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Kino-Tipp „Landrauschen“: Kirche, Kiffen, Küssen – Ein moderner lesbischer Heimatfilm

In „Landrauschen“ tun sich eine Rückkehrerin aus der Großstadt und die einzige Dorflesbe in ihrem Heimatkaff zusammen. Authentisch, humorvoll und mit hohem Wiedererkennungswert für Lesben mit Provinz-Hintergrund! Ab 19. Juli im Kino.

Arsenal Filmverleih "Jetzt tu doch mal normal!" - Toni (Kathi Wolf, l.) und Rosa (Nadine Sauter)

Von Karin Schupp

18.7.2018 - Die Provinz, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2018, und das Dorfleben ist vielen - seien sie nun von dort geflohen oder noch nie länger dort gewesen - so fremd und fern wie das Weltall. Öde Langeweile, Klatsch und Tratsch, überholte Traditionen, sture Engstirnigkeit und dumpfer Konservatismus – das sind die typischen Vorstellungen, die auch Toni (Kathi Wolf) hat. Nach ihrem Studium und zu vielen Parties in Berlin kehrt sie in ihr Heimatdorf bei Ulm zurück, um den Reset-Knopf zu drücken und endlich als Journalistin durchzustarten - vielleicht aber auch nur, weil ihr nichts Besseres einfällt, als sich bei Papa und Mama zu verkriechen.

In Bubenhausen, wo die Zeit seit den frühen Achtzigern stehengeblieben zu sein scheint, gestaltet sich der Neuanfang holprig: Mehr als ein Praktikum in der Lokalredaktion ist nicht drin, und ihr schmieriger Chefredakteur will lieber einen launigen Bericht über den Faschingsball als Tonis distanziert-kritische Betrachtung dieses rituellen Massenbesäufnisses.

„Muschdu denn jeden Scheiß mitmache?“

Dass sie wieder in ihrem Jugendzimmer wohnt, lässt Toni umgehend zum pubertären Teenie regredieren, und auch ihre Mutter (Heidi Walcher) lässt die gut eingeübte Streit-Routine umstandslos wieder aufleben und reagiert auf jedes bisschen Großstadt, das Toni importiert – pinke Haare, Yoga – mit klassischen Was-sollen-denn-die-Nachbarn-sagen-Kommentaren wie „Muschdu denn jeden Scheiß mitmache?“ oder „Jetzt tu haltemal normal!“

Ein besonderer Dorn im Auge ist für sie Tonis wachsende Freundschaft mit Rosa (Nadine Sauter), die als allseits bekannte Dorflesbe definitiv nicht zum Spektrum des Normalen gehört. Rosa ist zwar von Blasorchester über Kirchgang bis Festzeltaufbau (und all das freiwillig und gerne!) fest verwurzelt und ist keinen Anfeindungen ausgesetzt, und doch fremdeln die Leute mit Rosas sexueller Identität, und bei einem Coming Out in ihrer eigenen Familie wäre es mit ihrer Toleranz sowieso schnell vorbei.

Rosa fühlt sich immer mehr zu Toni hingezogen

Mofatouren, nächtliche Streifzüge, kiffen und saufen im Wald, CSD in Ulm: Die beiden sind bald unzertrennlich, und Rosa fühlt sich immer mehr zu Toni hingezogen. Auch die scheint nicht abgeneigt, aber letztlich bleibt unklar, was sie wirklich von Rosa will – und sie weiß es wohl selbst nicht.

Während Toni mit ihrem ständigen Kreisen um sich selbst ein eher frustrierender Charakter ist, rückt Rosa glücklicherweise immer stärker in der Vordergrund. Auch wenn sie nicht gerade redselig ist, sind ihre Gefühle viel greifbarer, und sie hadert viel weniger mit ihrer Identität, auch als sie Ärger mit ihrem Arbeitgeber, der katholischen Kirche, bekommt.

Cast und Crew - alle kommen aus der Gegend

Als „queeren und feministischen Heimatfilm“ bezeichnet sich Landrauschen und betreibt kein Provinz-Bashing, sondern schaut genau und mit Humor hin, wo Tradition und Moderne aufeinandertreffen und manchmal auch Funken schlagen.

Mit authentischen und zum Teil dokumentarischen Bildern – Faschingsumzug, Fronleichnamsprozession und Dorffest sind echt! – gelingt es Lisa Miller wunderbar, das Örtchen als dritte Hauptfigur in Szene zu setzen. Kein Wunder: Sie ist selbst in Bubenhausen aufgewachsen, Produzent Johannes Müller und Hauptdarstellerin Kathi Wolf, der einzige Schauspielprofi im Film, kommen aus Nachbarorten, und in den übrigen Rollen überzeugen LaiendarstellerInnen aus der Gegend (keine Angst vor dem schwäbischen Dialekt: wo es nötig ist, gibt es Untertitel!).

Eine echte Entdeckung: Rosa-Darstellerin Nadine Sauter 

Dazu gehört auch Rosa-Darstellerin Nadine Sauter, im wahren Leben Heilerziehungspflegerin und tatsächlich die erste offene Lesbe in Bubenhausen: Sie ist eine echte Entdeckung, spielt einen im Kino viel zu selten gesehenen lesbischen Charakter und bietet einen hohen Wiedererkennungswert für jede Lesbe mit Provinzhintergrund. „Lisa hat viel von meiner Vergangenheit mit eingebaut“, sagt sie in den Produktionsnotizen. „Ich würde sagen: 50 % bin ich Rosa. Meine Lache ist genau gleich. Und ich habe meine natürlichen Emotionen mit eingebaut: Trauer, Freude, Angst, Wut etc. Ich hab immer versucht Rosa zu spüren.“

Landrauschen war der Überraschungshit beim diesjährigen Max Ophüls-Festival und räumte drei Preise, darunter den für den „Besten Film“, ab. Ab 19. Juli läuft der Film in ausgewählten Kinos (Termine auf Facebook und auf Kinosuchseiten, z.B. hier).

Landrauschen (D 2018), Regie/ Buch: Lisa Miller, mit Kathi Wolf, Nadine Sauter, Heidi Walcher u.a., 102 min.

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