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"Nicky ist ihre stärkste und ehrlichste Beziehung"

Yael Stone, die in "Orange is the New Black" Lorna Morello spielt, im L-MAG-Interview über ihre Rolle, Lornas Beziehung zu Nicky, was sie an Natasha Lyonne und dem restlichen Cast begeistert - und Jodie Fosters Synchronstimme.

Netflix/ JoJo Whilden

Von Karin Schupp

l-mag.de, 26.6.2016 - Außer dem kräftigen Lippenstift, den sie zum Interview in Berlin trägt, hat Yael Stone nichts mit ihrer Rolle, der Italo-Amerikanerin Lorna Muccio geb. Morello, gemeinsam. Die 31-jährige Australierin gab ihre Karriere in ihrem Heimatland auf, als sie 2011 in die USA zog, um „ein Abenteuer zu erleben“, wie sie mir erzählt. In New York fing sie noch mal von vorne an und kellnerte, bis sie - am Tag nach ihrer Hochzeit mit dem Schauspieler Dan Spielman – zum Vorsprechen für Orange is the New Black eingeladen wurde. Eine typische Geschichte für die Stars der Serie: Die meisten von ihnen wurden vorher nicht gerade mit Angeboten überschüttet, wissen ihr Glück sehr zu schätzen und schwärmen in einer Weise von der Serie, die echt und nicht aufgesetzt wirkt - so auch Yael Stone.

Schaust du dir Orange is the New Black auch selbst an?

Auf jeden Fall! Aber nie mehr als eine Folge auf einmal, weil ich alles mitkriegen will. Da kommen so viele Dinge zusammen, so viele wunderbare Menschen, die Schauspielerinnen, die Cutter, die Produzenten, die Musik, die sie aussuchen. Und wenn ich die Person, die dafür verantwortlich ist, treffe, möchte ich sagen können: „Ich fand toll, was du in dieser Szene gemacht hast.“ Ich schaue also sehr aufmerksam.

Du schaust als Profi, nicht als Fan.

Ich finde, bei dieser Serie kann man beides: selbst mitspielen und Fan sein. Man sieht sich kurz selbst zu, das ist dann ein bisschen peinlich (lacht), aber es gibt noch so viel mehr anzuschauen. Ich würde OITNB auch lieben, wenn ich nicht mitspielen würde, dann wäre ich vielleicht nur ein bisschen weniger analytisch. Wenn ich vor fünf Jahren eine Serie hätte beschreiben müssen, in der ich gerne mitspielen würde, wäre es OITNB gewesen.

Inwiefern?

Es ist mein idealer Job und eine wunderbare Chance, zu so einem tollen Cast von Frauen zu gehören, die nicht dabei sind, weil sie berühmt sind, sondern weil sie die Richtigen für die Rolle waren. Eine Serie, die bahnbrechend ist und die es mir ermöglicht, so anders zu sein, als ich es selbst bin. Das gibt es nicht oft im Fernsehen, meistens musst du in deiner Schublade bleiben.

Netflix, Evan Scott Yael Stone als Lorna und als sie selbst

Hattest du gleich das Gefühl, dass OITNB ein Erfolg werden würde?

Ich wusste gleich, dass die Serie etwas Besonderes war. Allein wenn du ins Studio kommst und die vielen Frauen siehst - und nicht nur die eine Quoten-Schwarze, sondern viele Hautfarben, Kleidergrößen und Altersgruppen. Aber zu der Zeit habe ich mit Kellnern meine Miete bezahlt und war vor allem froh, einen Job zu haben - meinen ersten in Amerika -, egal, ob das nun ein Erfolg werden würde oder nicht. So weit war ich noch gar nicht in meinem Kopf. Mir war auch gar nicht bewusst, welche Bedeutung so eine kleine Streaming-Serie haben könnte.

Stimmt, Streaming war damals noch nicht so bekannt.

Genau. Als ich meinen Freunden erklärt habe: „Die Serie läuft im Internet. Man muss sich anmelden und dafür bezahlen“, sagten die: „Oh, viel Glück damit…“ (lacht). Neulich habe ich mich mit Natasha [Lyonne, die Nicky spielt] an die erste Staffel zurückerinnert und wie sicher wir uns damals fühlten, weil wir nicht wussten, wie erfolgreich die Serie werden würde.

Ihr habt einfach euer Ding gemacht.

Ja, man hatte nicht Gefühl, dass alle Blicke auf einen ruhen. Außerdem besteht der gesamte Cast aus Menschen mit Lebenserfahrung. Sie sind in bestimmten Stadien ihrer Karriere, aber alle hatten schon Probleme oder Hürden zu überwinden. Und so waren wir vom ersten Tag eine sehr interessante, tolerante und liebevolle Gruppe. Und lustig - viel lustiger, als ich es selbst bin. Ich bin begeistert, mit Danielle Brooks [Taystee], Uzo [Aduba, die Suzanne spielt] und Dascha [Polanco, die Daya spielt] abhängen zu dürfen, weil die so unglaublich witzig sind.

Wie bist du an die Rolle „Lorna Morello“ rangegangen?

Weißt du, man schaut sich ein Drehbuch wie eine Landkarte an und sucht nach Hinweisen, und bei Lorna stand: „Sie trägt Makeup.“ Daher war meine erste Frage: Was bedeutet das? Dass sie sich schützt? Dass sie sich feiert? Dass sie etwas in sich verleugnet? Ich nahm also den Wegweiser „Sie trägt Makeup“ und traf kreative Entscheidungen. Und Lornas Dialekt ist sehr stark, ihre Stimme klingt ganz anders als meine... (In diesem Promo-Clip für Staffel 3 zu hören:)

Die hören wir in der deutschen Synchronfassung ja leider nicht.

Ja, stimmt. Ich würde gerne mal die Person treffen, die mich synchronisiert. (Red.: Das ist Josephine Schmidt, die in GZSZ die lesbische Polizistin Paula spielte)

Oft klingt sie ganz anders und verändert dadurch irgendwie den Charakter.

Absolut. Ich bin geradezu besessen vom Klang einer Rolle.

Bei uns hat Jodie Foster die beste Synchronstimme, finde ich.

Echt? Das ist ja großartiges nutzloses Wissen (lacht). Jodie Foster hat bei uns schon ja Regie geführt, und wenn sie mal wieder zu uns kommt, werde ich ihr das erzählen. Sie ist eine so großartige, inspirierende und kluge Frau und eine tolle Regisseurin!

So, jetzt kommen die lesbischen Fragen…

Bitte! Her mit den lesbischen Fragen! (lacht)

Ich mag die Freundschaft zwischen Nicky und Lorna - auch nach dem Ende ihrer sexuellen Beziehung. Aber was war das zwischen den beiden? Liebe oder nur Sex? Und wie hat das in Lornas Welt gepasst, wo sie doch so eine Romantikerin ist und so heterozentriert denkt?

Das ist das Problem mit ihr: Ich würde gerne ihre Fantasien stärker mit ihrer Realität in Einklang bringen. Die Realität ist: Die Beziehung mit Nicky ist ihre  stärkste und ehrlichste Beziehung. Sie lacht mit ihr, wird von ihr gefordert, sie bekommt von ihr sexuelle Befriedigung, Liebe und Bewunderung. Ich finde diese Beziehung wunderschön. All das Drama um Fantasie und Realität ist toll für eine Serie, aber wenn ich ihre Freundin wäre, würde ich ihr raten, ihre Fantasien ein bisschen zurückzufahren und die Realität mehr zu genießen.

Als Nicky in den Hochsicherheitstrakt kam, hat Lorna sehr getrauert.

Ja, es ist schrecklich, jemanden zu verlieren, dem man so nahe steht. Und wenn einem die Situation überhaupt keine Wahl lässt, muss das extrem schmerzhaft sein. Mir ist diese Beziehung aber auch aus ganz egoistischen Gründen wichtig (lacht): Ich liebe Szenen mit Natasha, sie ist so elektrisierend, sie hat so viel aus mir herausgeholt, einfach weil ich versucht habe, mitzuhalten.

In einem Interview hast du erzählt, dass du zuerst für Nicky vorgesprochen hast. Aber du hast die Rolle nicht gekriegt, weil du "nicht sapphisch genug" warst. Was heißt das denn?

(Lacht laut) Das war ein Witz. Ich habe keine Ahnung, warum ich sie nicht gekriegt habe. Aber Natasha ist Nicky, sie ist für diese Rolle gemacht. Das Dunkle, das Komplizierte, die Intelligenz – das haben sie von mir nicht bekommen. Diese Frau ist eine hervorragende Schauspielerin, ein herausragender Mensch und bekanntlich durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Und dass sie nach der ersten Staffel für einen Emmy nominiert wurde, bedeutet viel für jemanden, der über glühende Kohlen gelaufen ist.

Mir gefallen in Staffel 4 deine Szenen mit Uzo Aduba. Die Dusch-Detektivinnen von CSI Litchfield…

Ja, das war eine witzige Storyline und eine unerwartete Paarung. Lorna ist ja ziemlich rassistisch, und es ist schön, diese Veränderung in ihr zu sehen. Bei all dem Trauma, das Gefängnis bedeutet, hat es ihren Blick erweitert. Und mit Uzo zu spielen, ist natürlich toll. In den ersten Staffeln waren die ethnischen Gruppen ja sehr getrennt voneinander, und man hatte nur Szenen mit Leuten, die aussehen wie man selbst.

Du hast in Sydney gerade den TV-Mehrteiler Deep Water gedreht, in dem es um eine wahre Geschichte geht: eine Mordserie an Schwulen.

Ja, das ist eine wahre Schande für Sydney, das sich immer als homofreundlich gerühmt und diese große Pride Parade hat, den Mardi Gras. Aber tatsächlich haben wir eine dunkle Vergangenheit, die totgeschwiegen wird: Von Mitte der 80er bis Anfang der 90er Jahre gab es viele Morde und Übergriffe auf Schwule. Sie wurden übelst verprügelt, und manche wurden die Klippen heruntergestoßen. Diese Fälle wurden nie gelöst, viele gelten bis heute als Selbstmord. Unsere Story spielt heute, aber das Verbrechen weist in diese Vergangenheit.

Die Familien der Opfer wissen also bis heute nicht, was passiert ist?

Ja. Und die Leute, die überfallen wurden, wurden behandelt, als hätten sie es verdient, weil sie nach schwulem Sex suchten.

Und du spielst die Kommissarin, die die Mordfälle löst?

Genau. Und in Bezug auf OITNB war es toll, mal auf der einen Seite des Gesetzes zu stehen und mal auf der anderen. Aber in beiden Fällen ist es ein interessanter Blick auf Justizversagen.

Weiterlesen: Unsere Vorschau auf Staffel 4 von Orange is the New Black (jetzt auf Netflix) plus Rückblick auf Staffel 3 steht hier, unser Interview mit Selenis Leyva (Gloria) und Uzo Aduba (Suzanne "Crazy Eyes") steht hier, und wer Wissenswertes über den L-Faktor im Cast, die Sexszenen, Drehorte etc. erfahren will, klickt hier.

 

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