geschäft.

Wie siehst du die Zukunft von trans 
Menschen im Leistungssport?

Ich habe den Funktionären schon vor 10 
Jahren gesagt, dass dieses Thema kommen wird, aber man hat nicht reagiert. Es gibt bislang keine seriösen wissenschaftlichen 
Studien zur hormonell gesteigerten 
Leistungsfähigkeit dieser Athletinnen und 
Athleten. Bislang wird hysterisch reagiert, doch es gehört ganz nüchtern in den 
Bereich der Sportwissenschaften. Dort muss es Untersuchungen und Leistungstest geben. Das ist aufwändig und ich frage mich, wer das finanzieren soll. Vermutlich befinden wir uns in einer Übergangsphase.

In einer Übergangsphase steckst du auch gerade.

Ja, im April 2020 habe ich mein Stelle bei der 
Bundeswehr an den Nagel gehängt und 
genieße momentan meine freie Zeit. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich tun und lassen, was ich will – jenseits von 
Trainings- und Dienstplänen.

Wie geht es bei dir weiter?

Ich ziehe gerade mit meiner Freundin nach Luxemburg, wo es sie beruflich hinverschlagen hat. Wir haben außerhalb der Stadt einen alten Bauernhof gemietet, in dem ich mir einen Bereich für meine Sport- und Mentalcoachings einrichte. Dort habe ich auch genügend Platz für eine Fechtbahn. Es wird ein ganz neuer Lebensabschnitt. Frau Duplitzer ist im spießigen Biedermeier angekommen (lacht).

Dieses Interview erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG November/Dezember 2020.

 

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