L-Mag

„Ohne ‚Orange is the New Black‘ gäbe es keine Ehe für alle für Amerika"

Lea DeLaria, Big Boo in „Orange is the New Black“, spricht im L-MAG-Interview über den politischen Einfluss der Serie, ihre Vorbildrolle als Butch-Lesbe, improvisierte Szenen, die gute Stimmung am Set und Lob von Jodie Foster.

Netflix "Ha, du bist keine Shane! Du bist eine Alice!" - Big Boo (Lea DeLaria) und Nicky (Natasha Lyonne)

Von Karin Schupp

l-mag.de, 10.7.2016 - Sie ist nicht die einzige Lesbe im Cast und spielt nur eine von vielen queeren Rollen in Orange is the New Black - aber so offensiv lesbisch wie Lea DeLaria und ihre Figur Big Boo ist keine. Bei ihrem Berlin-Besuch im Juni lässt die New Yorkerin denn auch keine Gelegenheit verstreichen, jedem Mainstream-Medium ins Mikrofon zu sprechen, wie wichtig die Sichtbarkeit von Lesben und vor allem von Butches ist.

Privat ist die 58-Jährige, die auch eine Karriere als Jazz-Sängerin und Comedian hat, mit der Mode-Redakteurin Chelsea Fairless zusammen, die sie durch ihre OITNB-Kollegin Emma Myles ("Leanne") kennen lernte. Im Januar 2017 wird geheiratet - allerdings aus rein versicherungstechnischen Gründen, wie sie stets betont, denn eigentlich will sie sich nicht vorschreiben lassen, wie sie ihre Beziehung zu leben hat.

Wie würdest du die vierte Staffel beschreiben?

In zwei Worten: schwer auszuhalten. Wir nehmen das Publikum auf eine echt dunkle Reise mit. Jenji Kohan [die OITNB-Produzentin] macht das amerikanische Gefängnissystem zum Thema, und es wird viel düsterer als bisher. Ich bin sehr gespannt, wie das Publikum reagieren wird. Aber keine Sorge: Es ist immer noch eine Komödie!

Sind die Knäste in den USA tatsächlich so überfüllt?

Ja, das ist komplett realistisch. Sie sind sogar noch voller, als wir es zeigen.

Glaubst du, dass eine TV-Serie einen politischen Einfluss auf solche Dinge haben kann?

Natürlich, das haben wir ja schon. Ich zum Beispiel kämpfe seit über 45 Jahren für die queere Community, und ich dachte immer, dass ich das nicht für mich, sondern für die Generation nach mir mache. Aber der Serie ist etwas gelungen, was wir nie geschafft haben: Sie hat die Herzen der Menschen erobert, und dadurch haben wir, seit es die Serie gibt, enorme Veränderungen bewirkt. Ohne Orange is the New Black gäbe es keine Ehe für alle in Amerika. Ohne jeden Zweifel. Weil uns die Leute zuvor nie als menschliche Wesen gesehen und akzeptiert haben. Das meine ich mit „die Herzen der Menschen erobern“.

Netflix/ Evan Scott Lea DeLaria als Big Boo und als sie selbst

Wie wichtig ist es für dich, eine lesbische Rolle zu spielen?

Das ist mir eigentlich egal, ich habe auch schon viele Hetero-Frauen gespielt. In diesem speziellen Fall aber war es für mich wichtig, weil es eine Butch-Lesbe ist, und die wurden bisher nie positiv dargestellt. Butch-Lesben wie ich – und ich bin sehr stolz darauf, eine Butch zu sein – werden sonst immer negativ dargestellt, und das hier ist eine sehr positive Darstellung.

Welche Reaktionen bekommst du von echten Butches?

Alles mögliche, es ist unglaublich! Manche weinen, wenn sie mich auf der Straße sehen. Sie umarmen mich und bedanken sich bei mir. Junge Frauen schreiben mir, über die Sozialen Medien kriege ich locker 100 Nachrichten am Tag. Sie bitten mich um Rat, sie erzählen mir ihre Geschichten, einige davon sind schlimm und andere sind schön, weil sie schreiben, dass sie durch die Serie die Kraft gefunden haben, ihren Eltern und Freunden zu sagen, wer sie sind. Ich versuche, jeder einzelnen zu antworten, denn ich nehme die Verantwortung sehr ernst. Ich bin ja quasi weltweit die einzige sichtbare Butch.

Du kommst ja von der Stand-up Comedy. Wie groß ist dein Einfluss auf Big Boos Dialoge?

Die Drehbücher sind grundsätzlich fucking witzig. Aber dann und wann sage ich: „Ich hab‘ da was – wollt ihr's hören?“ Und die AutorInnen sind alle ziemlich offen dafür. Taryn [Manning, „Pennsatucky“] und ich fühlen uns so wohl miteinander, dass wir einfach weiterreden, wenn die Szene zu Ende ist, solange der Regisseur nicht "Cut!" ruft. Die Szene, in der Big Boo ihr Zahncreme gibt und sagt, dass sie ihre Zähne putzen muss (Staffel 3, Folge 4): Alles danach, und das ist eine ganze Weile, war improvisiert. Natasha [Lyonne, „Nicky“] und ich improvisieren in unseren Szenen auch immer ziemlich viel. 

Gibt es etwas, was du in der Serie nicht gerne tun würdest?

Nein, ich habe völliges Vertrauen in das Autorenteam, die würden nie etwas Blödes von mir verlangen - anders als andere Serien, bei denen ich war. Weißt du, als ich das Drehbuch für die Folge mit Boos Hund Little Boo und der Erdnussbutter bekommen habe (Staffel 2, Folge 2), wusste ich, dass wir das gut hinkriegen müssen, denn sonst hätten PETA und viele wütende Tierschützer auf der Matte gestanden. Aber das passierte nicht, weil wir wussten, wie man daraus eine lustige Szene macht.

Hat Jodie Foster eigentlich wieder Regie geführt?  (Anm.: Sie führte bisher bei zwei Folgen Regie.)

Nicht in dieser Staffel. Aber ich bin ziemlich sicher, dass wir sie in der nächsten Staffel wiedersehen werden. Wir lieben sie alle und sind immer ganz aufgeregt, wenn wir von Jodie gelobt werden. Nicht nur ich! (lacht) Sie ist eine tolle Regisseurin, wahrscheinlich, weil sie auch so eine großartige Schauspielerin ist - zwei Worte, und du weißt sofort, was sie will.

Ihr seid ein riesiges Ensemble – das ist ja oft nicht einfach. Bei euch scheint's aber gut zu funktionieren. Was ist euer Geheimnis?

Weil Jenji Kohan ein fucking Genie ist und von Anfang an klar gesagt hat: „In dieser Serie gibt’s keine Diven!“ Jede von uns freut sich, hier zu sein, und ist dankbar für den Job. Außerdem kannten sich viele von uns schon vorher, wir Älteren sind alle schon ewig in der New Yorker Theaterwelt unterwegs, wir sind alle alte Zirkuspferde, von Kate Mulgrew („Red“) abwärts. Mit Uzo Aduba („Suzanne“) habe ich schon in drei Stücken gespielt, Annie Golden („Norma“) war der Star vieler Broadway-Musicals, sie ist eine fantastische Sängerin und war bei einer der besten Punkbands aller Zeiten, "The Shirts" – es ist sehr ironisch, dass ausgerechnet sie eine Figur spielt, die nicht spricht. (lacht) Und der Rest sind Kids, frisch von der Schauspielschule. Die sind dankbar, dass ihr erster Job gleich in der größten Serie der Welt ist. Und dazu kommen noch die guten Drehbücher – weißt du, wie oft ich in meinem Leben schon aus einem Haufen Scheiße etwas Witziges machen musste? Ich wurde oft gebucht, weil sie wussten, dass ich ihren Mist lustig hinkriege.

Twitter D. Polanco Lea DeLaria mit OITNB-Kolleginnen beim NYC Pride 2016

Also eine gute Stimmung am Set.

Ja, kein Streit, kein „Meine Rolle ist größer als deine!“ Bei uns stehen immer alle Türen offen, außer wenn jemand dringend seinen Text lernen muss. Und überall stehen Leute rum, reden und lachen. Oft kommt der Bühnen-Manager hoch und sagt: „Okay, zu laut! Wir können euch beim Drehen im Studio hören – so laut seid ihr!“ (lacht) Das ist normal bei uns und total untypisch. Ich habe das vorher noch nie so erlebt.

Viele von euch sind auch privat gut befreundet.

Oh ja. Wir sind eng, eng, eng. Wir sind wie eine Familie, eine kleine orangene Familie.

Geht ihr auch abends nach Drehschluss zusammen weg?

Immer. Wir gehen zusammen zum Abendessen, außer wenn der Tag sehr lang war und wir am nächsten Tag früh raus müssen. In der Straße gegenüber dem Studio, in dem wir drehen, hat ein kleiner Mexikaner mit unglaublich gutem Essen eröffnet, und es kommt ziemlich oft vor, dass 20 Cast-Mitglieder reinkommen und stundenlang dort sitzen, essen, trinken…

Jetzt ist es raus, und alle gehen dort hin…

Das Geheimnis ist eh schon raus, die Leute wissen das schon. Wir werden jetzt wohl einen anderen Laden finden müssen. Ich bringe den ganzen Cast auch gerne in diese berühmte New Yorker Lesbenbar, „The Cubby Hole“. Die Lesben dort freuen sich immer sehr, uns zu sehen.

Wie soll’s für Big Boo weitergehen? Was wünscht du dir?

Vor allem, dass sie im Gefängnis bleibt. (lacht) Und wenn sie rauskommt, soll sie eine Spin off-Serie kriegen. (lacht)

Lest auch unsere aktuellen Interviews mit Yael Stone (Lorna Morello), Selenis Leyva  (Gloria) und Uzo Aduba (Suzanne "Crazy Eyes").

Und noch mehr Orange is the New Black: Unsere Vorschau auf Staffel 4 plus Rückblick auf Staffel 3 steht hier, und wer Wissenswertes über den L-Faktor im Cast, die Sexszenen, Drehorte etc. erfahren will, klickt hier.

 

Aktuelles Heft

Titelthema „L Word“

Mythos Zwanziger Jahre – Tanz in den Untergang
Wie war das lesbische Leben in der turbulenten Zeit der letzten Zwanziger? Und was können wir daraus lernen? mehr zum Inhalt




L-MAG.de finde ich gut!

Wir versorgen dich kostenlos mit K-Word, Filmtipps und internationalen News. Obendrauf schenken wir dir während Corona-Krise jeden Samstag eine L-MAG-Ausgabe als E-Paper.

Doch wir wollen auch nach Corona noch da sein und für lesbische Sichtbarkeit sorgen! Der Verlag Special Media, in dem L-MAG erscheint, finanziert sich überwiegend über das kostenlose queere Berliner Stadtmagazin SIEGESSÄULE. Wegen Veranstaltungsabsagen und Schließungen kam es zu einem massiven Einbruch der Anzeigen, die das Heft und den Verlag finanzieren. Die Umsätze von L-MAG reichen leider nur für einen kleinen Teil der Verlagsinfrastruktur aus.

Deshalb brauchen wir deine Hilfe! Spende ganz einfach online: einmalig 1 Euro oder gleich 10 Euro fürs ganze Jahr.

Vielen Dank! Dein L-MAG-Team

L-MAG.de finde ich gut!

Diese Website verwendet Cookies, Google Analytics und den Adserver Google DFP. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie dem zu.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

OK

L-MAG.de finde ich gut!

Wir versorgen dich kostenlos mit K-Word, Filmtipps und internationalen News. Obendrauf schenken wir dir während Corona-Krise jeden Samstag eine L-MAG-Ausgabe als E-Paper.

Doch wir wollen auch nach Corona noch da sein und für lesbische Sichtbarkeit sorgen! Der Verlag Special Media, in dem L-MAG erscheint, finanziert sich überwiegend über das kostenlose queere Berliner Stadtmagazin SIEGESSÄULE. Wegen Veranstaltungsabsagen und Schließungen kam es zu einem massiven Einbruch der Anzeigen, die das Heft und den Verlag finanzieren. Die Umsätze von L-MAG reichen leider nur für einen kleinen Teil der Verlagsinfrastruktur aus.

Deshalb brauchen wir deine Hilfe! Spende ganz einfach online: einmalig 1 Euro oder gleich 10 Euro fürs ganze Jahr.

Vielen Dank! Dein L-MAG-Team

Nein Danke, möchte ich nicht | Hab schon!

L-MAG.de finde ich gut!
x